Biergarten in Wiesbaden

Eine Oase, vom Verkehr umtost

Von Oliver Bock
Aktualisiert am 05.08.2020
 - 18:04
Zentral gelegen: der „Kiezgarten“ auf dem Sedanplatz
Not macht kreativ: Vier von der Pandemie gebeutelte Gastronomen gründen eine Firma und eröffnen einen Biergarten – mitten auf einer Wiesbadener Verkehrsinsel.

Genau da, wo die bekannteste Straße des Westends auf eine der verkehrsreichsten Routen der Stadt trifft, liegt der Sedanplatz. Als Platz war er bislang aber kaum wahrnehmbar, eher als überdimensionierte Verkehrsinsel und gigantische Hundetoilette. Denn hier schwenkt der Bismarckring kurz nach der Einmündung der Wellritzstraße in Richtung Taunusstein und Bad Schwalbach ab. Die grüne, von hohen Bäumen beschattete Mitte zwischen den Fahrbahnen des ersten Rings macht derzeit als „Kiezgarten“ Furore. Es ist ein ungewöhnlicher Ort für eine ungewöhnliche, aus der Not geborene Initiative von vier Wiesbadener Gastronomen, deren Lokale allesamt im direkten Umfeld liegen.

Die Bar „Heaven“ mit ihrem großen Saal für Veranstaltungen, der gutbürgerliche Schoppenhof, die noch junge Weinbar „Riesling im Hindukusch“ und das Speiserestaurant „Lokal“ traf der Lockdown Mitte März gleichermaßen hart. Alle gingen in 100 Prozent Kurzarbeit und beantragten Staatshilfe.

Barchefin Linda Zimmermann hätte mit ihrem „Heaven“ im September gern das fünfjährige Bestehen groß gefeiert, doch daraus wird wegen der Corona-Beschränkungen nichts. Inzwischen hat sie zumindest die Zuversicht, dass das „Heaven“ auch dank des Biergartens die Krise überleben könnte. Ohne Kurzarbeitergeld und Soforthilfe wäre es für alle schon in den ersten Wochen eng geworden. Doch seit die Restaurants wieder öffnen durften, gibt es auch wieder Hoffnung. Für Zimmermann erwies sich der Neustart jedoch besonders schwer, weil wegen einer Baustelle direkt vor der „Heaven“-Tür derzeit keine Außenbestuhlung möglich ist.

Dann kam Corona

Doch gegenüber liegt ja die Grüninsel Sedanplatz. Die Stadt hat schon längere Zeit die Absicht, den Platz im Zuge ihres Programms „Bäche ans Licht“ durch die Freilegung eines kleinen Abschnitts des Kesselbachs aufzuwerten und das fast 1000 Quadratmeter große Areal zwischen den Fahrbahnen des Bismarckrings zumindest auf einem kleinen Teil dauerhaft für eine gastronomische Nutzung zu öffnen.

Dazu sollte schon 2019 für mehr als 200.000 Euro ein 20 Meter langer „Wassertisch“ gebaut werden. Doch das Vorhaben verzögert sich immer wieder. In diesem Jahr gab es daher den Plan, zur Zwischennutzung einen befestigten Seitenstreifen gastronomisch freizugeben, wie das auch schon einmal für einen Bier- und Weingarten der Fall war.

Dann kam Corona. Die vier Gastronomen taten sich zusammen, und nicht nur das. Sie nahmen die Stadt beim Wort, den örtlichen Gastronomen wo immer möglich zu helfen. Ein Behördentermin vor Ort wurde organisiert und eine schnelle Einigung erzielt. Das Quartett gründete eigens eine Firma, um den „Kiezgarten“ getauften gesamten Platz professionell und gemeinsam zum gegenseitigen Nutzen zu betreiben. Seit Mitte Juni ist es so weit, und der Sedanplatz hat sich zu einem gefragten Treffpunkt im Westend entwickelt.

Anmeldung via QR-Code-Scan

Wer den „Kiezgarten“ besuchen will, sollte aber ein Smartphone parat haben, um sich via QR-Code-Scan anzumelden, und dann erhält er am Eingang eine der rund 50 Biergarten-Garnituren als Platz zugewiesen. Wein, Bier und mehr gibt es am Getränkestand, das Essen bestellt sich der Gast telefonisch von der Speisekarte in einem der drei beteiligten Speiserestaurants und holt es dort ab. Reserviert wird nicht, um 21.30 Uhr wird die letzte Bestellung angenommen.

„Ein simples Konzept, weil es sehr schnell gehen musste“, sagt Zimmermann. Und es „flutscht“ so gut, dass bisweilen ein temporärer Einlass-Stopp verhängt werden muss. Vor allem am Wochenende und montags, wenn es Live-Musik gibt. „Vom Kiezgarten profitieren alle, und ohne ihn würde was fehlen“, sagt Massi Namet vom „Riesling im Hindukusch“ und spricht von einem Mehrwert für das gesamte, dicht bevölkerte Stadtquartier. Weil er sein kleines Lokal erst im Herbst 2018 eröffnet und seither viel investiert hat, ist er für diese Chance besonders dankbar, denn ein finanzielles Polster hat er sich noch nicht erarbeiten können.

Ein wenig sind die Wirte auch selbst überrascht, dass eine vom Verkehr umströmte Grüninsel als „Kiezgarten“ so gut funktioniert. Am Tisch habe der Gast aber nicht das Gefühl, auf der Verkehrsinsel einer Bundesstraße zu sitzen. „Ich hätte nicht gedacht“, dass es so ruhig ist“, sagt Zimmermann, auch wenn bisweilen ein vorbeifahrender Auto- oder Motorradfahrer meint, seine Pferdestärken akustisch demonstrieren zu müssen. Die Gastronomen würden sich Tempo 30 wünschen, doch auf einer Bundesstraße ist das nur schwer durchsetzbar. „Aber die Lust, ins Freie und auszugehen ist einfach da“, sagt Tim Radusch vom „Schoppenhof“. Mit seinen drei Kollegen denkt er schon über die warme Jahreszeit hinaus. In der Vorweihnachtszeit könnte der „Kiezgarten“ zum Glühweinmekka werden.

Rätsel gibt auf dem Platz allerdings ein von Unbekannten errichtetes „Grab“ für den „Kulturschatz“ auf, das zudem die Inschrift „Grüße Erika Mustermann“ trägt. Erste Mutmaßungen galten einem Protest wegen des zögerlichen Umgangs mit dem Kulturdenkmal Walhalla. Vermutet wird aber auch, es könnte ein erster provozierender Vorbote der nächsten „Wiesbaden Biennale“ sein, die ja seinerzeit mit dem goldenen Erdogan bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot