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Schulalltag für Lehramtsstudenten

Immer Ärger mit Kevin

Von Sascha Zoske, Mainz
 - 23:21
Auf dem heißen Stuhl: Eine Studentin erlebt im Planspiel, wie es sich anfühlt, Lehrerin zu sein.

Dicke Luft in Klasse 8b. Die größte Nervensäge heißt natürlich Kevin. Er streitet heftig mit dem arroganten Martin herum, was die Mitschüler zu ebenso lautem Protest herausfordert: „Hier kann man ja keinen Unterricht machen!“ So sieht das auch Herr Schulz, der Bio-Lehrer. Eigentlich wollte er an diesem Morgen den Ursprung des Lebens durchnehmen, doch er wird ständig von Zankereien unterbrochen. Schließlich ist die Stunde vorbei und Herr Schulz schwer beleidigt. „Schade, dass wir so wenig gelernt haben. Aber einige Unbelehrbare halten es ja für angebracht, den Unterricht zu stören!“ Bevor noch jemand antworten kann, hat der frustrierte Studienrat schon den Raum verlassen.

Susanna Türk steht auf und öffnet das Fenster. Gäbe es diese anstrengende 8b wirklich und wäre das Klassenzimmer tatsächlich ein Klassenzimmer und kein Seminarraum im Psychologischen Institut der Uni Mainz, es brauchte mehr als einen Stoß Sauerstoff, um für Spannungsabbau zu sorgen. Hier aber kann man sicher sein, dass sich Kevin, Martin und Herr Schulz bald wieder gut vertragen werden. Alle drei sind Lehramtsstudenten, ebenso wie die restlichen „Schüler“ und „Lehrer“, die sich an diesem Morgen zum „Planspiel Schulalltag“ getroffen haben. Türk und ihre Kolleginnen vom Institut verfolgen als Gastgeber und Beobachter, wie die angehenden Pädagogen zu Ausbildungszwecken großes Unterrichts-Theater aufführen.

Unterschiedliche Lehrertypen

Die Regisseurin ist dazu eigens aus Bamberg angereist. An der dortigen Universität befasst sich Ulrike Starker mit empirischer Bildungsforschung. Zusammen mit ihren Studenten hat sie das Planspiel entwickelt, das den Lehramts-Anwärtern eine neue Möglichkeit bieten soll, ihr Verhalten im Umgang mit Schülern zu reflektieren. Wie wichtig es ist, dass Lehrer lernen, mit den emotionalen Seiten ihres Berufs klarzukommen, weiß Psychologin Türk: Einer Studie zufolge erkranke jeder dritte Pädagoge am Burnout-Syndrom. Das hänge wohl auch damit zusammen, dass viele die Anforderungen des Berufs unterschätzten. „Die denken an ihre eigene Schulzeit und glauben, an der Tafel stehen und ein bisschen was erzählen, das kann ich auch.“ Was passiert, wenn die Schüler den Mann oder die Frau an der Tafel ihren vermeintlich so einfachen Job nicht reibungslos erledigen lassen, soll die Simulation zeigen. Alle Mitspieler haben Rollen zugeteilt bekommen, die auf einem Zettel mit wenigen Sätzen skizziert sind. Es gibt den Streber, den Klassenclown, das krawallsuchende Unterschichtkind und andere Charaktere, die zwar etwas schablonenhaft, aber nach Starkers Worten ohne allzu große Übertreibung gezeichnet sind.

