Der Wandertipp

Seltene Natur im Grenzgebiet

Von Thomas Klein, Wiesen
12.08.2022
, 08:47
Gräser, Heidekraut, Siebenstern oder die charakteristischen „Wattebäuschchen" vom Wollgras verleihen dem Biotop ein heiteres Gepräge.
Einst von Menschen geschaffen, wurden ­Wiesbüttsee und -moor im Spessart zu bedeutenden Biotopen im Wald- und Grenzreich zwischen Hessen und Bayern.
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Gewässer sind eine Seltenheit im Spessart. Die wenigen wurden zum Nässen der berühmten Eichen- und Buchenstämme oder zur Regulierung von Flussläufen angelegt. Das, ein zweckgebundener, allerdings gänzlich anderer Grund leitete auch das Aufstauen des Wiesbüttsees im hessisch-bayerischen Grenzgebiet zwischen Flörsbach und Wiesen. Er wurde vor gut 250 Jahren auf einem 400 Meter hohen Bergrücken geschaffen, damit im fünf Kilometer entfernten Biebertal ausreichend „Aufschlagwasser“ für die komplexen Pumpsysteme der dortigen Silber- und Kupfererzstollen zur Verfügung stand.

Daran erinnert nurmehr wenig – außer eben dieser von unterirdischen Quellen gespeiste Teich, der, schon zuvor funktionslos, nach Stilllegung der letzten Bergwerke 1925 glücklich überdauerte. Naturpark und Forstwesen sorgten dann für geordnete Verhältnisse. Die eine Hälfte darf ihren natürlichen Lauf nehmen, die andere dient Freizeitbelangen, selbst an einem schmalen Sandstrand fehlt es nicht.

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Baden nur etwas für Unerschrockene

Nur dürfte das (erlaubte) Baden angesichts des brackigen Wassers etwas für Unerschrockene sein. Wandern und Naturbeobachtung sind hier die Favoriten, schließlich steht das Idyll des Wiesbüttsees nicht allein. Gleich dahinter liegt das einzige „Zwischenmoor“ im Spessart, ohne dass es den schwermütigen Charakter eines Hochmoores besäße. Goldgelbe Gräser, Heidekraut, Siebenstern oder die charakteristischen „Wattebäuschchen“ vom Wollgras verleihen dem inselartig durch Bäume gerahmten Biotop ein fast heiteres Gepräge.

Bei aller Naturbelassenheit geht der Wiesbüttsee auf menschliches Wirken zurück.
Bei aller Naturbelassenheit geht der Wiesbüttsee auf menschliches Wirken zurück. Bild: Thomas Klein

Das elf Hektar große Naturschutzgebiet kann ganz umrundet werden. Schautafeln erläutern, dass sogar dieses indirekt auf menschliches Wirken zurückgeht. Boden- und Pollenuntersuchungen lassen eine Besiedlung bereits vor gut 2500 Jahren vermuten. Die Torfbildung setzte ein, seit mittelalterliche Rodungen auf dem flachen Gebirgsstock mehr Wasser ein- als abfließen ließen. Zum Höhepunkt im 18. Jahrhundert, da Bergbau und Verhüttung nach großen Mengen Holz verlangten, gewann die Torfdecke zwei Meter Stärke.

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An der Übernutzung von Wald und Wasser hatten auch die Glashersteller ihren Anteil. So die Hütten, wie die meisten, nicht Bäumen und Quarzsand hinterherzogen, entstanden mancherorts feste Stätten. Zwei der bei Wiesen freigelegten sind in Grundzügen rekonstruiert – südlich am Birklergrund, wo man im 18. Jahrhundert unter vorindustriellen Bedingungen Flachglas produzierte, und weiter westlich nahe der Kahlquelle. Die nach einem Besitzer „Epstein“ genannte Hütte wurde bereits 1510 begründet und stellte in allen Größen und Varietäten das wichtigste Exportgut des Spessarts her – Trinkgläser.

Wegbeschreibung:

Vor dem Start im bayerischen Wiesen geht der Blick zu seinen bedeutendsten Bauwerken, der barocken Pfarrkirche und dem Kurmainzer Jagdschlösschen von 1597 (in Privatbesitz). Gegenüber nimmt man in der Aubachstraße den Fränkischen Marienweg (rot-blau) auf. Nach Rechtsknick strebt er im Linksbogen durch Eigenheime ebenso aufwärts wie im anschließenden Offengelände und dann in Wald, wo das Zeichen W 1 (schwarz) hinzutritt.

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Das wird 800 Meter weiter über einen Schlängelpfad am Richtungspfosten der Erkelshöhe links ab allein maßgeblich. Von der 500 Meter hohen Erhebung heißt es zwischen prachtvollen Buchen wieder hinunter, wobei wir genau auf der bayerisch-hessischen Grenze laufen, um nach einem Kilometer rechts dem in Hessen liegenden Wiesbüttmoor zuzustreben. Der Hauptweg – mit Aussichtsplattform – verläuft links; man kann auch die nördliche Variante wählen, die aufs Ganze gesehen etwas bessere Einblicke gewährt.

