Prüfung in der Krise

Kein Notabitur

EIN KOMMENTAR Von Matthias Trautsch
18.01.2021
, 08:28
Wegen der Corona-Pandemie will die GEW in diesem Jahr das Abitur und die Mittlere Reife auch ohne Prüfung verleihen. Ein „Corona-Abitur“ würde den abgehenden Schülern jedoch nur noch mehr Nachteile bringen.

Die GEW ist ein wichtiger und teils auch verdienstvoller Faktor in der Bildungslandschaft, aber manchmal kann man sich nur über sie wundern. Allen Ernstes schlägt der Bundesverband der Lehrergewerkschaft vor, das Abitur und den mittleren Abschluss wegen der Corona-Pandemie auch ohne Prüfung zu vergeben. Einen größeren Schaden könnte man dem diesjährigen Abschlussjahrgang nicht zufügen. Wie Pech würde an ihm das Etikett eines minderwertigen „Corona-Abiturs“ haften, die Schüler und auch ihre Lehrkräfte würden am Ende der Gymnasialzeit um die Früchte jahrelanger Arbeit gebracht.

Und noch ein anderer Aspekt sei erwähnt, auf den der Hessische Philologenverband hinweist: Die Prüfung verleihe dem Abitur nicht nur einen höheren Wert, sie sei auch ein Wert an sich. Denn die Vorbereitung auf den Abschluss und die Prüfungssituation sei eine nicht unerhebliche Erfahrung für den späteren Berufs- und Bildungsweg der Schüler.

So ernst die Lage auch sein mag: Ein „Notabitur“ rechtfertigt sie nicht. Schon der Begriff verweist auf Zeiten, die dann doch deutlich düsterer waren als die heutigen. Es herrscht kein Kriegszustand in Europa, die Versorgung der Bevölkerung ist gewährleistet, die Schulen arbeiten unter schwierigen Bedingungen, aber sie halten den Betrieb aufrecht, für die Abschlussjahrgänge sogar weitgehend im Präsenzmodus. Deshalb ist es nur konsequent, dass in Hessen und anderen Bundesländern auch reguläre Prüfungen stattfinden.

Mehr Flexibilität gefordert

Richtig ist allerdings auch, den Ablauf der Prüfungen an die Pandemielage anzupassen. Die Hessische Landesregierung hat das mit der Verschiebung der Klausuren in die letzte April- und die erste Maiwoche getan. So haben Lehrer und Schüler zwei Monate Zeit, um Versäumtes nachzuholen. Außerdem bekommen die Lehrer mehr Optionen bei der Auswahl der landesweit vorgegebenen Aufgaben und können so den Kenntnisstand ihrer Schüler berücksichtigen.

Auch bei der Bewertung sollte mehr Flexibilität erlaubt sein als in sonstigen Jahren. Die Lehrer verdienen das Vertrauen, solche Spielräume im Sinne ihrer Schüler zu nutzen. Der Abiturjahrgang hat es schwer genug: So viele Erlebnisse, die sonst das Ende der Schullaufbahn ausmachen, gehen ihm verloren. Abschlussfahrten wurden abgesagt, Zeugnisverleihungen und Abiturpartys können – wenn überhaupt – nur eingeschränkt stattfinden.

Und auch über dem Start in einen neuen Lebensabschnitt liegt ein Schatten. Die Auslandsreise, auf die sich mancher Abiturient seit langem gefreut hat, ist ebenso unsicher wie es die Bedingungen sind, unter denen im Herbst ein Studium aufgenommen werden kann. Umso mehr ist den Abiturienten dann die Sicherheit zu wünschen, wenigstens einen vollwertigen Abschluss in der Tasche zu haben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trautsch, Matthias
Matthias Trautsch
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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