Welterbe Mittelrheintal

Die Loreley darf wieder hoffen

Von Oliver Bock
18.06.2022
, 18:22
Romantisch: Blick vom Lorcher Stadtteil Lorchhausen auf das Mittelrheintal
Seit 20 Jahren gehört die Region zwischen Rüdesheim und Koblenz zum Unesco-Welterbe. Der Niedergang in den Kommunen im romantischen Mittelrheintal scheint gestoppt, aber die Herausforderungen sind weiter groß.
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Die düsteren Prognosen mancher Fachleute ha­ben sich nicht bewahrheitet. Doch von einer blühenden Landschaft ist das romantische Mittelrheintal allen Anstrengungen zum Trotz auch noch weit entfernt. Immerhin scheint die Talsohle – beispielsweise für den die Kulturlandschaft prägenden Weinbau – durchschritten. Vorsichtiger Optimismus macht sich breit. Die Bundesgartenschau 2029 könnte das langersehnte verbindende Element des Tals werden, auch wenn die von vielen erhoffte Mittelrheinbrücke bis dahin wohl nicht gebaut sein wird.

Vor 20 Jahren hat die UNESCO das 67 Kilometer lange Flusstal zwischen Rüdesheim/Bingen und Koblenz zum „Welterbe“ erhoben. Eine Auszeichnung, die zugleich eine Verpflichtung ist. Vor allem für das Land Rheinland-Pfalz, weil mit Rüdesheim und Lorch nur der westlichste Zipfel von Hessen in das Welterbe hineinragt. Anfängliche Überlegungen der hessischen Landesregierung, den gesamten Rheingau einzubeziehen, hatten wegen der Widerstände der meisten Rheingauer Kommunen, die um ihre Planungshoheit fürchteten, und auch wegen der Skepsis im Nachbarland von vorneherein keine Erfolgschancen.

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Im Jahr 1996 war auf maßgebliches Drängen des damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) das langwierige Antragsverfahren eingeleitet worden. Doch in der Schlange vor den UNESCO-Gremien warteten damals die Essener Zeche Zollverein XII, das Dessauer Gartenreich, das Bremer Rathaus, die Dresdner Elbfront und die Regensburger Altstadt auf Anerkennung. „Wir wollen aus dem Mittelrheintal kein Museum machen, sondern eine lebendige Region“ – das war das Motto der Bewerbung, das alle Skeptiker der Idee besänftigen sollte.

Ökonomisch zählt das Tal zu den benachteiligten Regionen

Im Juni 2002 bestätigte die UNESCO bei ihrer Tagung in Budapest den „außergewöhnlichen universellen Wert“ des von rund 40 Burgen gesäumten Tals. Ein Jahr später wurden die Anerkennungsurkunden feierlich übergeben. Zwei Bundesländer, fünf Landkreise und fast 60 Kommunen und Verbandsgemeinden bilden seit 2005 den Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal, der die Entwicklung begleiten, fördern und koordinieren soll.

Hotel in der Höhe: Burg Gutenfels mit der Blücherstatue in Kaub
Hotel in der Höhe: Burg Gutenfels mit der Blücherstatue in Kaub Bild: Samira Schulz

Eine Entwicklung, die das wirtschaftsschwache Tal dringend nötig hatte und immer noch hat. Ökonomisch zählt es bis heute zu den benachteiligten Regionen des Landes. Die Bevölkerungszahlen gingen stetig zurück. In den Zentren von Kommunen wie beispielsweise Kaub prägten Leerstände in den Geschäften das Bild. Zudem war der Bahnlärm zur kaum noch erträglichen Geißel des Tals geworden. Und der wegen der Steillagen landschaftsprägende Weinbau hatte seit Ende der Siebzigerjahre einen beispiellosen Niedergang erlebt: Die Rebfläche war von mehr als 2000 auf weniger als 500 Hektar geschrumpft. Das Mittelrheintal präsentierte sich seinen Gästen als romantisch-schöne, aber ökonomisch daniederliegende Region.

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Ein Politiker, der aus hessischer Sicht die Entwicklung der zurückliegenden 20 Jahre von Beginn an mitgestaltet hat, ist der frühere Welterbe-Dezernent Karl Ottes. Seiner Ansicht nach kann von einer blühenden Region immer noch keine Rede sein. Doch im Tal habe sich in diesen zwei Jahrzehnten ein „Gemeinschaftsgefühl“ breitgemacht, so Ottes. Das sei schon ein bedeutender Fortschritt.

