Der Wandertipp

Wo auch die Häuser unterwegs sind

Von Thomas Klein, Kirchzell
20.05.2022
, 15:29
Abgelegen: die im 12. und 13. Jahrhundert erbaute Burg Wildenberg
Diesmal führt der Wandertipp in den Odenwald und zu einem Gebäude, das als das älteste Bauernhaus im Odenwald gilt. Der Ausgangsort Kirchzell liegt im Gabelbachtal.
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Es heißt nach Watterbach, stand in Breitenbach und ist heute bei Preunschen zu finden. Auch unter Berücksichtigung, dass dieses Gebäude rund 550 Jahre zählt, sind seine Stationen so ungewöhnlich wie des Rätsels Lösung. Das Fachwerkhaus ging zweimal auf Wanderschaft, als ihm am ursprünglichen Standort, der Gemeinde Watterbach im südöstlichen Odenwald, der Abriss drohte. Um den Ständerbau zu retten, wurde er 1966 abgetragen und im einsamen Weiler Breitenbach wiedererrichtet, damit er zum Nukleus eines Freilichtmuseums örtlicher Gegebenheiten werde.

Weil sich der Plan zerschlug, zerlegte man das unterdessen gründlich erforschte, auf 1475 datierte „älteste Bauernhaus im Odenwald“ erneut, um es 1982 in das 470 Meter hoch liegende, noch heute etwas weltabgeschiedene Preunschen zu versetzen. Bewahren durch Nutzen hieß nun die Losung, aber weil selbst dort niemand mehr mit dem Vieh unter einem Dach leben wollte, kam der rettende Gedanke in Gestalt eines Waldmuseums. Nach langer Planung konnte es dank der vereinten Kräfte von Kreis Miltenberg, der Gemeinde Kirchzell sowie diversen Behörden und Fachleuten vor 25 Jahren eröffnet werden.

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Hinter dichtem Wuchs liegende Ruine

Unter dem offenen First (ohne Abzug!) mit seiner aufwendigen Konstruktion aus 35 Stützbalken wird in anschaulich gestalteten Szenarien über ein Jahrtausend Forstwirtschaft verfolgt, an deren Ende vielerorts fast alles gefällt, versteppt oder für die Bedürfnisse von Jagd und Waldweide hergerichtet war. Erst der im frühen 19. Jahrhundert keimende Nachhaltigkeitsgedanke bei abnehmender Bedeutung von Holz zum Bauen und Heizen erlaubte eine Erholung der Wälder.

Es fehlen auch nicht Modelle der nahen Burg Wildenberg. Die heute stimmungsvoll hinter dichtem Wuchs liegende Ruine verkörpert wie kaum eine zweite das staufische Selbstverständnis, Herrschaftsanspruch durch repräsentative Architektur zu untermauern. Außen wurde das 90 Meter lange Rechteck der Herren von Dürn vollständig mit Buckelquadern verkleidet, und innen überraschen dreibogige, kapitellgestützte Fenster nach Vorbild der Pfalzen von Gelnhausen oder Wimpfen.

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Wegbeschreibung

Der Ausgangsort Kirchzell liegt im Gabelbachtal. Da bleibt nicht viel Platz zum Parken, am besten in der breiteren Schulstraße (nach dem Rathaus in Richtung Watterbach) oder an den Wochenenden vor der Schule selbst. Dort – oder bereits von der neugotischen Pfarrkirche in der Hauptstraße an – weisen mehrere Zeichen aus der Marktgemeinde, ein N sowie K 4 und 5 (alle grün). Eine Weile begleiten sie den mäandernden Gabelbach im Wiesengrund, ehe sie sich bei Erreichen des Waldes entfernen. Sogleich beginnt das Steigen über 300 Höhenmeter bis Preunschen.

Erst als der Dreierverbund etwa 500 Meter weiter in der breiten Rechtskurve nach links zugunsten von O 1 (weiß) zurückblieb, wird es zeitweilig moderater, dann, jenseits einer ausgedehnten Blockhalde, sogar in Gefälle wechselnd. Doch das trügt, da die steilste Passage noch aussteht, wenn nach gut zwei Kilometern das rote N des Nibelungenwegs kreuzt. Mit ihm links, setzt es per Pfad zum Endspurt auf die Höhe an. Kaum sind wir oben, wirkt die Landschaft wie verwandelt – eine ausgedehnte, von Wiesen und wogenden Kornfeldern geprägte Hochebene öffnet sich. Voraus liegt Preunschen, dessen Kranz an Neubauten um leerstehende Gehöfte unwillkürlich die Frage aufwirft, wer eigentlich bewirtschaftet (noch) die Flächen? Quasi zur Ergänzung des frei vor der Ostseite stehenden Watterbacher Hauses mit dem Waldmuseum hängen frühere Gerätschaften aus Holz an zwei ehemaligen Scheunen.

