Der Wandertipp

Hessen hängt auch am Galgen

Von Thomas Klein, Herbstein
16.04.2021
, 14:41
Zum kulturellen Erbe Hessens zählen nicht nur Schlösser, Burgen und Gärten – im Vogelsberg wird auch eine Richtstätte bewahrt. Vom sehenswerten Herbstein aus ist sie gut in eine Tour durch offene Flur einzubinden.

In diesem Jahr begehen die Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen ihren 75. Gründungstag. Unter den knapp 50 von der Bad Homburger Verwaltung betreuten Objekten, zu denen Kastelle, Burgen, Klöster, Parks und Denkmäler zählen, würde man das vielleicht nicht vermuten: einen Galgen. Jener von Hopfmannsfeld im Vogelsberg ist das einzige Zeugnis früheren Strafvollzugs, das die Einrichtung zum Schutz des kulturellen Erbes bewahrt. Hessen hängt also am Galgen.

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Die beiden Rundsäulen aus Sandstein mit eingemeißelter Jahreszahl 1707 stehen stellvertretend für Örtlichkeit und Aufgabe eines solchen Hochgerüsts. Keineswegs diente es allein der Exekution von – eher selten verhängten – Todesurteilen. Zur Abschreckung reichte meist schon der Anblick der weithin sichtbaren Galgen. Sie markierten vor allem Grenze und Zuständigkeit eines Gerichts, in diesem Fall des bis ins 13. Jahrhundert reichende, zwölf Dörfer umfassende von Hopfmannsfeld. Es wechselte mehrfach den Landesherrn, verlor aber, kaum dass der steinerne Neubau stand, durch Vereinigung mit dem Nachbarsprengel Engelrod 1736 an Bedeutung.

Warum die neben einem Wegekreuz plazierten Säulen unangetastet blieben und selbst Napoleons Befehl zum Niederlegen von Richtstätten überdauerten, ließ sich nie vollständig klären. Am Spott, der Ukas sei nicht bis in die abseits liegende Region vorgedrungen, ist insofern ein Funken Wahrheit, als die Hauptverkehrsströme stets am hohen Vogelsberg vorbeiliefen. Reich war man nur an Steinen und Niederschlag.

Katholische Enklave

Die herausgeputzten Dörfer im farbenfrohen Schindel- oder Fachwerkkleid wollen freilich wenig zu diesem Ruf passen. Was einst gegen das rauhe Klima wappnete, schenkt einem Ort wie dem exponiert in mehr als 450 Meter Höhe thronenden Herbstein ein fast heiteres Bild, zumal auch sonst viel zur Bestandssicherung geschah. Der Vorposten der Fürstabtei Fulda besaß sogar eine (teilerhaltene) Stadtmauer und vor allem mit der spätgotischen St. Jakobus eine außergewöhnlich reich ausgestattete Kirche: Wandmalereien und Holzplastiken der Erbauungszeit stehen barocke Prunkkanzel und eine große Kreuzigungsgruppe am Hochaltar gegenüber.

Als katholische Enklave hielten sich in der durchaus biblisch verstandenen „Stadt auf dem Berge“ kulturelle Besonderheiten wie der berühmte „Springerzug“ an Fastnacht samt nachfolgendem „Hutzelsonntag“. Und offenbar konnte nur hier der Gedanke reifen (1964), jedem Hochzeitspaar auf Gemeindekosten drei Birken als Symbole für Glaube, Liebe und Hoffnung zu pflanzen. Daraus wurden ganze „Straßen der Ehe“, die den Kurpark zwischen Stadtgebiet und Vulkantherme mustern.

Selbst die Therme entspringt einer Portion lokalen Eigensinns, der eine Mineralquelle erhoffte, wo üblicherweise keine zu erwarten ist. Aller Skepsis zum Trotz stieß man 1975 in genau 1000 Meter Tiefe auf einen 33 Grad warmen Natrium-Calcium-Sulfat-Säuerling, der, kaum angezapft, den Bau des „höchstgelegenen Thermalbad Hessens“ nach sich zog. Die ersehnte Anerkennung als Heilbad erging im Jahr 2000.

Wegbeschreibung

Für den Wanderbeginn empfiehlt sich der Parkplatz an der (aktuell geschlossenen) Vulkantherme, wenn man nicht nach einem kleinen Rundgang durch Herbstein, geleitet von den Birken der „Straße der Ehe“ und dem Wanderzeichen weißes Kreuz, herunterkommt. Ob oben oder unten beginnend, am Thermen-Parkplatz wird – rechts vom Pflegeheim – über einen asphaltierten Pfad in den bewaldeten Hang eingestiegen.

Der mitlaufende „Vulkanring Vogelsberg“ samt einer „Extra-Tour“ ist vorerst zu ignorieren, da das weiße Kreuz den direkten Weg, bald nach der Kreuzkapelle rechts hinab, zu den naturgeschützten Schalksbachteichen zeigt.

