Öffentlicher Nahverkehr

„Uns bleiben neun Jahre“

Von Mechthild Harting und Ralf Euler
23.11.2021
, 09:37
„Auch mit dem Elektroauto stecke ich irgendwann im Stau“: Knut Ringat, Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrs-Verbundes (RMV)
Knut Ringat, Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV), spricht darüber, was für die Erfüllung der Klimaziele nötig ist, den Corona-Effekt im ÖPNV – und warum Deutschland von einem Gratisangebot wie in Luxemburg noch weit entfernt ist.
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Herr Ringat, demnächst regieren die besonders ÖPNV-freundlichen Grünen nicht nur in der größten RMV-Stadt Frankfurt und in Hessen, sondern auch im Bund mit. Das müsste Sie als RMV-Geschäftsführer und Klimaschützer qua Amt doch freuen.

Ich kann mich nicht beklagen. Es gibt inzwischen von allen Seiten und parteiübergreifend Unterstützung für den öffentlichen Nahverkehr. Busse und Bahnen haben einen viel höheren öffentlichen Stellenwert als noch Mitte des vergangenen Jahrzehnts. Früher war der ÖPNV für viele Bundespolitiker eher eine lästige Kostenstelle, heute sollen wir die Erreichbarkeit der in Deutschland und in der EU gesetzten Klimaziele garantieren. Damit sind wir in einer viel stärkeren Position.

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Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen hat errechnen lassen, wie viel mehr der ÖPNV zur Erreichung der Klimaziele leisten müsste und wie viel das kosten würde.

Um die bis zum Jahr 2030 angestrebte Halbierung des CO2-Ausstoßes im Verkehrssektor zu erreichen, muss der ÖPNV massiv ausgebaut werden. Die Betriebskosten würden von 25 auf etwa 48 Milliarden Euro für die gesamte ÖPNV-Branche in Deutschland steigen. Das heißt, man müsste von 2022 an bis zum Ende des Jahrzehnts jedes Jahr 1,5 Milliarden Euro zusätzlich in Busse und Bahnen stecken. Der zusätzliche Bedarf allein für das Jahr 2030 liegt bei rund 11 Milliarden Euro. Um die Relationen klarzumachen: Wir nehmen in der Branche im Moment etwa 13,5 Milliarden Euro im Jahr über den Ticketverkauf ein.

Und das Geld wird fließen?

Ganz sicher. Möglicherweise werden da, je nach Partei, andere Schwerpunkte gesetzt, aber dass das zusätzliche Geld dringend notwendig ist, bestreitet praktisch keiner. Aus der Verantwortung für das Klima kann sich niemand mehr herausstehlen. Wir erfüllen einen Auftrag der Bundesregierung, und zwar der jetzigen wie der künftigen. Und dann gibt es ja auch noch EU-Vorgaben zur Schadstoffreduzierung: Wenn Deutschland die nicht erfüllt, stehen Strafzahlungen in Milliardenhöhe an; möglicherweise mehr Geld, als zum Erreichen der Ziele nötig wäre.

Was tut der RMV für die Klimaziele?

Der RMV-Aufsichtsrat hat schon vor zwei Jahren ein Strategiepapier beschlossen. Das steht unter der Überschrift „RMV-Mobilität 2035“, gibt aber auch einen Zwischenschritt für das Jahr 2030 vor. Demnach müssen wir bis dahin 30 Prozent mehr Menschen in Bussen und Bahnen befördern als vor Corona. Der Bund hat die Klimaziel-Vorgabe für den Fernverkehr so heruntergebrochen, dass dort eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen nötig ist – ein extrem ehrgeiziges Ziel. Aber auch unsere 30 Prozent sind äußerst ambitioniert. Wir haben dazu nur noch neun Jahre Zeit und sind erst wieder bei 67 Prozent des Vor-Corona-Wertes. Wenn man das schaffen will, kann man nicht einfach so weitermachen wie bisher, da muss man vieles anders und neu machen.

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Was zum Beispiel?

Die Jahre von 2016 bis 2019 waren für uns Boomjahre. Obwohl das Angebot an vielen Stellen zu wünschen übrig ließ, sind jedes Jahr mehr als zehn Millionen Menschen zusätzlich mit dem RMV gefahren. Das hat auch Geld in die Kassen gespült. Aber stellen Sie sich die schon damals, vor Corona, oft überfüllten Züge vor, wenn noch einmal 30 Prozent an Fahrgästen hinzukommen. Das geht nur, wenn man kräftig investiert, zusätzliche Strecken baut, zusätzliche und moderne Fahrzeuge anschafft. Wir brauchen schnellere Planungszyklen und eine höhere Schlagzahl bei der Umsetzung von Projekten. Vor allem brauchen wir eine durchgängig gute Qualität, denn der Kunde schaut nicht zuerst auf den Preis. Viel wichtiger sind ihm Zuverlässigkeit, eine hohe Angebotsdichte, Sicherheit . . .

. . . und verständliche Tarife.

Eine einfache Tarifstruktur, ja. Der RMV-Aufsichtsrat hat uns den Auftrag erteilt, einen Basiskartentarif zu entwickeln. Ich zahle dann, ähnlich wie bei der BahnCard, einen bestimmten Betrag X ein pro Zeiteinheit, sagen wir mal pro Monat, und fahre damit für einen bestimmten Betrag Y rabattiert. Ein Superangebot besonders für die Gelegenheitskunden, die sonst meist Auto oder Rad fahren. Oder für diejenigen, die drei Tage in der Woche im Homeoffice sind und zwei Tage ins Büro fahren. Im Idealfall kann ich mit einem solchen Basiskartenrabatt auch von Frankfurt nach Fulda, Darmstadt oder Wiesbaden fahren.

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Was tut sich in Sachen Infrastruktur?

Wir sind dran. In Frankfurt haben wir mit der Station Gateway Gardens einen neuen Stadtteil erschlossen, am viergleisigen Ausbau der Strecke von Frankfurt nach Bad Vilbel für die S-Bahn-Linie 6 wird gearbeitet, die Nordmainische S-Bahn und die Regionaltangente West sind in Planung, später sollen noch die Regionaltangenten Ost und Süd hinzukommen. Einen solchen Schub hätten wir schon vor 15 bis 20 Jahren gebraucht.

Das hat die Politik in Hessen verschlafen?

Das hat die Politik in allen Ländern und im Bund verschlafen. In Hessen ist man sogar früher als anderswo aufgestanden.

Welche Bedeutung hat der Fernbahntunnel unter dem Frankfurter Hauptbahnhof für den ÖPNV-Ausbau?

Der Fernbahntunnel ist essenziell, weil er eine Kapazitätserweiterung von um die 20 Prozent für den Knoten Frankfurt bringt. Ich gehe optimistisch davon aus, dass Planung und Bau jeweils ungefähr zehn Jahre dauern werden, das heißt, 2040 könnte der Tunnel fertig sein. Wir brauchen aber noch mehr als die zusätzlichen 20 Prozent. Durch die Digitalisierung der Schiene erreichen wir weitere 20 Prozent Kapazitätszuwachs. Das schafft uns in Summe in den Dreißiger- und Vierzigerjahren den Platz, den wir brauchen, um den ÖPNV für die Mobilitäts- und Verkehrswende ausreichend auszubauen.

In Luxemburg verkehren Busse und Bahnen gratis.

Dort hat die Politik aber auch – vor Einführung des Gratistarifs im März 2020 – über Jahre hinweg vorausschauend und langfristig gehandelt. Luxemburg hat im Jahr 2020 pro Einwohner ungefähr 570 Euro in die Schieneninfrastruktur investiert. In Deutschland waren es 2020 gerade einmal 88 Euro – und darauf können wir schon stolz sein, weil die Tendenz seit einigen Jahren steigend ist. Im Jahr 2010 lagen wir erst bei knapp über 50 Euro.

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Luxemburg ist mit 632.000 Einwohnern aber auch sehr klein.

Nehmen Sie Österreich oder die Schweiz, da fließen pro Jahr 249 beziehungsweise 440 Euro je Einwohner in die Schieneninfrastruktur.