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Er lenkt den Blick zudem auf die Millioneninvestitionen in das Kulturdenkmal Lorcher Hilchenhaus, das vor dem Verfall gerettet wurde, und in die Revitalisierung des Niederwaldparks einschließlich der Sanierung des Germania-Denkmals. Dieses Geld wäre kaum ohne das Gütesiegel der UNESCO geflossen, ist Ottes überzeugt.

Samira Schulz
Nah am Wasser gebaut: Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub Bild: Samira Schulz

Wachsendes Regionalbewusstsein

Auf der gegenüberliegenden Rheinseite von Rüdesheim profitierte Bingen von der Landesgartenschau 2008, die der Kommune eine hübsche Rheinpromenade hinterlassen hat. Mit dem „Papa Rhein“ hat dort im vergangenen Jahr ein neues Hotel mit Strahlkraft eröffnet. Gleichwohl hat eine Studie ergeben, dass bis zum Jahr 2027 rund 3000 Hotelbetten im Mittelrheintal fehlen.

Am anderen, dem nördlichen Ende des Tals brachte die Bundesgartenschau 2011 nicht nur Koblenz viele Impulse, sondern auch der gesamten Region bis Boppard. Ähnliches wird für das gesamte Tal von der Bundesgartenschau erwartet, deren Vorbereitungen gerade an Schwung gewinnen. Der stellvertretende Vorsteher des Zweckverbands Welterbe Oberes Mittelrheintal, Rhein-Hunsrück-Landrat Volker Boch (parteilos), erkennt ähnlich wie Ottes ein wachsendes Regionalbewusstsein in der Region. Boch gibt allerdings zu, dass angesichts vieler Einzelprojekte, die auch nur so wahrgenommen werden, der Blick für das große Ganze im Tal bisweilen verloren geht.

Boch verweist darauf, dass der dem Tal vorhergesagte Aderlass aber so nicht eingetreten sei. Das Abwandern junger Leute in die größeren Städte sei kein spezifisches Problem des Mittelrheintals, sondern ein Phänomen aller ländlichen Räume. Die Geschäftsführerin des Zweckverbands, Nadya König-Lehrmann, kann diese Einschätzung mit Zahlen untermauern: Weil der Verband seine Umlage gemäß den Einwohnerzahlen erhebt, hat er einen guten Überblick über die Entwicklung. Demnach ging die Einwohnerzahl zwischen 2005 und 2015 zwar von 297 000 auf 284 000 zurück, aber seitdem ist sie wieder um 4000 gestiegen. Allerdings sind die Unterschiede innerhalb des Tals sehr groß. Einige Kommunen weisen Neubaugebiete aus, andere bluten weiter aus.

Fachwerkhäuser: Die historische Altstadt von St. Goarshausen
Fachwerkhäuser: Die historische Altstadt von St. Goarshausen Bild: Samira Schulz

Insgesamt aber scheint die Talsohle bei der Bevölkerungsentwicklung ebenso erreicht wie beim Weinbau. Landrat Boch verweist auf eine neue, junge und gut ausgebildete Winzergeneration, die vielerorts das Ruder übernommen hat. Viele Weinkenner hätten das Mittelrheintal als eines von 13 deutschen Anbaugebieten neu entdeckt, und auch die erzielten Preise seien deutlich besser als noch vor einigen Jahren. Durch die vielen Familienbetriebe sei die Weinbaustruktur im Tal gesund, sagt Boch. Allerdings erwartet er nicht, dass die Rebfläche wieder maßgeblich größer wird.

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„Ich mache euch hier nicht die Weinkönigin“

Dass es immer wieder Rückschläge gibt, zeigt beispielsweise das Aus für die ehedem sehr beliebte Großveranstaltung „Tal to Tal“, die Zehntausende Fahrradfahrer anlockte. Die Infrastruktur erfuhr durch die Schließung der Loreley-Kliniken in Oberwesel einen herben Schlag. Und die Umgestaltung, Sanierung und Hotelbebauung auf dem Loreley-Plateau sorgt bis heute für einigen Zündstoff.

