Wandertipp

Das Dorf verfiel, die Kirche blieb

Von Thomas Klein, Florstadt
Aktualisiert am 26.11.2020
 - 17:26
Dem Heiligen Gangolf geweiht: Die KIrche wurde schon 778 erwähnt.
Von den Wetterauer Sakralbauten verband die Sternbacher Kirche und das Kloster Arnsburg ein enges Schicksal. Heute stehen noch Bauten aus vier Jahrhunderten.

„Im Hessenland ein Kirchlein steht / Fernab von allen Straßen / Im Walde dort ein still Gebet / Wird Gott erbarmen lassen.“

Kaum treffender, nach Lage und Stimmung, konnte der Friedberger Heimatdichter Adolf Weckerling mit seinem Gedicht „Maria-Sternbach“ das Gotteshaus zwischen Assenheim und Florstadt umschreiben. Wie aber kommt es in den Wald?

Seine Weltabgeschiedenheit lässt nicht erwarten, dass die dem Heiligen Gangolf geweihte, bereits anno 778 genannte Kirche den Mittelpunkt eines Dörfchens bildete. Tatsächlich war es nach und nach im späten Mittelalter aufgegeben worden. Doch weder Zerstörung noch Missernten ließen den Stern von Sternbach sinken, sondern das übermächtige Zisterzienserkloster Arnsburg. Seit es das benachbarte Wickstadt zu einem großen Wirtschaftshof ausgebaut hatte, geriet auch das Umland unter Einfluss der grauen Mönche. Und das hieß drückende, von den Sternbachern nicht zu leistende Abgaben.

Mächtige Speicher und Stallungen

Das Dorf ging unter, die Kirche blieb. Nun unter Arnsburger Patronat, erhielt das romanische Langhaus einen spätgotischen Chor; die holzgeschnitzte Ausstattung kam im Barock hinzu. Später fügte man Einrichtungen für die wachsende Pilgerschar an, deren Verehrung eine im 15. Jahrhundert entstandene Plastik „Maria mit dem Kinde“ galt und noch immer gilt. Einige Votivtafeln hängen in der kleinen Außenkapelle, wo in der Adventszeit eine Krippe steht.

Wie die Sternbacher blieb die barocke Kirche der Grangie Wickstadt in einem rein protestantischen Umfeld katholisch, obwohl sie 1803 an die protestantischen Grafen von Solms-Rödelheim gefallen war. Dabei deutete nichts auf ein Ende der florierenden Abtei. Parallel zum Mutterhaus bei Lich wurde Wickstadt im 18. Jahrhundert fast ganz neu- oder umgebaut. Letztere bekam mächtige Speicher und Stallungen, die ebenso aus grob behauenem Basalt bestehen wie die gut ein Kilometer lange Außenmauer, gipfelnd schließlich 1792 in einem außergewöhnlichen Verwaltungsgebäude mit Mansarddach und vier runden Ecktürmen, das eher an ein Herrenhaus erinnert.

Das alles blieb erhalten. Allein die Funktion hat sich nach Jahrzehnten als Hofgut verändert. Die bäuerlichen Einrichtungen stehen seit der Reduzierung auf Ackerbau vielfach leer, während die Gebäude von Unternehmen, Handwerkern oder Privatpersonen genutzt werden. Exklusiv ist noch die Adresse.

Wegbeschreibung

Wanderbeginn ist an der Bushaltestelle Messeplatz an der B 275 im Zentrum Nieder-Florstadts. In der Nähe gibt es Parkraum. Für einen Blick auf privat genutzte Barockschloss der Freiherrn von Löw zu Steinfurth läuft man einige Schritte jenseits der Nidda weiter; ansonsten noch vor der Brücke rechts in den flussbegleitenden Weg.

Selbst hier in Bebauungsnähe wurde das Gewässer punktuell renaturiert. Augenfällig sind kleine Buhnen und Steinstufen, Bäume und Strauchwerk. Auch nach dem Zufluss der Horloff setzt sich das Naturschauspiel bis Ober-Florstadt fort, wobei die erste rechts abzweigende Straße ignoriert wird. Erst mit der zweiten abknickenden Straße gelangen wir im Gefolge der Radwegeschilder gen Stammheim hinein (Obergasse) und nach Queren der B275 in der Feldstraße wieder hinaus.

