Al-Wazir über Bouffier

So wurde ein politischer Gegner zum geschätzten Regierungspartner

30.05.2022
, 12:30
Vereint im Staunen über die Natur: Al-Wazir (links) und Bouffier 2020 bei einer Kabinettssitzung im Landesmuseum Darmstadt.
Als er noch in der Opposition war, hat Tarek Al-Wazir den CDU-Mann Volker Bouffier vehement bekämpft. Dann änderte sich das Verhältnis der beiden. Der Grünen-Politiker beschreibt, wie es dazu kam.
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Der Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir ist stellvertretender hessischer Ministerpräsident und Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen.

Nicht nur wegen des Skeletts im Vordergrund lässt dieses Foto daran denken, wie sich die Zeiten wandeln. Als ich 1995 als frisch gewählter Abgeordneter in den Hessischen Landtag kam, zählte Volker Bouffier zu den führenden Figuren einer CDU, in der Roland Koch die Tradition Kanthers und Dreggers fortsetzte. Grüne und CDU waren wie Feuer und Wasser, die Debatten konfrontativ, die Gemüter dauererregt – und darauf waren wir alle im „härtesten Parlament Deutschlands“ auch noch stolz.

Als späterer Innenminister wurde Volker Bouffier zu einer der Lieblingszielscheiben von mir und meiner Partei, und er freute sich, dass er „schwarzer Sheriff“ genannt wurde. Undenkbar damals, dass wir jemals gemeinsam eine Regierung führen würden.

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Rolle des Landesvaters

Es wäre sicher nicht dazu gekommen ohne die mehrheitslosen „Hessischen Verhältnisse“ mit Neuwahlen 2008 und dem massiven Abrutschen der SPD bei gleichzeitig schlechtem Wahlergebnis von Roland Koch. Die Grünen haben sich danach eigenständig und nicht mehr als Anhängsel der SPD aufgestellt, und auch die Hessen-CDU merkte, dass es so nicht weitergehen konnte.

Als Volker Bouffier 2010 dann Ministerpräsident wurde, als Landesvater auftrat und als erstes ankündigte, eine Stiftung „Miteinander in Hessen“ zu gründen, da habe ich ihm diesen Rollenwechsel nicht ganz geglaubt. Als er nach der Atomkatastrophe von Fukushima den überparteilichen Energiegipfel ins Leben rief, da arbeitete ich mit und geriet ins Grübeln. Heute weiß ich, dass die Rolle des Landesvaters dem Menschen Volker Bouffier eher gerecht wird als die des „schwarzen Sheriffs“.

Natürlich haben wir in vielen inhaltlichen Punkten weiterhin sehr verschiedene Ansichten. Volker Bouffier ist ein Konservativer geblieben, und ich bleibe natürlich ein überzeugter Grüner. Gäbe es solche Differenzen nicht, dann wäre aber letztlich die ganze Demokratie inhaltsleer. Politik, erst recht Koalitionen sind immer das Aushandeln von Kompromissen zwischen unterschiedlichen Positionen. Und da ist Volker Bouffier ein Vorbild: Als Ministerpräsident hat er stets ausgleichend nach Lösungen gesucht, sich mehr an der Sache als allein an der Wirkung nach außen orientiert und im Zweifelsfall das Land über die Partei gestellt. Vor allem: Wenn er etwas zugesagt hat, dann galt sein Wort – das ist leider in der Politik nicht selbstverständlich, aber unverzichtbar für das langfristige Gelingen einer Koalitionsregierung.

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„Stellen wir uns mal vor, der andere könnte auch recht haben“

Das zweite Erfolgsrezept unserer Koalition steckt in dem Satz, mit dem er die erste Sondierungsrunde 2013 eröffnete und der mir zeigte, dass es da jemand ernst meint: „Jetzt stellen wir uns alle mal vor, der andere könnte vielleicht auch recht haben.“ Daran haben wir uns seitdem gehalten und Hessen gut regiert. Das sehen auch die Bürgerinnen und Bürger so: Die Zufriedenheit mit der Landesregierung ist eine der höchsten bundesweit.

Volker Bouffier begleitet mich mein ganzes politisches Leben. Ich kenne ihn als politischen Gegner und als Regierungspartner. Ich habe den Innenminister zum Rücktritt aufgefordert, den Ministerpräsidenten zweimal gewählt und den Menschen schätzen gelernt. Seine politische Lebensleistung, sein Amtsverständnis als Ministerpräsident und sein unbedingter Einsatz für Hessen verdienen höchsten Respekt, und er wird als aktiver Politiker in Bund und Land fehlen.

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Quelle: F.A.Z.
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