Bizarre Eichen und Buchen saumen die Teiche und selbst die Dammkrone des größeren der zwei Gewässer, über die man hinübergeht. Jenseits werden nun, nach links, der „Vulkanring“ (zwei V) und die beiden Flammen der Extra-Tour relevant (jeweils rot und grün). Sie leiten an dichtem Uferbewuchs vorbei und dann über den Staudamm des anderen, zum Angeln freigegebenen Teichs.

Drüben gelangt man nach rechts durch das Wäldchen zu einem Feldweg, gleich links dem Forst entgegen, vor dem es linksseitig hinangeht. Hierbei verabschiedet sich die Extra-Tour; man verharrt geradeaus beim doppelten V, das schließlich eine freie Kuppe erreicht. Möchte man die ausholende Schleife über den Galgen auslassen, hält man sich dort links abwärts.

Ansonsten führt der Vulkanring um die Waldspitze herum und nach 400 Metern links in die Senke zum Kreuzen der Landstraße; weiter hinauf zur nächsten Straße, vor dem Friedhof nach links etwas entlang und nach rechts kurz steigend. Oben dann links neben Hecken bis zum Rechtsschwenk über die Anhöhe, wonach der Galgen aufragt. Nun zeigt sich, wie augenfällig sein Standort über dem Lautertal zwischen Hopfmannsfeld und Hörgenau gewählt wurde.

Zu letzterem schlägt der Vulkanring einen ausholenden Linksbogen. Am Ortsrand bleibt er zurück, wenn es mit der Brückenstraße hinein- und der Vogelsbergstraße links und An der Schulwiese rechts weitergeht. Die grünen Schilder des Radwegs R 7 geben zusätzlich Orientierung; an seinem Rechtsabzweig (Ulrichstein) geht es geradeaus, dann abgelöst vom Radweg „Basalttour“ gen Eichenrod. Vorbei am Friedhof, wird der Ort talwärts rasch angesteuert und jenseits der zu querenden Landstraße links hinaus gleich wieder verlassen.

Oben, noch vor der Grillhütte, biegt der Radweg nach rechts ab. Hier läuft man einige Schritte weiter zur bekannten Kreuzung auf der Anhöhe. Dort hält man sich nach rechts und stößt bald zur Extratour, ohne, jetzt auf vergrastem Untergrund, die Richtung zu ändern. Das gilt allerdings nur für 700 Meter. Denn mit dem Wiederauftreten der Basalttour folgt man ihr nach links aufwärts und oben links ein kleines Stück an und durch Wald.

Wieder draußen hat man die Wahl, links unverändert auf dem befestigten Weg (bei Nässe empfehlenswert) oder 200 Meter weiter links auf den vergrasten Weg durch die offene Flur (angezeigt ist „Terrainkur 4“) zu gehen. Keine 400 Meter weiter kommen Vulkanring und Extratour ins Spiel zum finalen Geleitsschutz: Nach gut 400 Metern links hinan in den Wald und kurz darauf rechts zur Basaltwand Felsenruhe, der 300 Meter langen Abbruchkante eines Lavastroms.

Der schlüpfrige Pfad mündet in einen Treppenaufgang, dem sich das Kolpingdorf anschließt. Sein vorgelagertes Spielgelände wurde als „Bibelpark“ mit hölzernen Nachbauten von Arche Noah und Jonas’ Wal gestaltet. So man nicht dahinter das Zufahrtssträßchen nach Herbstein nutzt, geht es geradeaus zum vertrauten Schlussstück von der Kreuzkapelle an.

Sehenswert

Auch im übertragenen Sinn nennt sich das 460 Meter hohe Herbstein „Stadt auf dem Berge“. Die Vogelsberggemeinde besitzt als katholisch-fuldaische Enklave einige herausragende Besonderheiten, so die spätgotische Pfarrkirche St. Jakobus. Wandmalereien und Plastiken wie eine Mondsichelmadonna entstammen der Frühzeit, Prunkkanzel und Hochaltar dem Barock. Nach dem Stadtbrand von 1907 sind nicht alle Gebäude historisch, etwa das Fachwerk-Rathaus; Straßenführung und teilerhaltene und begehbare) Mauer mit drei Türmen gehen aber auf das Mittelalter zurück. Seit einer 1000 Meter tiefen Bohrung im Jahr 1975 besitzt der Ort eine Mineralquelle mit angeschlossener Vulkantherme (seit 2000 Heilbad). Im Kurpark finden sich Hinterlassenschaften der Frankfurter Bundesgartenschau 1989 sowie zahlreiche Bäume, die seit 1964 von Hochzeitspaaren gepflanzt werden. Rechtshistorisch bedeutsam ist der Galgen bei Hopfmannsfeld von 1707 mit zwei runden Sandsteinsäulen.

Anfahrt

Herbstein liegt im nordöstlichen Vogelsberg; Direktanreise über die B275 oder die A5 und Lauterbach. Die Region ist am Wochenende nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Quelle: F.A.Z.
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