Auch den Lehrer-Darstellern werden bestimmte Eigenschaften zugeordnet. Da ist zum Beispiel Herr Emminger, der Chemie unterrichtet. Er hat noch sieben Jahre bis zum Ruhestand, kennt seinen Stoff aus dem Effeff und kann hart durchgreifen, wenn es sein muss. In Wirklichkeit heißt Herr Emminger Robert Fritzschl, er studiert im vierten Semester Deutsch und Geschichte und hat von Chemie wenig Ahnung. Trotzdem muss er seiner „Klasse“ nun ohne große Vorbereitung etwas beibringen - schon das ist eine Herausforderung, wie Fritzschl findet. Bei seinen Schüler-Kommilitonen für die nötige Disziplin zu sorgen, sei ihm dagegen nicht so schwergefallen, sagt er nach der ersten Stunde: „Das war ein ganz angenehmes Arbeiten.“

„Auf netter Basis“ für Ruhe sorgen

Frau Zöpfel hat es da schon schwerer. Nach dem verbitterten Abgang von Herrn Schulz soll die Kunstlehrerin mit den lockeren Umgangsformen das nächste Opfer der schrecklichen 8b werden. Doch die vermeintliche Mobbing-Kandidatin weiß sich zu behaupten. Ein paar Minuten lässt sie das Geplänkel von Kevin und den anderen laufen, die jetzt unbedingt einen neuen Klassensprecher wählen wollen. Dann macht sie einen Vorschlag: „Ich würde gerne mit euch in eine Ausstellung gehen.“ Das Angebot wird einstimmig angenommen, aber die Lehrerin macht gleich klar, was sie als Gegenleistung erwartet: besseres Benehmen. Dass die Quengler dazu in der Lage sind, beweisen sie, als sie leidlich konzentriert ihre eigenen Versionen des Edvard-Munch-Gemäldes „Der Schrei“ zu Papier bringen. Die wohltuende Stille nutzt Frau Zöpfel für einen moralischen Appell: „Im Lehrerzimmer wird so viel Schlechtes über euch verbreitet. Ihr müsst was an euch tun!“ Keiner gibt ein Widerwort.

Halb improvisiert, halb aus Theoriewissen gespeist sei ihr Auftritt als Frau Zöpfel gewesen, sagt Alexandra Büscher, die nicht Kunst, sondern Geographie und Französisch studiert. In einer echten Schulklasse hätte sie noch etwas energischer für Ruhe gesorgt, glaubt sie, aber auch „auf netter Basis“. Das Planspiel findet die Dreiundzwanzigjährige „superspannend“; ihr Adrenalinpegel während der Unterrichtsstunde sei hoch gewesen: „Ich hätte nicht erwartet, dass man so sehr in die Rolle hineinfindet.“

„Ich musste ihn umsetzen“

Für die Teilnahme an der Simulation gibt es zwar Credit Points, aber Noten für didaktische Kunstfertigkeit werden hier nicht verteilt. „Es geht nicht um richtig oder falsch“, hebt Professorin Starker hervor. „Wichtig ist für die Studenten Erfahrungslernen.“ Das Planspiel solle ihnen helfen, mit den Gefühlen umzugehen, die ein Lehrer in heiklen Situationen habe. Wenn es ihnen gelinge, die Gefühle und damit auch die Denkform den Anforderungen anzupassen, falle es leichter, die Schwierigkeiten zu meistern.

Über ihre Erfahrungen und Emotionen während der Lehr-Stunden sprechen die Spielteilnehmer am Nachmittag. Alexandra Büscher ist anschließend immer noch sehr angetan von dem Projekt. Für ihr „behutsames Durchgreifen“ als Frau Zöpfel sei sie gelobt worden, und auch sonst habe sie für ihr späteres Lehrerdasein „viel mitgenommen“. Das Fazit ihres Kommilitonen Robert Fritzschl fällt ein wenig verhaltener aus. Er hätte sich ein detaillierteres, vielleicht auch schriftliches Feedback zu seinen Auftritten als Chemielehrer gewünscht. Wie Büscher würde aber auch Fritzschl anderen Studenten eine Teilnahme empfehlen, sollte das Planspiel noch einmal angeboten werden.

Mit seiner Kollegin Frau Zöpfel verbindet den altgedienten Herrn Emminger alias Fritzschl zudem, dass er mit der Störerklasse 8b ziemlich gut klargekommen ist. So sieht er es jedenfalls selbst. Beim schlimmen Kevin allerdings habe gutes Zureden alleine nicht mehr gereicht. „Ich musste ihn umsetzen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zoske, Sascha
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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