Der Wandertipp

Wasserreich Wetterau

Von Thomas Klein, Staden
01.07.2022
, 19:00
Auf engstem Raum sind in Staden zahlreiche historische Bauwerke und Parks konzentriert, darunter das „Seufzerbrückchen“ von 1684.
Seit die Flüsse der Wetterau renaturiert sind, haben 250 bestandsgefährdete Vogelarten in den Schutzgebieten Nachtweid und Mähried nun beste Bedingungen. Dem Wanderer bietet sich eine abwechslungsreiche Strecke.
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Wasser ist das Lebenselixier der Wetterau. Gleich vier nennenswerte Flüsse durchziehen die Region zwischen Taunus, Vogelsberg und Kinzigtal. Trotz der über Jahrtausende be­triebenen Landwirtschaft blieben stets größere Feuchtgebiete, die erst in jüngerer Zeit für Felder oder Weiden trockengelegt wurden, was wiederum ein Begradigen der Flüsse nach sich zog. Begünstigt durch allgemeines Um­denken bei abnehmender Bedeutung von Ackerbau und Viehzucht hat sich das unterdessen gründlich gewandelt, wozu der 1989 geschaffene „Auen­verbund Wetterau“ mustergültige Schrittmacherdienste leistet. Das ge­samte von Wetter, Nidda, Horloff und Nidder gebildete Flusssystem erfährt seither aufwendige Renaturierungsmaßnahmen und ist jetzt mit 7400 Hektar das größte Biotop in Hessen.

Gut ein Fünftel sind Naturschutz­gebiete (NSG). Zwei von ihnen, die NSG Nachtweid und Mähried bei Florstadt-Staden, wurden bereits Jahre vor Ausweisung des Auenverbundes als Vor­boten veränderten Umweltbewusstseins ausgewiesen. Weit über die insgesamt rund 200 Hektar großen Kern­flächen hinaus entstand eine Graslandschaft, in der scheue Bodenbrüter ideale Rückzugsräume finden. Mit ihren verschiedenen Unterarten wie Teich- oder Blesshühner haben Rallen hier ihre größte Kolonie. Rund 250 Vogelarten werden gezählt.

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Zur besseren Übersicht kamen zuletzt einige Schutzhütten vor Wasserflächen hinzu. Natürlich sind aus den Sehschlitzen besser die Großvögel erkennbar, Graureiher, Höckerschwäne und der zum Symbol für intakte Umwelt gewordene Storch. Vielerorts errichtete Nisthilfen bilden da lediglich das augenfälligste Merkmal. Alljährlich werden neue Rekorde aufgestellt – bis zu 100 Paare, mehr als bei einer Bestandsaufnahme 1904. In beiden NSGs drängen drei, vier Junge in luftiger Höhe, bevor sie sich in diesen Tagen erstmals mutig in die Tiefe stürzen.

Seit der Renaturierung genügten kaum 20 Jahre, um aus der seelenlosen Nidda ein Feuchtgebiet zu machen, das im Regenwald angesiedelt sein könnte.
Seit der Renaturierung genügten kaum 20 Jahre, um aus der seelenlosen Nidda ein Feuchtgebiet zu machen, das im Regenwald angesiedelt sein könnte. Bild: Thomas Klein

Nur für Burgen ist die flachwellige Wetterau kaum geeignet. Doch warum in die Höhe streben, wenn auch Wasser herrschaftliche Bauten schützen kann. Da gibt es einige beeindruckende Beispiele wie Büdingen oder Bingenheim, und auch in Staden hat man nah am Wasser gebaut. Bereits im 12. Jahr­hundert platzierte man ein Gemäuer zwischen zwei Armen der Nidda.Ob der Graben abschreckte oder die nachmalige Ganerbenburg wenig für kriegerische Auseinandersetzung geeignet schien, die Burg wurde nie zerstört, freilich mehrfach umgestaltet. Davon blieben der mächtige Torturm und der Hauptbau des Ysenburger Schlosses (heute Hotel). Der Wasserreichtum kam später der Anlage von Parks mit exo­tischem Gehölz entgegen, darunter eine Sumpfzypresse, deren Äste rechtwinklig abgeknickt sind.

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Wegbeschreibung

Dank seiner verkehrsgünstigen Lage bildet Staden einen guten Ausgangspunkt für Exkursionen in die Nidda-Auen. Bei Start von der Bushaltestelle Am Park (dort auch ein Parkstreifen sowie am Sportplatz) läuft man gegenüber der klassizistischen Kirche durch den Herrenpark mit altem Baumbestand, umgeht das barocke Löw’sche Schloss und gelangt zum Ysenburger Schloss. Rechts vorbei erkennt man etwas versetzt das „Seufzerbrückchen“ von 1684. Den bedachten Fachwerkgang über den Mühlgraben sollen einst unter Weh­klagen die Gefangenen zum linksseitigen Kerker genommen haben. Heute sieht sich die Gemeinde lieber als „Ve­nedig der Wetterau“. An der Landstraße ziehen wir ins Niddatal, biegen aber noch vor der Brücke rechts in den Radweg gen Nieder-Mockstadt.

