Der Wandertipp

In den Schluchten des Spessart

Von Thomas Klein
30.10.2020
, 07:29
Wo einst die Schlacht von Dettingen tobte, liegt der Zugang zur Rückersbacher Schlucht, der mit drei Kilometer längsten und geologisch bedeutendsten im Spessart.

Wenn ein Gestein für den Spessart steht, dann Buntsandstein. Als gewaltige, stellenweise mehrere hundert Meter dicke Decke liegt er über sehr alten Schichten von Gneis und Glimmerschiefer. Vor etwa 250 Millionen Jahren entstanden und seither recht gleichmäßig verwittert, formt der Stein das vorherrschende Bild sanftwelliger, überwiegend von Laubwald bewachsener Höhen. Es bedurfte schon der Gewalt reißenden Wassers, damit auch das darunter Liegende zum Vorschein kommen konnte. Insbesondere an der westlichen Abbruchkante haben Sturzbäche lange genug den Sandstein abgeschliffen und beeindruckende Formationen wie die Rückersbacher Schlucht bei Alzenau-Hörstein freigelegt. Auf rund drei Kilometer Länge hat die Sägearbeit des namengebenden Gewässers eine Kulisse fast senkrechter Flanken aus dem Glimmerschiefer herauspräpariert.

Als willkommener Nebeneffekt eröffnet der mineralreiche Untergrund den Anbau von Wein. Auf 85 Hektar summieren sich die Reben der Alzenauer Ortsteile, ein kleines, aber feines Gebiet, dessen kräftig-spritzige Rieslinge nicht hinter denen des Rheingaus zurückstehen müssen.

Die „Pragmatische Armee“

Für Briten verbindet sich mit der Region einer ihrer glorreichen Siege. Derart verherrlichte ihn jedenfalls Georg Friedrich Händel in seinem für den Dankesgottesdienst komponierten „Dettinger Te Deum“. Im Namen klang der Ort des Geschehens an, wo die „Pragmatische Armee“ unter Führung des englischen Königs Georg II. am 27. Juni 1743 die Franzosen im Rahmen des Österreichischen Erbfolgekrieges niederrang. Hierzulande fast vergessen, erinnert ein Findling an die rund 7000 Opfer dieser Bataille in der Niederung zwischen der Rückersbacher Schlucht und den Gemeinden Dettingen und Hörstein.

Wegbeschreibung

Dem Naturwunder Rückersbacher Schlucht nähert man sich am besten von der Ebene ab Hörstein. Es hat eine gute Busanbindung, liegt autobahnnah und besitzt mit dem „Hofgut“ noch ein ansprechendes Weinlokal mit Verkauf, seitdem einige Traditionshäuser schlossen. Der Bus hält an der Station „Mitte“, von der es zur Räuschberghalle geht. Dort findet sich auch ein großer Parkplatz mit Direktzufahrt vom vorgelagerten Verkehrskreisel. Bei Sicht auf Weinberge folgt man dem breiten Asphaltweg in südliche Richtung gut einen Kilometer bis an den Waldrand. Nach rechts eröffnet ein Abstecher über 300 Meter den Weg gen „Friedensstein“ im Bereich des Schlachtfeldes. Auch die 1950 am Ausgangspunkt errichtete Mariengrotte versteht sich als Mahnerin zum Frieden.

Davor nehmen wir das blaue M auf. Gegenüber schlüpft das für den Mainwanderweg stehende Zeichen in einen unscheinbaren Pfad, womit nun dem Asphalt ausgewichen wird. Allzulange hätte er nicht mehr gewährt, es sei denn, man läuft weiter geradeaus bis zur beliebten Einkehr „Schluchthof“ am Zugang der Rückersbacher Schlucht. Doch auch hier, wenn das M kurzzeitig auf das Sträßchen tritt, gibt es mit dem italienischen Gasthaus „Heißerackerhof“ eine Raststation.

Wenige Meter dahinter schwenkt die Markierung links in den Wald, knapp 400Meter leicht bergan und dann rechts hinüber zur Schlucht. Damit erhält das rote X die Führung, ohne dass es seiner zunächst für den untrüglich durch die tiefe Klamm verlaufenden Weges bedarf. Auch der Hinweis auf Phonolith links davon ist nicht zu übersehen. Die eindrucksvollsten Felsformationen sind im oberen Bereich konzentriert.

Erst wenn ein Steg gequert wurde und nach dem scharfen Linksknick die urwaldartige Szenerie und ein Klärwerk passiert sind, wird das X relevant für den Rechtsabzweig in einen steilen Weg zu ersten Häusern der Gemeinde Rückersbach. Vor der Pfarrkirche halten wir uns rechts durch die Serpentine und neben der Straße zum Wegekreuz auf der aussichtsreichen Anhöhe. Dort bleibt das X vorerst zurück. Bis zum Wiederanschluss orientiert man sich am Fränkischen Marienweg (rotblau). Über kaum befahrene Sträßchen strebt es weiter aufwärts dem Wald entgegen, um dann bald wieder an Höhe zu verlieren. Unten, am Parkplatz jenseits der Straßeneinmündung, steht das X abermals bereit für die Verbindung zum einen Kilometer entfernten Kreuz Siebenwege, ungeachtet des noch etwas mitlaufenden Marienweges.

An der Kreuzung wechseln wir in die Obhut des roten Diagonalstrichs links abwärts gen Hörstein. Kurz darauf biegt er scharf links ein und schwingt per ausholender Kurven in abwechslungsreichem Wald der „Schönen Aussicht“ entgegen. Entsprechend reicht der Blick bis Odenwald und Taunus. Wahlweise lässt sich bei diesem Bild vor Augen inmitten der Wingerte direkt absteigen. Dann weiter mit dem Diagonalstrich und unten am bekannten Asphaltweg rechts. Oder man hängt die Schleife durch Hörstein an.

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Hierfür sind ab der benachbarten Tierklinik A4 und roter Hase maßgeblich. Schon bald münden sie in einen langen Treppenweg, aus dem es rechts neben Rebzeilen bis an den Ort herangeht: Falls man nicht nach der Streuobstwiese links durch die Eigenheim-Siedlung gleich den Ausgangspunkt ansteuert, folgt man weiter dem Rechtsbogen zur Landstraße und links an der Mömbriser Straße hinunter, vorbei an Vinothek, Restaurant und Weinausschank „Hofgut Hörstein“. Seit der Generalüberholung 2017 samt Neubau der Kellerei auch optisch ein Gewinn.

Anschließend laufen wir quer durch die Gemeinde bis zu einem neu gestalteten Platz um einen fröhlichen Mönch samt Fass und der nahen Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt mit ihrem wuchtigen Wehrturm aus dem 15. Jahrhundert. Etwas unterhalb liegen Bushaltestelle und Räuschberghalle.

Sehenswertes

Weltgeschichte wurde selten im Spessart gemacht, nur einmal fand eine größere Schlacht statt, die vom 27.Juni 1743 bei Hörstein und Dettingen. Ein Findling und eine aus verschiedenen Spessartsteinen gebildete Mariengrotte erinnern an die Opfer und mahnen zum Frieden.

Gneis, Glimmerschiefer und Phonolith entstammen der nahen Rückersbacher Schlucht, der geologisch bedeutendsten und längsten im Spessart. Auf drei Kilometer ist dort der vorherrschende Buntsandstein durchbrochen.

Auch der Bruchstein des Wehrturms von 1450 der Kirche Mariä Himmelfahrt in Hörstein entstammt älteren Schichten; im Inneren eine Anna-Selbdritt-Gruppe. Der mineralreiche Untergrund begünstigt den Weinbau; auf rund 50 Hektar werden in Hörstein vornehmlich Riesling, Silvaner und Spätburgunder gewonnen.

Anfahrt

Über die A 45 bis Anschlussstelle Karlstein; noch vor Hörstein ist die Räuschberghalle angezeigt. - Öffentliche Verkehrsmittel: Ab Bahnhof Karlstein-Dettingen stündliche Busverbindung mit Linie 31 bis Hörstein, Mitte.

Quelle: F.A.Z.
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