Der Asphaltweg Weg biegt bald links ein und führt durch offene Flur. Weit reicht der Blick über das hügelauf und hügelab rollende Felder. Wälder gibt es gleichwohl: Nach 1500 Metern steuern wir auf Bäume zu. Erst hinter der großen Hofanlage hat man die Wahl – am Waldrand entlang oder eine Schleife über das sehenswerte Stammheim angehängt. Ohne diese Variante heißt es an dem hölzernen Insektenhotel rechts, am Sportgelände oberhalb links und vor den Bäumen knapp einen Kilometer bis zu einem weiteren Fußballplatz. Für den Gang durch Stammheim dagegen links hinab und mit Wetterau- und Heegwaldstraße in den alten Kern im Bereich der Gießener Straße.

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Zu entdecken ist ein Ort, der noch viel seiner früheren Strukturen bewahrt: einer stattlichen Reihe giebelständiger, vielfach in Fachwerk aufgeführter Häuser stehen enge Seitengässchen gegenüber und am Ende der Schlossstraße ein Schlösschen mit Treppenturm. Die Anlage aus dem späten 16. Jahrhundert ist bewohnt und dient als Standesamt, kann aber ringsum eingesehen werden.

Vorbei an der barocken Pfarrkirche verlässt man Stammheim in der Hanauer Straße und folgt ihr bis zu besagtem Sportfeld. Vorne zeigt die Markierung weißer Strich zum Waldrand, wo gemeinsam mit den Kürzertretenden der Weg seine Fortsetzung findet – an der nächsten Kreuzung rechts unter die Bäume und 250 Meter weiter links. Dann geradeaus, auch wenn nach zwei Kilometern eine Straße gekreuzt wurde. Unter Auslassen von Wickstadt lässt sich 400 Meter dahinter rechts direkt gen Florstadt zurückkehren. Zur Sternbacher Kirche verbleibt man mit dem weißen Strich noch eine Weile geradeaus, ehe er links in dichteren Forst abknickt. Umso überraschter steht man dann vor dem in kräftigem Gelb gehaltenen Gotteshaus.

Am westlichen Zugang nehmen wir das grüne X auf und laufen über einen Schlängelpfad bis an die Nidda; davor 300 Meter links zur Brücke in Sichtweite von Wickstadt. Der Bezirk um das Gutsgebäude ist unzugänglich, nicht jedoch das Areal mit Kirche und Wehrspeicher. Hierfür geht man etwa 300 Meter weiter zur oberen Zufahrt. Wieder zurück, erreichen wir rechts der Nidda in einer halben Stunde Florstadt.

Daten

Länge: 15 (12) km (mit Stammheim 1,5 km länger)
Höhenmeter: 190
Karte: Vogelsberg/Wetterau, Maßstab 1:50.000, Hessisches Landesvermessungsamt

Anfahrt

Auto: Über Friedberg und die B 275 Öffentliche Verkehrsmittel: Mit der Linie 1 stündliche Busverbindung (sonntags zweistündig) ab Friedberg (RB oder S 6); Station Messeplatz in Nieder-Florstadt.

Sehenswert

Die Wetterau ist wegen ihrer Fruchtbarkeit begehrt. Wo schon die Römer siedelten, entstand eine der frühchristlichen Keimzellen im Frankenreich, hier belegt durch die erstmals anno 778 erwähnte Sternbacher Kirche. Als einzige verblieb sie von einem um 1500 aufgegebenen Dorfes. Als Patronatsherr fügte dieses einen spätgotischen Chor und Einrichtungen für Wallfahrer an, deshalb auch Maria Sternbach genannt. Das Zisterzienserkloster betrieb in Wickstadt eine landwirtschaftliche Außenstelle. Davon blieben ein Wehrspeicher (um 1400), die Hofkapelle von 1714, ein spätbarockes Gutshaus mir Ecktürmen sowie landwirtschaftliche Einrichtungen. Die Gebäude sind bewohnt, die Äcker verpachtet. In Florstadt stehen aus dem 18. Jahrhundert ein Schloss und die frühklassizistische Pfarrkirche. Älter und geschlossener ist das Ortsbild von Stammheim: Hier korrespondiert ein Schlösschen mit Treppenturm von 1592 (bewohnt) mit zahlreichen giebelständigen Fachwerkhäusern. Bei allen Objekten sind nur Außenansichten möglich.

Quelle: F.A.Z.
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