FAZ plus ArtikelSchwierige Wohnungssuche

Wie Sie den Vermieter von sich überzeugen

Von Sebastian Reuter
22.09.2020
, 09:14
Ist die Traumwohnung gefunden, muss man sich noch gegen viele Mitinteressenten durchsetzen. Aber wie fällt man auf? Zwei Experten erklären, warum eine Besichtigung einem Bewerbungsgespräch ähnelt – und welche Fehler unbedingt zu vermeiden sind.

Christian und Franziska Rechmann haben es geschafft. Das Paar hat den Mietvertrag für seine Traumwohnung in Wiesbaden unterzeichnet. Bevor sie vor wenigen Wochen die Zusage ihrer neuen Vermieter erhielten, hatten sie sich schon zahlreiche Wohnungen in der Region angesehen, einige von sich aus abgelehnt, bei mehreren nicht den Zuschlag erhalten – und sich mehrmals an Prüfungssituationen in Studium oder Job erinnert gefühlt.

Um Massenbesichtigungen, bei denen sich Heerscharen von Bewerbern auf siebzig Quadratmetern verteilen und um die Aufmerksamkeit des Maklers buhlen, sind die Rechmanns wegen der Pandemie-Einschränkungen zwar herumgekommen. Stattdessen wartete das Paar mehrere Male mit anderen sich gegenseitig argwöhnisch beäugenden Bewerbern auf der Straße. Auch deswegen sei er in den Minuten vor der Besichtigung ihrer künftigen Wohnung nervöser gewesen als vor dem Bewerbungsgespräch bei seinem jetzigen Arbeitgeber, berichtet Christian Rechmann: „Wir waren uns sicher, dass uns die Wohnung umhauen wird, und wussten, dass wir alles geben müssen, um die Vermieter von uns zu überzeugen.“

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Große Nachfrage trotz Corona

Der Wohnungsmarkt in Frankfurt trotzt der Corona-Krise: Zu diesem Schluss kommt das Unternehmen Immoconcept, das die Inserate der vergangenen zwölf Monate und weitere Statistiken ausgewertet hat. „Trotz massiv gestiegener Arbeitslosenzahlen und über 100.000 Beschäftigten in Kurzarbeit steigen die Mieten und Kaufpreise sowie die Nachfrage nach Wohnungen und Häusern unverändert weiter“, teilt Geschäftsführer Bernd Lorenz mit. Da die Nachfrage nach Wohnraum ungebrochen hoch sei, verzeichne ein Großteil der Bevölkerung offenbar keine wirtschaftlichen Einbußen durch Corona, folgert er.

Lorenz geht davon aus, dass dies so bleibt: Er rechnet auch für die Zukunft mit einem „robusten wohnungswirtschaftlichen Marktumfeld“ in Frankfurt. In allen Stadtteilen seien die Preise für Wohnungen und Häuser gestiegen – teilweise wie im Gallus, dem Europaviertel, in Höchst und in der Altstadt sogar um bis zu 24 Prozent innerhalb eines Jahres. Insgesamt beträgt der durchschnittliche Preisanstieg elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Während Bestandswohnungen im ersten Halbjahr 2020 für durchschnittlich 5000 Euro den Besitzer wechselten, kostete der Quadratmeter einer Neubauwohnung im Schnitt 6819 Euro. Der höchste Kaufpreis für eine Bestandswohnung wurde mit 25.000 Euro pro Quadratmeter im östlichen Nordend gezahlt.

Auch die Mieten stiegen weiter und zwar um fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Spitzenwert lag laut Immoconcept bei 49 Euro pro Quadratmeter, die für ein WG-Zimmer im Bahnhofsviertel verlangt worden seien. Das kann sich nicht jeder leisten: Überproportional steigende Mieten in den zentralen Stadtteilen führten zu einer Verdrängung der Bestandsbewohner ins Umland. Ein Indiz dafür sei, dass die Nachfrage an der Peripherie „eklatant“ gestiegen sei, sagt Lorenz.

Auf lange Sicht wird der Preisanstieg besonders deutlich: Die Mieten in Frankfurt sind seit 2010 im städtischen Durchschnitt um 41 Prozent gestiegen auf etwas mehr als 13 Euro pro Quadratmeter, die Kaufpreise für Bestandswohnungen sogar um 158 Prozent, teilt Immoconcept mit und beruft sich dabei auf Angaben des Internetportals Immobilienscout 24. Die Löhne haben zwar ebenfalls zugenommen, konnten beim Anstieg der Wohnkosten aber nicht mithalten: Von 2007 bis Ende 2019 stiegen die Bruttoentgelte in Frankfurt laut der Bundesagentur für Arbeit um 25 Prozent. Immoconcept geht davon aus, dass dieser Trend anhalten wird: „Im Endeffekt wird dies eine Verdrängung von Bestandsbewohnern ins Umland zugunsten von höheren Einkommensschichten mit sich bringen.“

Die steigenden Mieten haben zur Folge, dass auch die Haushaltseinkommen der Bewohner wachsen müssen. Legt man einen Wert von 30 Prozent zugrunde, der für die Wohnkosten veranschlagt wird, so benötigt ein Drei-Personen-Haushalt ein Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 6000 Euro, um sich im nördlichen Frankfurter Westend eine Wohnung leisten zu können. Singles, die im Westend wohnen wollen, benötigen knapp 2900 Euro netto im Monat. Diese Rechnung hat Immoconcept für alle 47 Stadtteile aufgestellt. Günstig wohnt man in Stadtteilen wie Fechenheim, Nieder-Erlenbach und Unterliederbach, wo die Wohnkosten 20 bis 30 Prozent niedriger sind. Eben am Stadtrand.

Die Studie geht davon aus, dass die Gentrifizierung der Frankfurter Innenstadtviertel den Preisanstieg in der Peripherie beschleunigen wird. Wie sich die Corona-Krise auf den hiesigen Wohnungsmarkt auswirken wird, sei stark vom weiteren Verlauf der Pandemie abhängig. „Aus Erfahrungen wissen wir, dass der Immobilienmarkt zeitversetzt reagiert“, heißt es in der Studie. Viele Analysten sähen städtisches Wohnen wegen der Enge und der eher kleinen Wohnflächen zunehmend kritischer. Demgegenüber gewinne das Wohnen am Rand der Städte mit einer entsprechend größeren Wohnfläche und der Nähe zur Natur zunehmend an Attraktivität. (rsch.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reuter, Sebastian
Sebastian Reuter
Redakteur vom Dienst.
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