Der Wandertipp

Als Grenzgänger unterwegs

Von Thomas Klein, Freigericht
14.01.2022
, 18:18
Über das gesamte „Freigericht“ reicht die Aussicht bis Vogelsberg und Taunus.
Ein Aussichtsturm oberhalb des Freigerichter Ortsteils Neuses bietet im Vorspessart den besten Blick über das Grenzgebiet von Hessen und Bayern.
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Der Spessart besitzt viel, was den Wanderer erfreut: geschlossene Wälder, stille Täler, naturnahe Gewässer. Nur eines fehlt – markante, freie Sicht ermöglichende Gipfel. Selbst Kennern des Mittelgebirges dürften drei der höchsten Erhebungen, Hermannskoppe, Lärchhöhe oder Querberg, wenig bedeuten, zu unauffällig sind selbst ihre mehr als 550 Meter hohen Kuppen im endlosen Baumgewoge, zu gleichmäßig wurde der vorherrschende Sandstein abgeschliffen.

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Lediglich an der nordwestlichen Peripherie, wo sich das Panorama zur Rhein-Main-Ebene weitet, sieht es besser aus, und noch besser, wenn eine Sehhilfe in Gestalt von Türmen den Überblick steigert. Neben dem 1880 errichteten Ludwigsturm am Hahnenkamm bei Alzenau gibt es da mit dem Leichtmetallgerüst am Rodfeld oberhalb des Freigerichter Ortsteils Neuses seit dem Jahr 2000 einen weiteren aussichtsreichen Kandidaten.

Deckt der Ludwigsturm den Südwesten vom Untermain über Odenwald und Taunus ab, schließt der „Fernblick Freigerichter Bucht“, wie er offiziell heißt, den Halbbogen bis Wetterau und Vogelsberg. Der Turm sollte die doppelte Millenniumfeier – parallel zur kalendarischen beging Neuses sein tausendjähriges Bestehen – symbolträchtig überhöhen. Dass die Region auch selbst besser wahrgenommen würde, war durchaus mit bedacht. Noch immer liegt das „Freigericht“ etwas abseits der allgemeinen Aufmerksamkeit, da nicht im Kerngebiet des Spessarts angesiedelt oder aus der Mainebene erkennbar.

Katholische Gemeinden im protestantischen Umfeld

Dazu ist der Raum verwaltungstechnisch geteilt. Jene Gemeinden, die ursprünglich eine Markgenossenschaft „Freigericht Willmundsheim vor der Hart“ bildeten, wurden 1748 entlang der historischen Birkenhainer Straße – der heute ein Wanderweg folgt – durch einen Vertrag zwischen Kurmainz und der Landgrafschaft Hessen-Kassel auseinandergerissen. Das Centgericht Somborn – Altenmittlau, Bernbach, Horbach, Neuses und Somborn – kam zu Hessen, während das Erzbistum und damit 1816 Bayern die Centgerichte Alzenau, Hörstein und Mömbris erhielt.

Dichte Wälder sind typisch für den Spessart.
Dichte Wälder sind typisch für den Spessart. Bild: dpa

Nur konfessionell ist man ungeteilt. Die langen Verhandlungen endeten damals mit dem Kompromiss, die kirchliche Jurisdiktion durch Mainz beizubehalten. So blieben die 1970 unter dem Namen Freigericht vereinten fünf hessischen Gemeinden in einem rein protestantischen Umfeld katholisch. Zu ersehen ist das nicht nur an Bildstöcken und Kreuzen oder der Mariengrotte im Näßlichsgrund bei Horbach. Hier setzten nach Lage und Größe auch die Kirchen unübersehbare Glaubenszeichen.

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Keine der Ortschaften, die nicht die reichsweite Welle der Kirchenneubauten um 1900 mit bemerkenswerten Gotteshäusern bereicherten. Als sollte den großen Stilpochen Anschauung verliehen werden, entschied sich Bernbach für die Romanik, Somborn, Altenmittlau und Neuses favorisierten die Gotik und Horbach wählte das Barock. Das Langhaus von St. Michael geriet zwar etwas schlicht, die Ausstattung und der Turm mit seiner Zwiebelhaube könnten hingegen einen Originalbau zieren.

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Wegbeschreibung

Anders als in den übrigen Ortsteilen Freigerichts steht in Horbach noch der Vorgängerbau der neobarocken Kirche St. Michael, eine bis ins 13. Jahrhundert reichende Kapelle. Dort in der Dorfstraße liegt auch ein kleiner Parkplatz und wenige Schritte entfernt die Bushaltestelle. An dem jüngst restaurierten Kirchlein führt die Auftaktmarkierung, ein Spessart-Kulturweg, vorbei.

Dessen blaues Emblem biegt mit dem Alten Weg rechts ab und steigt an der nahen Gabelung in der Straße Am Nordhang rechts durch zwei Serpentinen eine Etage höher, dann links Am Junkernberg und schließlich rechts (Haselweg) hinaus. Nach kurzer Partie zwischen Feld- und Baumrand geht es im Wald ebenen Weges zur Mariengrotte. Wie zahlreiche Votivtafeln bezeugen, wandelte sich die aus Dankbarkeit für das Überleben nach 1945 unter großen Entbehrungen geschaffene Andachtsstätte in einen kleinen Wallfahrtsort.