Das quer durch den Ort führende N weist danach abermals in Felder, bevor es im Wald unter Mitnahme weiterer Zeichen wie der roten Raute zur Wildenburg absteigt. Der steile Hang lässt deren Gefährdung an der südwestlichen Flanke erahnen, wogegen man sich mittels Halsgraben an einem Felsriegel wappnete. Seine Zurichtungen samt Höhlung sind noch gut auszumachen. Weiter hinunter, und wir stehen unvermutet vor dem sandsteinroten Gemäuer, das gleich einer Dschungelfestung kaum die Bäume überragt. Selbst im Innenbereich wachsen Eichen und Linden, die man auch bei der jüngsten Restaurierung unangetastet ließ. Praktisch die ganze Anlage ist nun betretbar, nur der Bergfried nicht, öffnet aber zu den Führungen am ersten Sonntag im Monat.

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Unser Weg setzt sich vor der östlichen Mauerseite auf ganze Länge mit dem N und der Raute fort, übergehend zu Gefälle im anschließenden Forst; weiter durch eine ausholende Linkskurve und unten scharf rechts 400 Meter zum Waldausgang. Wenn kurz darauf das N rechts abknickt, verbleiben wir geradeaus bei der Raute, nicht ohne dort überdimensionierte Tiere – Schnecke, Spinne oder Schmetterling – zu beachten. Was ein origineller Spielplatz sein könnte, gehört zum „Smart Pfad“, der zwischen Mudau und Amorbach an sechs großen Installationen – so auch die „Waldkanzel“ oberhalb der Burg – Kinder zu „spannenden“ Experimenten für das Verständnis von Technik und Natur anhalten möchte.

Unser Schlussstück bedarf fast keiner Erläuterung. Am Rande des von Heu- und Streuobstwiesen geprägten Mudautals gelangen wir ebenen Weges zurück nach Kirchzell, wobei wir in Höhe der Ortschaft Buch die Raute gegen das bereits mitgelaufene grüne N eintauschen. Einziger Wermutstropfen der anmutigen Szenerie – der gesamte (Rad-)Weg ist ab der Smart-Pfad-Station asphaltiert. Um diesem auszuweichen oder um im Wald zu bleiben, gibt es eine Alternative mit der Markierung gelbes, kopfstehendes T. In ihrem Gefolge kraxelt man von der Burgruine 400 Meter wieder hinauf und am Abzweig mit großem Wurzelstumpf rechts. Der weitere Gang unter Bäumen verläuft fast eben, bevor man zwischen Viehweiden nach Kirchzell absteigt.

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Sehenswert

In direkter Nachbarschaft sind südlich von Kirchzell das älteste Bauernhaus im Odenwald sowie eine der größten staufischen Burgen Süddeutschlands zu finden. Beide sind authentisch bewahrt und zugänglich.

Das nach dem ursprünglichen Standort Watterbacher Haus genannte, vor dem Abbruch gerettete Gebäude steht nach einer Zwischenstation in Breitenbach (1966) seit 1982 in Preunschen.

Noch heute wirkt der südöstliche Odenwald dünn besiedelt. Umso mehr erstaunen die Ausmaße von Burg Wildenberg.Ursprünglich durch die staufischen Parteigänger, die Herren von Dürn, von etwa 1180 an errichtet, kam das 90 Meter lange Gemäuer 1271 an das Erzstift Mainz. Bis zur Zerstörung im Bauernkrieg 1525 blieb die Substanz mit reich geziertem Palas oder dem 25 Meter hohen Bergfried fast unverändert, seit dem 19. Jahrhundert mehrfach gesichert und restauriert.

Anfahrt

Über die A3 bis Aschaffenburg-Westund B469 nach Amorbach, weiter in Richtung Mudau bis Abzweig Kirchzell. Der Ort ist nur werktags mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.

Geöffnet

Watterbacher Haus am Wochenende sowie freitags 11 bis 17 Uhr. Die Wildenburg ist frei zugänglich.

Quelle: F.A.Z.
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