Bei Wiesen sind zwei historische Hütten rekonstruiert, hier die vornehmlich Trinkhumpen produzierende „Epstein“.
Bei Wiesen sind zwei historische Hütten rekonstruiert, hier die vornehmlich Trinkhumpen produzierende „Epstein“. Bild: Thomas Klein

Ob so oder so, beide Wege vereinen sich vor dem kleinen Wiesbüttsee. Kurioserweise bewacht ihn der hessische Löwe, während sein bayerischer Kollege den Selbstbedienungsimbiss an der nahen Straßenkreuzung im Auge hat. Für den Fortgang wendet man sich am jenseitigen Parkplatz den Markierungen B und E zu. Sie begleiten ein Stück unterhalb die Landstraße, queren bald einen Abzweig und führen weiter geradeaus im nun von Nadelgehölzen dominierten Forst.

Erneut bewegen wir uns über Kilometer auf der bayerisch-hessischen Demarkationslinie. Sie entspricht bis ins Mittelalter reichenden Gebietsgrenzen und Handelswegen wie der Birkenhainerstraße und dem Eselsweg. Nicht von ungefähr widmete man ihren Kreuzungspunkt Dr. Karl Kihn. Ein kurz nach seinem Tod 1934 errichteter Gedenkstein erinnert an den Arzt, der 1913 zu den Mitbegründern des Spessartbundes gehörte und ihn fünf Jahre bis 1925 leitete.

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Das B der Birkenhainerstraße bleibt jetzt zurück, wenn wir uns links gen Kahlquelle umorientieren. Stattdessen nimmt man – neben dem E für den Eselsweg – das schwarze D ins Visier. Ab dem Auseinandertreten der beiden keine 300 Meter weiter zählt das E nur noch, soll der Kahlgrund ausgelassen werden. Dann versäumt man freilich eine zauberhafte Buchenpassage, durch die zu leiten – hier rechts abwärts – dem D vorbehalten wurde, das gleichfalls einem verdienten Wanderfreund, dem Landrat und Spessartbund-Vorsitzenden (1954 bis 1970) Heinrich Degen, gewidmet ist.

Ehe wir ins Traben kommen, weicht das D nach 600 Metern überraschend rechts in einen Pfad aus, um durch einen engen Korridor an Rot- und Hainbuchen zu lotsen, deren Blätter später gerade noch Platz zum Gehen lassen. Das Schauspiel beendet erst das Sträßchen vor dem Tal der Kahl. Die größere ihrer Quellen liegt auf der anderen Seite.

Nun wieder über einen ansteigenden Forstweg, knickt das D nach gut 700 Metern scharfwinklig rechts ab für die 250 Meter zur wahrlich versteckten Glashütte Ep­stein – an der Gabelung rechts (unterhalb ein Gebäude) und links etwas erhöht die in Grundzügen kenntlich gemachten fünf Öfen.

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Wir kehren um und setzen vorne den Anstieg fort, jetzt mit dem bereits zuvor sichtbaren, bis zum Finale gültigen Marienweg. Nach gut einem Kilometer biegt er links ab, und kurz darauf entschwindet er leicht rechts im Unterholz. Bei unverändertem Bergan umfängt uns erneut dichter Wald, der erst am Parkplatz vor der Straßengabelung zurücktritt.

Drüben, halb links, heißt es nun eben zwischen Feldern zu der hinter Bewuchs kaum auszumachenden Kreuzkapelle von 1883. Sie geht auf das verdienstvolle Wirken des langjährigen Pfarrers von Wiesen, Friedrich Frank, zurück. „Maria“ hilft auch beim Rest des Weges: kräftig fallend und, links, rechts, durch den neueren zum älteren Teil um die Kirche.

Sehenswert

Zwischen tief eingeschnittenen Bergen liegt die Spessartgemeinde Wiesen, deren Name an die Anfänge als Rodungsinsel erinnert. Später im Besitz der Mainzer Erzbischöfe, wurden von ihnen Pfarrkirche und Burg erneuert. Zum Barock entstand ortsbeherrschend St. Jakobus und (1597) auf spätmittelalterlichem Grund ein Jagdschloss und Verwaltungssitz. Ungewöhnlich ist sein hoch aufragendes, völlig schmuckloses Rechteck (abgesehen vom Treppenturm). Heute in Privatbesitz, diente es Ende des 19. Jahrhunderts als Pfarrhaus für Friedrich Frank. Der Geistliche schuf Bildungs- und Sozialeinrichtungen sowie 1883 die Kreuzkapelle oberhalb von Wiesen.

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Nahe der Kahlquelle konnten die Fundamente einer der wenigen, bis ins frühe 16. Jahrhundert reichenden, ortsfesten Glashütten im Spessart rekonstruiert werden.

Einkehren

Imbiss (mit Freisitz) am Wiesbüttsee (bei trockener Witterung geöffnet; dienstags Ruhetag). Zwei Gasthäuser auch in Wiesen.

Anfahrt

Über die A 66 zur Ausfahrt Gelnhausen-Ost und weiter über die B 276 in Richtung Biebergemünd bis zum Abzweig gen Wiesen.

Regelmäßige Bahn-/Busverbindung via Heigenbrücken.

Quelle: F.A.Z.
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