Schüler mit Einschränkungen

Lockdown ohne Whatsapp

Von Florentine Fritzen
24.07.2021
, 19:07
Beispiel eines inklusiven Unterrichts vor der Corona-Pandemie (Symbolbild).
Kinder mit Förderbedarf hatten es in der Pandemie an den Schulen besonders schwer. Ein Bündnis aus der Rhein-Main Region fordert einen Ausgleich für sie.

Emile und Eva haben die Corona-Zeit anders erlebt als andere Fünfzehnjährige. Bis vor der Pandemie hatte sich Eva in der Schule immer ganz wohl gefühlt. Auch ohne „dicke, beste Freundin“, wie ihre Mutter Christine Bauknecht sagt. Aber die Mitschüler seien jeden Tag da gewesen, auch wenn der Kontakt mit den Jahren loser geworden sei. Weil „in der Pubertät alle sein wollen wie die anderen auch“ und Eva das Downsyndrom hat. Als der Lockdown kam, trafen bei der Schülerin einer Frankfurter Integrierten Gesamtschule keine Whatsapp-Nachrichten ein, und sie konnte den anderen auch keine schicken. Sie hatte die Handynummern nicht.

Émile war einer der wenigen in seiner Förderschule für Kinder mit körperlichen und motorischen Einschränkungen, die auch im Lockdown Unterricht bekamen. „Guten Online-Unterricht“ sogar, wie seine Mutter Janet Sabri berichtet. Aber neun von zehn Schülern der Frankfurter Förderschule seien auch geistig eingeschränkt. „Von einem Tag auf den anderen war das gewohnte Umfeld weg. Sie konnten das nicht verstehen.“ Ganz schlimm sei die Stimme des Lehrers am Telefon gewesen. Das Gefühl, dass es die Schule noch irgendwo gab. Aber wo?

Probleme beim Digitalen-Lernen

Die Pandemie war für viele Familien eine Belastung. Für solche mit behinderten Kindern war sie ungleich anstrengender. Das lag nicht nur am mangelnden Sozialkontakt. Janet Sabris Sohn sitzt im Rollstuhl, ist Bluter und blind. Eltern wie sie versorgten ihre schwerbehinderten Kinder nun rund um die Uhr selbst, lagerten 50, 60 Kilo schwere Jugendliche. Auch der Einschnitt beim Lernen war oft tiefer. Während sich andere Familien über das Homeschooling stritten, kam das Arbeiten am Tablet für viele Kinder mit Förderbedarf kaum infrage. „Digital einem Lehrer zuzuhören klappte nicht“, sagt Evas Mutter. „Das ist einfach nicht ihr Medium, um etwas zu lernen.“

Merve Sesen hat im Lockdown mit vielen Eltern gesprochen. An die Unabhängige Inklusionsberatungsstelle des Vereins Gemeinsam leben im Frankfurter Nordend wandten sich zum Beispiel solche, deren Kinder kommentarlos Wochenpläne von 60 Seiten bekommen hatten. Die sollten sie wie alle aus der Klasse bis zum Freitag bearbeiten. Normalerweise hätten die Förderlehrer das Programm gemeinsam mit dem Klassenlehrer für die Inklusionskinder angepasst. Die Förderlehrer kommen vom Beratungs- und Förderzentrum in die allgemeinen Schulen.

„In der Pandemie aufgeblüht“

„Sie fliegen als Experten ein“, kritisiert Birgit Koch. Der Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen missfällt das „Doppelsystem“ aus Inklusion und Förderschulen, das sich Deutschland als eines der wenigen Länder leiste. Koch verlangt „viel mehr individuelle Förderung“, am liebsten für jedes Kind, mindestens aber für jenes Fünftel, das im Lockdown abgetaucht sei. Kinder mit Förderbedarf brauchten kurzfristig individuelle Hilfe direkt im Klassenverband. Dafür fordert die Gewerkschaft Personal, kleine Gruppen, multiprofessionelle Teams mit Lehrern, Sonderpädagogen, Therapeuten.

Eva musste immerhin nicht monatelang zu Hause bleiben. Ihre neunte Klasse der Carlo-Mierendorff-Schule war eine Abschlussklasse. Sobald es wieder ging, saß Eva mit der Teilhabeassistenz in der Bibliothek. Diese Helfer begleiten Inklusionskinder im Schulalltag. Im ersten Lockdown wusste Evas Mutter nicht, dass die Unterstützer nach Hause hätten kommen dürfen. Auch Merve Sesen sagt, Träger hätten darüber mitunter nicht informiert, viele Teilhabeassistenten gehörten zur Risikogruppe. Wo sie doch nach Hause gekommen seien, hätten Eltern berichtet, welche Fortschritte das Kind machte, als es stundenlang intensiv nur mit der Teilhabeassistentin lernen konnte. Auch Autisten sind, wie Sesen aus der Beratung weiß, „in der Pandemie aufgeblüht“.

Versprechen der Landesregierung

Als der offene Treff wieder stattfand, kreischte Eva eine halbe Stunde lang vor Freude, wie ihre Mutter sagt. Auch Émiles Mutter berichtet: „Der offene Treff hat uns über die Pandemie gerettet.“ Ihr Sohn sei alle Tics aus dem Lockdown wieder losgeworden. Die Mütter beschreiben die inklusive Freizeiteinrichtung des Vereins Gemeinsam leben als eine Art Hort für Kinder nach der Grundschulzeit und von verschiedenen Schulen, die meisten behindert, aber nicht alle. Jetzt in den Ferien gebe es jeden Tag einen Ausflug.

Der Verein und die Gewerkschaft bilden zusammen mit Landesschülervertretung, Landesbehindertenrat, Ausländerbeiräten, Landeselternbeirat und Elternbund seit 2012 die Gruppe Inklusionsbeobachtung, die es sich zum Ziel gemacht hat, die Inklusion an hessischen Schulen „kritisch zu begleiten“. So sei zur Halbzeit der schwarz-grünen Landesregierung das Versprechen aus dem Koalitionsvertrag nicht eingelöst, dass jede Grundschule mit mehr als 250 Schülern oder hohem Inklusionsanteil einen festen Förderlehrer bekomme.

„Er war zu behindert“

Insgesamt habe sich „sehr wenig getan seit 2009“, meint Koch von der GEW. Damals trat die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Kraft. In Hessen war im Schuljahr 2018/19 ein Drittel der Kinder mit Förderbedarf in der Inklusion, acht Jahre zuvor waren es 15 Prozent. Janet Sabri berichtet, Émile habe nach dem inklusiven Kindergarten an einer privaten Inklusionsschule keinen Platz bekommen. „Er war zu behindert.“ Die Gruppe Inklusionsbeobachtung fände es gut, wenn gut ausgestattete Förderschulen sich auch für andere öffneten, etwa ihre Schwimmbäder. An Émiles Viktor-Frankl-Schule haben sie so etwas jetzt vor, berichtet die Mutter. Zunächst sollen Förderschüler, Gymnasiasten und Realschüler einander in der Mensa begegnen.

Wenn sich Christine Bauknecht für das neue Schuljahr etwas für Eva wünschen dürfte, wären das „ganz viele Aktivitäten mit der Klasse, Sport, Musik, Kunst, die alle wieder zusammenbringen würden“. Ihre Tochter wechselt allerdings die Schule, weil die Inklusion an der bisherigen nur bis zur neunten Klasse geht. An der Ernst-Reuter-Schule, ebenfalls einer Integrierten Gesamtschule, kann Eva zumindest noch die zehnte besuchen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fritzen, Florentine
Florentine Fritzen
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot