Schau „Gleiche Vielfache“

Die Welt in 5000 Bananenkisten

Von Hans Riebsamen, Frankfurt
18.04.2015
, 19:42
Auslegungssachen: In der Mainzer Kunsthalle zeigt Karsten Bott 2011 die Installation „Von Jedem Eins“.
Ein Brötchen ist ein Brötchen ist ein Brötchen. Bei Karsten Bott aber sieht jede Schrippe anders aus, wie man im Historischen Museum herausfinden kann.
ANZEIGE

Der eine sammelt Briefmarken, der andere Schnapsgläser, und wer es sich leisten kann, moderne Kunst. Karsten Bott sammelt alles. Außer moderner Kunst. Die macht der ehemalige Städelschüler selbst.

Wie viele Objekte Botts Sammlung umfasst? 100 000? Eine halbe Million? Eine Million? Er weiß es selbst nicht. Bott kann nur eines sagen: In seinem 200 Quadratmeter großen Lager in einer alten Tabakfabrik in Hanau-Kleinauheim stapeln sich zwischen 5000 und 6000 Bananenkisten vier Meter hoch. Und diese Kisten umfassen das ganze Universum der modernen Dinge. Oder zumindest das halbe.

ANZEIGE

Für das Historische Museum hat Bott viele Dutzende der Kisten ausgepackt und den Inhalt in 144 Fächer gestellt, die den Kern der Ausstellung „Gleiche Vielfache“ bilden. Gleiche Vielfache sind zum Beispiel 17 leere Rollen, die vom Klopapier übrig geblieben sind. Und diese 17 leeren Rollen sehen alle anders aus, genauso wie die 16 vollen Klopapierrollen, die auch in dem Klo-Fach stehen. Man muss aber genau hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen. Dazu animiert Bott mit dieser kurios-wunderbaren Ausstellung.

Spuren des Alltags sammeln

In der Literatur würde es heißen: „Ein Brötchen ist ein Brötchen ist ein Brötchen.“ Bei Bott sehen die Brötchen alle anders aus. Sogar die industriell gebackenen Schrippen haben eine gewisse Individualität. Wie die Eierkartons. 29 unterschiedliche Behältnisse hat Bott in das Eierfach gestellt. Alle besitzen sie ihre je eigene Besonderheit. Ein Karton ist blau, ein anderer gelb, ein dritter weiß. Bedruckt ist ohnehin jeder mit eigener Schrift und eigenem Bild, auch die Größe variiert vom Vierer- bis zum Zehnerkarton.

Die Welt des Karsten Bott besteht aus Dingen. Es ist auch unsere Welt. Ein durchschnittlicher Bürger eines hochentwickelten Landes nenne 10.000 Dinge sein Eigen, berichtet Susanne Gesser, die Kuratorin der Ausstellung. Das Historische Museum hat in den siebziger Jahren angefangen, diese Dinge des Alltags zu sammeln. Sein Haus sei damit gescheitert, gab Direktor Jan Gerchow freimütig zu. Denn es gibt einfach zu viele Dinge. Das Ein-Mann-Unternehmen Karsten Bott ist dagegen weiter gekommen. 1986 hat der mittlerweile vielgefragte Künstler mit seinem „Archiv für Gegenwartsgeschichte“ begonnen. Überlebt es, müssen in 500, 1000 oder 2000 Jahren keine Archäologen unsere Zivilisation ausgraben, sie wäre in den Kisten und Fächern Botts reichlich versammelt.

ANZEIGE

Angeordnet nach dem Kreis des Lebens

Schon wir Zeitgenossen entdecken dank des Künstlers Sammelleidenschaft die jüngste Vergangenheit unserer Konsumwelt. Ja, diese Verpackung für jenes Lebensmittel hat es in meiner Pubertät gegeben, denkt der Besucher. Und jene Kassette war Standard zu Beginn der Videozeit. Kurz ist unser Konsumgedächtnis, aber reich bestückt sind Botts Zeitmaschinen aus Bananenkisten.

Die Bott-Schau im Historischen Museum hätte übrigens auch „Von jedem eins“ heißen können. Denn eine große Fächerwand ist nicht nach dem Prinzip „Variationen von geknackten Fahrradschlössern“ oder anderer Dinge gestaltet. Hier geht es nach Themen wie Essen, Spielen, Bauen. Der Kreis des Lebens beginnt links oben mit dem ersten Fach des Regals, auf das man nach dem Eintritt in den Saal zuläuft. Es enthält behauene oder künstlich geformte Steine, die das Thema „Haus“ eröffnen. Von außen nach innen in die Wohnräume, Schlafräume und das Bad arbeitet sich Bott voran. Danach geht es weiter zur „Stadt“, die in ihren vielfältigen Lebensformen dokumentiert wird. Der Kreis endet mit einem Regal voller natürlicher Steine.

ANZEIGE

Bott wirft nur ungern etwas weg

Botts Regale sind für die Besucher eine Art Ratespiel. Man erkennt sofort, dass der Inhalt der Fächer nicht zufällig zusammengestellt wurde, sondern einem Ordnungsprinzip unterworfen ist. Welchem, das muss der Gast selbst herausfinden. Wenn zum Beispiel Pampers-Packungen in Gesellschaft einer Nuckelflasche oder eines Vertreters der Teletubbys zu sehen sind, denkt man an Babys und gelangt so zum Oberthema Geburt.

Seine Dinge hat Bott auf Flohmärkten gefunden, auf Sperrmüllhaufen und im eigenen Abfalleimer. Der ist bei ihm zu Hause eigentlich überflüssig, denn der 1960 in Frankfurt geborene Künstler wirft nur ungern etwas weg. Mittlerweile hat er einen unfehlbaren Blick für interessante Dinge entwickelt, die in seine Sammlung passen: „Ich sehe bei einem Sperrmüllhaufen aus 20 Meter Entfernung, ob ich hin muss“, scherzt er.

Überbleibsel der großen Konsumsause

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Bott ist kein Messie, also ein Mensch, der nichts wegwerfen kann und deshalb seine Wohnung zumüllt. Man muss ihn im Gegenteil als Mann der Ordnung bezeichnen, der für die chaotischen Überbleibsel der großen Konsumsause den ihnen gemäßen Platz findet. Museen, das hat Direktor Gerchow dazu richtig angemerkt, arbeiten oft nach demselben Prinzip. Sie holen aus dem Müll der Vergangenheit Objekte hervor und stellen sie in einen Zusammenhang.

Bott nennt sein Museum der Dinge ein „Heimatmuseum“. Denn was waren Zahnbürsten, Lockenwickler, Konservendosen anderes als die Ausstaffierung unseres Heims, unserer näheren Heimat? So gesehen ist der Supermarkt die Herzkammer dieser Heimat. Bott würde deshalb am liebsten die Waren in den Regalen, den Tiefkühltruhen und Auslagen dort sofort in Vitrinen stellen. So museal denken die Manager von Rewe und Penny freilich noch nicht, als dass sie ihn einen ihrer Läden dafür ausräumen ließen.

Die Ausstellung „Karsten Bott - Gleiche Vielfache“ ist bis zum 13. September im Historischen Museum zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE