Wandertipp

Die überirdische Totenwelt Oppenheims

Von Thomas Klein
Aktualisiert am 20.11.2020
 - 10:01
Größtes Totenhaus nördlich der Alpen: Rund 20.000 Gebeine werden in der Michaelskapelle zu Oppenheim, offen einsehbar verwahrt.
Das rheinhessische Oppenheim besitzt eine einzigartige Toten- und Unterwelt. Neben dem größten Beinhaus nördlich der Alpen gibt es in der Stadt am Rhein kilometerlange Gänge unter der gesamten Altstadt.

Sind es zwölf- oder gar zwanzigtausend Gebeine? Die Schätzungen über die Zahl der Skelette im größten Totenhaus nördlich der Alpen schwanken. Das rheinhessische Oppenheim macht nicht viel Aufhebens um dieses einzigartige Zeugnis früheren Bestattungswesens – vielleicht weil der frei einsehbare Knochenberg in der Michaelskapelle hinter der Katharinenkirche als zu schockierend empfunden werden könnte.

Mit der Auslagerung des Todes auf dezentrale Friedhöfe geriet in Vergessenheit, dass früher die Gräber in geweihter Erde die Kirchen umgaben. Die ohne Sarg liegenden Leichen wurden später entfernt und in den zumeist dem „Seelengeleiter“ Erzengel Michael gewidmeten Ossarien gestapelt. In Oppenheim freilich nur Schädel und Extremitäten. Das musste für den Glauben an eine leibliche Wiederauferstehung genügen.

Wunder der Katharinenkirche

Warum man dort später das Beinhaus nicht ausräumte, konnte nie recht geklärt werden, wenn auch das Gräberfeld nach Wasserverunreinigungen spätestens um 1800 ausgedient hatte. Zweifellos ist Oppenheim eine selbstbewusste Gemeinde, die schwerste Zerstörungen überwand und sich schon mal als vormalige Reichsstadt den Anordnungen des Landesherrn, der Kurpfalz, widersetzte. Dem Bildersturm seit Einführung des Calvinismus 1565 war sie machtlos ausgeliefert. An der heiligen Katharina, eine der 14 Nothelfer, und Erzengel Michael hielt man fest.

Es grenzt an ein Wunder, dass die Katharinenkirche noch steht. Dieses bedeutendste gotische Gotteshaus zwischen Köln und Straßburg wurde wie die Stadt mehrfach in Mitleidenschaft gezogen, und doch ist es nach Restaurierungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts beeindruckender denn je anzusehen. Alles war auf Repräsentation und Überhöhung ausgelegt. Am stimmungsvollsten zeigt sich der Kirchenraum, wenn Sonnenstrahlen die aus sieben Jahrhunderten stammenden 44 Fenster mit biblisch-sakralen und weltlichen Motiven in Licht taucht.

Dass auch mittelalterliche Verglasung überdauerte, ist einer weiteren Besonderheit zu verdanken. Die Stadt durchzieht über sieben Etagen ein gut 50 Kilometer messendes Netz unterirdischer, ungezählte Hohlräume berührende Gänge. Dorthin wurden die Kirchenfenster bei Gefahr gebracht. Ansonsten lagerte man dort Vorräte und Wein. Die Fläche für die Haupteinnahmequelle wird früher freilich weitaus größer gewesen sein als die heute angebauten 700 Hektar Reben.

Wegbeschreibung

Die Umgebung Oppenheims zeigt zwei Gesichter. Amphietheatrig ansteigende Weinberge, denen das dicht bewachsene, teils naturgeschützte Rheinufer gegenübersteht. So erreicht man vom Bahnhof in fünf Minuten auenartige Vegetation. Die von der B 9 abzweigende Fährstraße führt darauf zu; dort auch viel Parkraum. Aus der Rechtskurve dann geradeaus vorbei an Pappeln zum Fluss, der nach rechts die Richtung vorgibt. Nochmals treten Bäume und Buschwerk an einem Festcamper-Platz zurück, bevor sich der grüne Zaun schließt. Auf dem Deich dazwischen kommt man gut voran, hoch genug, um den Schiffsverkehr und das Naturschutzgebiet Knoblochsaue an der hessischen Rheinseite in den Blick zu nehmen.

Fast verdeckt bleibt der Sportflugplatz von Dienheim. Der am Ende rechts abknickende Weg ist zu ignorieren, erst 700 Meter weiter, vor der gepflasterten Freifläche, biegen wir rechts in den Wirtschaftsweg, übersteigen einen Damm und streben auf den vom Kirchturm überragten Ort zu. Der Turm ist romanisch, man hat ihn beim spätbarocken Ausbau des Langhauses der Bonifatiuskirche ebenso belassen wie den gotischen Chor aus dem 15. Jahrhundert. Damit blieb auch die kostbare Ausmalung floraler Motive um eine Schutzmantelmadonna bewahrt.

Der Kirchstraße folgen wir bis zur Rheinstraße, wo der gelbe Zubringer für den Rheinterrassenweg bereitsteht. Mit ihm rechts und gleich links in die Wingerte. Ein kurzer Anstieg stellt die Verbindung zum Fernweg Worms–Mainz her. Der Name verspricht nicht zu viel – bei großartigem Panorama über den Rhein bis Odenwald und Darmstadt laufen wir zwischen den terrassenartigen Rebzeilen, während voraus die Katharinenkirche mit jedem Schritt höher herausragt.

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Bei solchen Ausblicken nimmt man einen Wermutstropfen hin: alle Weinbergswege sind befestigt. Schlussendlich auch die Passage inmitten der Oppenheimer Lage Krötenbrunnen, hier versinnbildlicht durch eine künstlerisch gestaltete Riesenkröte an einer Sitzgruppe. Der Brunnen wurde nach den Verunreinigungen des Grundwassers Ende des 18. Jahrhunderts ergraben.

Dann schwenkt der Weg in weitem Rechtsbogen auf Oppenheim zu. Hinter dem Friedhof gelangt man durch das Gäutor in die Altstadt, oder man hängt noch die Schleife über die Burgruine Landskrone an. Ein Treppenweg führt zu ihr und der Michaelskapelle hinunter. Ein Kirchgarten mit biblischen Pflanzen vervollständigt den stadtbeherrschenden Sakralbezirk.

Für den Gang in die Ortsmitte nutzt man die Merianstraße bis zum Marktplatz und seinen Antipoden, dem Rathaus mit doppeltem Staffelgiebel und der gotischen Pfarrkirche St. Bartholomäus, einst zu einem Franziskanerkloster gehörend. Über die Mainzer Straße geht es weiter hinab zu Bahnhof und Fährstraße.

Daten

Länge: 12 km
Höhenmeter: 160
Karte: Rheinhessen, Maßstab 1:50.000, Landesamt für Vermessung Rheinland-Pfalz

Anfahrt

Über Mainz und die B 9 oder aus dem Hessischen Ried mit der Rheinfähre Gernsheim-Oppenheim. Öffentliche Verkehrsmittel: Halbstündliche Bahn-Verbindung ab Mainz Hauptbahnhof oder Römisches Theater.

Sehenswert

Über Oppenheim am Rhein erhebt sich die prachtvolle Katharinenkirche. Ihre reiche Schauseite hoher Fensterbahnen, „Rose“, Streben und Fialen reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück, der das Langhaus überragende Westchor ins frühe 15. Jahrhundert. Die Originalverglasung ist teilweise erhalten, ergänzt um ständische und säkulare Arbeiten bis in jüngste Zeit. Die spätgotische Michaelskapelle dahinter birgt die Rarität eines Beinhauses. Belegt seit dem Spätmittelalter bis ins ausgehende 18. Jahrhundert mit rund 20.000 Skeletten, gilt es als größtes nördlich der Alpen; es ist frei einsehbar. Daneben ein Kirchgarten mit biblischen Pflanzen. Bemerkenswert auch die gotische Batholomäuskirche eines früheren Franziskanerklosters sowie ihr gegenüber stattliche Bürgerhäuser und das Rathaus mit doppeltem Treppengiebel (um 1700). Eine Besonderheit ist das bis ins Mittelalter reichende Gängesystem unter der gesamten Altstadt. Bislang sind mehr als 50 Kilometer über sieben Etagen bekannt; einige Abschnitte sind im Rahmen von Führungen zugänglich.

Die Katharinenkirche ist derzeit samstags und sonntags 13 bis 16 Uhr geöffnet, der Außenbereich mit der Michaelskapelle täglich 10 bis 16 Uhr; ebenso stehen die anderen Kirchen offen. Aktuell geschlossen sind Deutsches Weinbau- und Stadtmuseum sowie das Kellerlabyrinth.

Einkehren

Oppenheim hat ein belebtes Zentrum, in dem auch während Corona im Straßenverkauf Speisen und Getränke zu erwerben sind. In normalen Zeiten gibt es eine abwechslungsreiche Gastronomie.

Quelle: F.A.Z.
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