Außerdem treten sporadisch grüne Schilder des Auenlandwegs auf. Nach zwei „Haken“ durch ein Wäldchen schicken uns die Zeichen in die weite Ebene hinaus, nicht ohne wie zur Be­grüßung ein Storchenmast in unmittelbarer Nähe zu passieren. Jenseits der Autobahn führt der Weg geradeaus zwischen Wiesen und Feldern, ehe er rechts auf Nieder-Mockstadt zuhält. Nahe der äußersten Häuserzeile geht es entlang und am ersten Querweg links; jetzt ohne Radweg und Auenlandweg, der bald rechts vor den freistehenden Gehöften abknickt. Noch eine Kurve, und vorn sichten wir in 400 Meter Entfernung eine Beob­achtungshütte. Sie ist nur per Stich­strecke einzubeziehen. Von unten gesehen, biegt man dann vor den Häusern links ab oder eben gleich rechts.

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Voraus er­kennt man einen cremefarbenen Unterstand. An ihm vorbei, und damit über teils vergraste Pfade stets ge­radeaus. Hier wie vielerorts im NSG Nachtweide werden auch ausgedehnte Kopfweidenbestände geschützt. Ausgangs einiger Kleingärten heißt es rechts und sofort links über einen Kilometer zum breiten asphaltieren Querweg; dort links zur Nidda-Brücke. Ein Hauch Mangrovenwald liegt über dem brackigen, von ausladenden Bäumen beschatteten Gewässer. Auf der anderen Flussseite können wir wählen: Rechts für eine Schleife durch Dauernheim oder 700 Meter weiter geradeaus. Der Schlenker – mit Weid-, Lang- und Kurze Gasse – lohnt wegen seiner rund 100, ins 17. Jahrhundert reichenden Felsenkeller unter der go­tischen Kirche. Heinrichspforte, Stadener Straße und Am Bieberbau leiten wieder hinaus.

Draußen unterquert man die Landstraße und schließt sich geradeaus den Radwegen R 4 und Niddaroute an. So abwechslungsreich die Strecke zwischen Feldern und den Biotopen der baumgesäumten Nidda ist, jetzt muss über eine längere Phase Asphalt in Kauf genommen werden (die Bankette sind ge­mäht). Nach gut zwei Kilo­metern liegt der nächste Beobachtungsstand vor uns. Hier hat der elegante Silberreiher sein Refugium.

Nicht fern, und wir unterqueren die Autobahn. Dort lässt sich verkürzend mit den Radwegen direkt nach Staden zurückkehren. Ansonsten rechts, am Zaun eines Lkw-Parkplatzes der Autobahn entlang bis vor den rampenartigen Anstieg; oben links, durch zwei Kurven unverändert hinan und am nächsten Querweg links und wenige Schritte dahinter rechts. Der Limesweg kann ignoriert werden, da es nur geradeaus im Wald weitergeht. Auch von einem holprigen, halb zugewachsenen Pfad lassen wir uns nicht irritieren, denn schon bald taucht an einer Kreuzung eine hölzerne Bank auf. Und damit links in den mit Verbundpflaster ausgelegten Weg, der durch Korn- und Rapsfelder hinabführt, was nach Überschreiten der Landstraße seine Fortsetzung findet.

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Unten steht man vor dem NSG Mähried. Auch hier wird man über 300 Meter für den Beobachtungsstand einen Abstecher einlegen. Vor seinen Sichtfenstern überraschen ganz andere Spezies: Rinder und Pferde. Sie sollen nicht nur der Verbuschung vorbeugen, in ihre Trittsiegel finden auch seltene Pflanzen wie der Sumpffarn, was wiederum Amphibien, Libellen und Schmetterlinge anzieht. Retour, umkurven wir die gesamte Ostseite und biegen dann am Sauerbrunnen – mit trinkbarem eisenhal­tigem Wasser – durch den Park in den alten Kern. Vor dem Torturm schwenken wir rechts zum Ausgangspunkt ein.

Sehenswert

Auf engstem Raum sind in Staden Bauten vieler Stile und sogar Parks konzentriert. An die Wasserburg aus dem 12. Jahrhundert erinnert noch der quadratische romanisch-gotische Torturm. Als Ganerbenburg blieben von den wiederholten Umbauten Teile des Renaissanceschlosses (1574) erhalten, später in Besitz der Büdinger Grafen. Etwas verdeckt dahinter das „Seufzerbrückchen“ über den Mühlbach. Der Fachwerkgang von 1674 erhielt später eine welsche Haube. Aus dem Barock kam das Schlösschen der Freiherren von Löw auf die Nachwelt. Teile des zugehörigen Parks sind frei zugänglich, ebenso der Park im Westen. Selbst für den Klassizismus hat Staden mit der Pfarrkirche von 1837 ein unverändertes Beispiel aufzuweisen.

Im Nachbarort Dauernheim blieb das Ortsbild mit Fachwerkhäusern aus dem 17. bis 19. Jahrhundert weitgehend geschlossen bewahrt. Unterhalb der Pfarrkirche wurden seit dem 17. Jahrhundert über zwei Geschosse gut 100 Felsenkeller zur Weinlagerung angelegt.

Anfahrt

Von Friedberg kommend, liegt Staden an der B 275; in der Nähe führt auch die A 45 vorbei. – Regelmäßige Verbindung mit S 6 bis Friedberg und weiter via Bus; Haltestelle Am Park.

Quelle: F.A.Z.
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