Wandertipp

Das Böse überwinden

Von Thomas Klein, Großheubach
Aktualisiert am 24.09.2020
 - 18:13
Wie die verheißene Stadt auf dem Berge thront Kloster Engelberg über dem Main bei Großheubach
Wie die verheißene Stadt auf dem Berge thront Kloster Engelberg über dem Main. Einerlei ob man mit oder ohne Bußabsicht zur Wallfahrtsstätte kommt – immer eine Versuchung wert sind das süffige Dunkelbier oder der hauseigene Wein.

Das Aushängeschild des fränkischen Weinbaus nach Westen ist der bayerische Untermain. Herrscht auf dem Glimmerschiefer bei Alzenau eher Weißwein vor, macht der Buntsandstein den Kreis Miltenberg zur führenden Rotweinregion Frankens. Im Zusammenspiel von milden Mainklima und Mauerterrassen mit horizontalen Rebzeilen gedeihen hier seit Jahrhunderten vielgerühmte Burgunder und Portugieser.

Vorwiegend bewirtschaften rund 400 Nebenerwerbswinzer die insgesamt 180 Hektar große Fläche. Fast jeder gastronomische Betrieb der Region, so scheint es, baut seinen eigenen Wein aus. Die Atmosphäre ist familiär, Interieur und Speisenangebot sind bodenständig, nicht nur bei den zahlreichen, reihum durch Winzer betriebenen Häckerwirtschaften. In und um Großheubach bestehen ungewöhnlich viele Einkehrmöglichkeiten, von gehobeneren Häusern wie der „Krone“ bis gemütlich-zünftigen wie der „Bretzel“ mit eigener Brennerei.

Und dann ist da noch das über allem thronende Franziskaner-Kloster Engelberg. Ob man nun mit oder ohne Bußabsicht auf die Wallfahrtsstätte kommt, immer eine Versuchung wert ist das süffige Dunkelbier und natürlich der hauseigene Wein aus der mit 0,8 Hektar kleinsten Lage Frankens. Allerdings sahen sich die letzten vier hochbetagten Brüder gezwungen, die hinter hohen Steinmauern wachsenden Trauben zu verpachten. Weniger aus Altersgründen als hinsichtlich der Entscheidung der Ordensleitung, den Engelberg neben vielen anderen Niederlassungen aufzugeben. Seit 1828 betreuen Franziskaner die Pilger und Besucher geistig wie gastronomisch.

Die Pforte zum Himmel

Auch wer nicht zur Verehrung des Gnadenbildnis Mariens heraufkommt, gewinnt nach Lage und Bildprogramm Einblick in das katholische Glaubensverständnis. Der Vorstellung, dass man über den Leidensweg Christi zur Erlösung und in Gottes Reich findet, entsprechen die 612 steilen Stufen des Kreuzweges von Großheubach, die genau an der „Pforte zum Himmel“ enden, wie am Kirchenportal geschrieben steht. Blickt man vom untersten Absatz nach oben, scheinen die „Engelsstaffeln“ tatsächlich in höhere Sphären zu leiten, dorthin, wo die schneeweißen Abteigebäude gleichsam die verheißene Stadt auf dem Berge symbolisieren.

Hierbei will das „Böse“ überwunden sein. Deshalb beschützt Erzengel Michael im Giebel über dem Eingang die darunter als „Königin der Engel“ dargestellte Mutter Gottes. Der Erzengel wurde ursprünglich ins Feld geführt, eine heidnische Kultstätte auf der Höhe zu gewinnen, materialisiert dann durch die um 1310 aufgestellte, bald als wundertätig beschriebene Marienstatue. Der Zuspruch erforderte den Bau eines Kirchleins und unter gegenreformatorischen Vorzeichen 1630 das damals von Kapuzinern besetzte Kloster. Sein Ausgangsort, ein horizontal aufliegender Felsblock mit Vertiefungen, genannt Hunnenstein, ist unverändert in den prachtvollen Wäldern oberhalb davon erhalten.

Wegbeschreibung

Großheubach verfügt über große Stellflächen am Mainufer, so man nicht am Kloster Engelberg beginnt (geringe Tagesgebühr). Unten sichtet man an der Parkplatzzufahrt die Starttafeln von gleich zwei Spessart-Kulturwegen. Hier soll es „Route 2“ sein, wie stets mit gelbem Schiffchen über blauem Grund markiert. Beide berühren zunächst ein früheres Trafohäuschen, an dem eine Häckerwirtschaft aufgemalt ist, sowie ein kleines Denkmal, das an die vielen Auswanderer seit dem 19. Jahrhundert erinnert.