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Im Jahr 2015 ließ sich der damalige Welterbe-Beauftragte und Kulturstaatssekretär Walter Schumacher im Interview mit der Burgenbloggerin Jessica Schober sogar dazu hinreißen, das Loreley-Plateau als „relativ versifft“ zu kritisieren. Das „Siffgate“ (Schober) beschäftigte sogar den Landtag, und Schobers Fazit lautete: „Meine Generation zwischen 20 und 30 flieht systematisch das Tal.“ Auch sie selbst brach vorzeitig ihr Bloggerdasein auf Burg Sooneck ab: „Ich mache euch hier nicht die Weinkönigin.“

Aus dem 12. Jahrhundert: Burg Schönburg bei Oberwesel
Aus dem 12. Jahrhundert: Burg Schönburg bei Oberwesel Bild: Samira Schulz

Gleichwohl tut sich nicht nur auf der Loreley etwas. Das Tal sieht sich für den Boom des Wandertourismus mit Rheinsteig und Rhein-Burgen-Weg, mit Wisper-Trails und „Traumschleifen“ bestens gerüstet. Das stellenweise atemberaubende Landschaftserlebnis entschädigt für ein dünnes gastronomisches Angebot. Ehe die Pandemie den Tourismus nicht nur in Deutschland einbrechen ließ, sah Boch das Tal schon auf einem sehr guten Weg.

Mehr Besucher aus Deutschland

Nun fehlt es vor allem an Besuchern aus Asien und den Vereinigten Staaten. Eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht, sagt Boch: „Das wirkt noch lange nach.“ Erfreulich sei allerdings die Zunahme von Besuchern aus Deutschland. Die Erwartungen an die Bundesgartenschau sind bei ihm groß, weil die Erfahrungen in und um Koblenz gut gewesen seien.

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Erwartet werden zudem Impulse zur Stärkung der regionalen Identität. „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen“, gibt König-Lehrmann zu. Derzeit wird auf Anforderung der UNESCO ein neuer Managementplan für das Mittelrheintal aufgestellt. 2001 hatte sich die UNESCO noch mit einigen Skizzen begnügt, doch nun sind die Erwartungen gewachsen.

Sagenumwoben: Blick auf die Rheinenge vor dem Loreleyfelsen
Sagenumwoben: Blick auf die Rheinenge vor dem Loreleyfelsen Bild: Samira Schulz

Aus Sicht vieler Akteure im Mittelrheintal gehört eine Mittelrheinbrücke, wie sie die UNESCO dem Grundsatz nach zwischen St. Goar und St. Goarshausen für möglich hält, zu den Entwicklungsperspektiven des Tals. Tatsächlich könnte das Vorhaben schon weiter sein, hätte es nicht einen erbitterten Streit darüber gegeben, ob die Brücke ein Projekt von lokaler Bedeutung oder eine Verbindung mit überregionaler Verkehrswirkung ist, weil sie zwei Bundesstraßen verbindet. Anders gefragt: Wer soll für den Unterhalt zahlen?

Erfolge beim Thema Bahnlärm

Der Streit wurde nicht geschlichtet, sondern zurückgestellt bis zum Abschluss des 2021 eingeleiteten Raum­ordnungsverfahrens. Bislang heißt es, dass die 500 Meter lange Brücke mit mehr als 40 Millionen Euro vergleichsweise preiswert zu bauen wäre. Ein ebenfalls diskutierter, knapp zwei Kilometer langer Tunnel würde ­hingegen rund 120 Millionen Euro kosten. Landrat Boch erwartet, dass das Raumordnungsverfahren in diesem Jahr abgeschlossen wird. Doch geht er nicht davon aus, dass ein Bau bis zum Beginn der Bundesgartenschau 2029 realistisch ist.

Erfolge gibt es unbestritten zum Thema Bahnlärm, der als Geißel des Rheintals gilt. Denn die beiden Gleisstränge links und rechts des Rheins bilden eine der wichtigsten europäischen Verkehrsachsen für den Nord-Süd-Verkehr zwischen Genua und Rotterdam. Boch zollt der Bahn durchaus Respekt für ihr Programm „Leiseres Mittelrheintal“, für das sie dank Förderung des Bundes 65 Millionen Euro investiert hat. Die Flüsterbremsen der Güterwaggons zeigten Wirkung.

Boch spricht von einer „massiven Verbesserung“, doch sei das Ziel noch lange nicht erreicht: Dieses Ziel ist eine Alternativstrecke, die den Güterverkehr aus einem der anmutigsten Landstriche in Deutschland ganz herausnimmt. Eine Vision, die von einer Konkretisierung noch weit entfernt ist. Doch weil Politik das Bohren dicker Bretter ist, geben weder Boch noch Ottes die Hoffnung auf. Verbunden mit der Einsicht, so Ottes, dass „auch unsere Kinder das wohl nicht mehr erleben werden“.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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