Sind Gratisangebote wie in Luxemburg der richtige Weg?

Das muss die Politik entscheiden, beziehungsweise die Aufsichtsräte der Verbünde sind da gefragt. Das ginge sicher nur, wenn zuvor jahrelang die ÖPNV-Infrastruktur ausgebaut worden wäre. Dann kann man irgendwann vielleicht auch über unentgeltlichen Personennahverkehr in Deutschland nachdenken.

Mit dem Risiko, dass bei den Nutzern dann der Eindruck entsteht: Kostet nichts, ist also auch nichts wert.

Richtig. Grundsätzlich bin ich schon der Meinung, dass man für eine erbrachte Leistung auch etwas zahlen sollte. Das ist nicht zuletzt ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber den vielen tausend Menschen, die diese Leistung erbringen. Und die Fahrgäste zahlen ja auch gern einen Preis, wenn ihnen dafür gute und verlässliche Verbindungen geboten werden.

Wie sehr belastet Corona den RMV?

Die Pandemie ist für uns eine enorme Herausforderung, aber es scheint, als hätten wir das Schlimmste hinter uns. Die Fahrgastzahlen liegen wieder bei 67 Prozent der Werte von vor Corona.

Wie haben sich die Zahlen beim RMV seit 2019 – dem letzten Vor-Corona-Jahr – entwickelt?

2019 hatten wir die Rekordzahl von 808 Millionen Fahrgästen und einen Ertrag von 970 Millionen Euro, bei einem Aufwand von 1,7 Milliarden Euro. 2020 waren es dann nur noch 524 Millionen Fahrgäste, der Ertrag ging auf 762 Millionen Euro zurück, und der Aufwand stieg auf 1,8 Milliarden Euro. Für das laufende Jahr, das erste vollständige Krisenjahr, rechne ich ungefähr mit der gleichen Anzahl von Fahrgästen wie 2020. Damals schlug die Corona-Krise aber erst vom 15. März an zu. Bis dahin hatten wir noch steigende Fahrgastzahlen.

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Wer deckt die Einnahmeverluste?

2020 haben Berlin und Wiesbaden Ausgleichszahlungen in Höhe von insgesamt etwa 220 Millionen Euro an uns geleistet. Für dieses Jahr wird dieser Corona-Schadensausgleich wohl 210 Millionen Euro betragen. Das ist aber auch nur recht und billig, schließlich fordert die Politik von uns, dass wir unser Angebot trotz sinkender Fahrgastzahlen zu 100 Prozent aufrechterhalten.

Hat Corona die Menschen zurück ins Auto getrieben?

Ja, und es wird nicht einfach sein, das wieder zurückzudrehen. Es springen Leute vom RMV ab, die meinen, sie würden etwas für die Umwelt tun, wenn sie sich zusätzlich zum Diesel-SUV noch ein Elektroauto kaufen. Die stehen zwar irgendwann auch mit ihrem E-Auto in einem 20 Kilometer langen Stau auf der A 5, aber wir gewinnen sie als Kunden vielleicht nicht wieder zurück. Denn viele arbeiten im Homeoffice, es gibt Videokonferenzen, Onlineforen mit Gesprächspartnern aus der ganzen Welt. Das Mobilitätsverhalten wird sich meiner Einschätzung nach durch die Corona-Krise in einer Größenordnung von 10 bis 15 Prozent verändern.

Von Bus und Bahn hin zum Auto?

Ob das letztlich zum Nachteil oder zum Vorteil des ÖPNV sein wird, muss sich noch zeigen. Wer tagsüber im Homeoffice gearbeitet hat, fährt vielleicht abends mit Bus und Bahn ins Kino, ins Theater, ins Fußballstadion, raus in die Natur. Auf weniger Mobilität insgesamt wird es jedenfalls nicht hinauslaufen.

Zur Person

Der Ingenieur Knut Ringat, Jahrgang 1960, ist seit 1. Mai 2008 Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV) und fungiert seit 1. September 2009 als Sprecher der Geschäftsführung des RMV.

Quelle: F.A.S.
Mechthild Harting - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Harting
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
Ralf Euler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ralf Euler
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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