Vor allem der Reblausbefall hat viele Weinbauern verarmen lassen. Dass es schon bessere Zeiten gab, davon zeugt das frühere, fein herausgeputzte Fachwerk-Rathaus von 1612 an der Einmündung in die Hauptstraße. Dort geht es nach rechts bis zur Langgasse und ausgangs der Eigenheim-Siedlung ins Freie, wobei die später relevante Kombination G1 auftritt.

Nach Rechtsknick in ein Wäldchen geht es leicht hinan und auf der anderen Seite durch Felder dem Weiler Klotzenhof entgegen. Seine kaum 20 Häuser beherbergen nicht weniger als vier mit Hausmannskost aufwartende Lokale. Hinter dem winzigen Kirchlein biegt man rechts ab und hält zwischen Streuobstwiesen auf den flachen Fachwerkkomplex oben am Wald zu.

Das jetzige Jugendgästehaus ist Orientierungspunkt für den weiteren Verlauf: Entweder abkürzend mit dem Kulturweg bei kräftigem Bergan direkt auf die Höhe Ospis, oder mäßiger steigend, dafür länger gen Sohlhöhe (mit G1). So oder so, nun beherrscht Wald das Landschaftsbild, insbesondere typische Vertreter sandigen Untergrundes, Buchen und Kiefern. Umso überraschender ist dann die Vegetation auf der von mehreren Wanderwegen gekreuzten Sohlhöhe. Neben großen Eichen begünstigt die Staunässe der Hochfläche selbst ein kleines Schilfbiotop.

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Auch mit dem jetzigen Wechsel zum schwarzen E (rechts) lösen sich beim langen Gang über den Bergrücken feuchtere und trockene Zonen ab. Später sprechen Flechten und Mooskissen auf dem Gestein für hinreichenden Niederschlag. Zuvor bringen „Saustall“ und „Ospis“ Abwechslung in die dichte Baumgalerie. Was man nach kurzem Abstecher als prähistorische Findlinge ansehen könnte, ordnet der Erläuterungstext den von Schweinehirten vorgenommenen Einfriedungen bei der noch bis ins 19. Jahrhundert hinein praktizierten Waldweide zu (hier treffen die Abkürzenden ein). Und hinter dem Ospis verbirgt sich der mit 439 Metern höchste Punkt, kenntlich durch eine kleine Pyramide.

Hernach rücken die Sandsteinbrocken immer stärker zusammen, um schließlich gegen den „Hunnenstein“ anzubranden. Ihn erreicht man mit etwas improvisierten Hinweisen abweichend vom Hauptweg, auf dem man auch verbleiben kann. Den Fels krönt eine Aussichtskanzel; allerdings ist das Blickfeld ins Maintal weitgehend zugewachsen.

Nicht anders dann an der gleichfalls per Abstecher aufzusuchenden „Heuneschüssel“ einige hundert Meter später. Auch ihre Vertiefung regte zu allerlei Spekulationen an. Wahrscheinlicher als Deutungen uralter Opferstätten sind witterungsbedingte Auswaschungen oder, wie beim Hunnenstein, dass er als Rohling der mittelalterlichen Steinbrüche zurückblieb.

Der Rest ist nur noch freudiges Bergab. Erst unter herrlichen Buchen bis zum Kloster Engelberg, dann, frisch gestärkt in der rustikalen Schänke, die endlose Treppe der „Engelsstaffeln“ hinunter nach Großheubach (optional lässt sich ein Serpentinenweg nutzen).

Daten

Länge: 14 (12) km
Höhenmeter: 360
Karte: Klingenberg (Blatt 6), Maßstab 1:25 000, Verlag Main-Echo

Anfahrt

Über die A 3 zur Ausfahrt Aschaffenburg, weiter auf B 469 bis Abzweig Großheubach kurz vor Miltenberg. Regelmäßige Verbindung über Aschaffenburg und Miltenberg (auch am Wochenende).

Sehenswert

Weithin sichtbar thronen die weißen Gebäude von Kloster Engelberg über dem Main bei Großheubach, eines der letzten durch Franziskaner geführten Häuser im hiesigen Raum.

Seit 1828 betreuen sie Wallfahrer und Besucher des um 1310 entstandenen Gnadenbildes. Von seinem ursprünglichen Platz am „heidnischen“ Hunnenstein kam es in eine erste Kirche und schließlich in das nachmalige Kloster an der vorderen Bergspitze. Ein Neubau erfolgte 1630 unter Kapuzinern. Abgesehen von den Grablegen der Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg stammt die jetzige Ausstattung aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Wein prägt auch Erwerbsleben und Gastronomie von Großheubach. Bemerkenswert sind das in rotem Fachwerk gehaltene Historische Rathaus von 1612 und die übergroße Pfarrkirche, die gotische wie neugotische Elemente vereint.

Einkehren

Klosterschänke täglich bis 19 Uhr (montags Ruhetag); in Großheubach mehrere Gasthöfe.

Quelle: F.A.Z.
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