Über den Treppenabgang verlassen wir den Sakralbereich und wenden uns links mit dem roten Doppelstrich in den Wiesengrund des Näßlichbaches. Der erstaunt mit einer wildromantischen Szenerie gurgelnder Mäander zwischen Erlen und Eschen, die nun auch nach dem Umstürzen liegenbleiben. Fürs Abkürzen wechselt man in Obhut der Zeichen X und Schmetterling (beide rot) über das 700 Meter später auftauchende Holzbrückchen und läuft am Rande eines bewaldeten Einschnitts direkt nach Geiselbach hinauf; oben kurz neben der Straße bis zum schwarzen B, und damit rechts.

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Freilich lohnt auch der weitere Weg im Näßlichbachtal. Das naturnahe Environment findet eher noch eine Steigerung, wenn 500 Meter nach der Brücke der Doppelstrich geradeaus in einen Pfad zugunsten des angezeigten Westerngrund verlassen wird. Das dabei zu querende Bächlein markiert die hessisch-bayerische Landesgrenze; der breite Forstweg, über den es dann rechts bequem vorangeht, gehört bereits zum Freistaat.

Das Terrain ändert sich ab der sogenannten Wetterschutzhütte. Das dort aufzunehmende schwarze B – neben anderen Zeichen – schaltet gleich in den Berggang. Durch zwei Serpentinen erklimmen sie den Kreuzberg, ohne ganz nach oben zu gelangen. Nach dem Scheitelpunkt findet man in Begleitung von Kreuzwegstationen rasch wieder hinunter bis an die Landstraße in Sichtweite Geiselbachs. Davor knickt das B rechts ab und weist durch ein Gewerbegebiet, auf das eine ansteigende Buchenpartie folgt.

Dem etwas rutschigen Pfad lässt sich außen herum ausweichen. Die Wege stoßen dahinter zusammen und begleiten eine Weile den Waldrand bei Blick über die Hochebene. Jetzt bewegen wir uns erneut genau auf der Landesgrenze, an der auch die zünftige Einkehr „Frohnbügel“ liegt. Seit 1905 bewirtschaftet eine Familie das einstige Hofgut. Doch selbst damals dürften keine Kutschen und Packwagen mehr auf der Birkenhainer Straße unterwegs gewesen sein. Vor der Haustüre verlief die einst wichtigste Fernverbindung im Spessart, jetzt gekennzeichnet vom schwarzen B.

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Das bald danach erreichte Hessen empfängt mit dichtem Mischwald, durch den es erst eben, dann fallend bis zu einer großen Kreuzung geht. Ohne das B wird man hier rechts zum „Fernblick“ eingewiesen. Unabhängig von witterungsbedingten Sichtverhältnissen ist das mit mediterraner und regionaler Küche aufwartende „Landhaus Fernblick“ neben dem 15 Meter hohen Turm den kurzen Abstecher wert.

Wieder retour, zeigt von dem vielarmigen Richtungsweiser eine hellblaue „Spessartfährte“ halblinks hinunter. Wenn diese nach 500 Metern links abbiegt, halten wir uns dagegen rechts. Zwar ohne Markierung, legt der helle Splitt durch eine langgezogene Linkskurve und dann nur noch geradeaus bergab eine sichere Spur, endend in einem Wiesengrund. An der nahen Straße heißt es rechts und mit dem breiten Fuß-/Radweg, vorbei an einem Kapellchen, hinüber nach Horbach. Durch die Straßen Am Waldrain und rechts Zur Kleinbahn und schlussendlich links in die Dorfstraße sind die erhöht stehende Michaelskirche und die Kapelle nicht fern.

Sehenswert

Die historische Region „Freigericht“ behielt auch nach ihrer Teilung 1748 in einen hessischen und mainzischen (nachfolgend bayerischen) Teil ihre katholischen Wurzeln. Davon zeugen große Kirchen, Kreuzwege, Bildstöcke und Mariengrotten. Die bedeutendste, in einen kleinen Wallfahrtsort gewandelte liegt im Näßlichbachtal bei Horbach. Zahlreiche Votivtafeln bezeugen das Wirken der Mutter Gottes in der zur Nachkriegszeit angelegten Andachtsstätte.

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Horbach dominiert eine 1925 erbaute Kirche im neubarocken Stil. Selbst die Ausstattung von St. Michael ist bis ins Detail an das Barock angelehnt, lediglich das Altarblatt stammt aus dem 17. Jahrhundert. Erhalten und vollständig restauriert ist auch die bis 13. Jahrhundert reichende Vorgängerkirche.

Durch die Region verläuft die Birkenhainer Straße. Die einst wichtigste Ost-West-Route im Spessart ist hier identisch mit der hessisch-bayerischen Grenze. Auf hessischer Seite liegt der Bergzug Rodfeld, dessen 15 Meter hoher Turm „Fernblick“ gute Aussichten bis Taunus und Vogelsberg ermöglicht.

Einkehr in den Gaststätten „Frohnbügel“ (montags und dienstags geschlossen, werktags von 14 Uhr an); „Landhaus Fernblick“ (montags geschlossen). Der Aussichtsturm steht immer offen.

Anfahrt

Freigericht liegt etwas versetzt östlich der Autobahnen 45 (Ausfahrt Alzenau-Nord) und 66 (Ausfahrt Langenselbold). Die Hauptrichtung ist jeweils Somborn.

Zum Ortsteil Horbach verkehrt stündlich ein Bus ab Langenselbold (sonntags eingeschränkt).

Quelle: F.A.Z.
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