Mehr Ideen als Zeit dafür

Von THORSTEN WINTER (Text) und ILKAY KARAKURT (Fotos)

5. Juli 2022 · Vor fünf Jahren ist der Bauernhof Fay aus Mittelhessen als „Agrar-Familie des Jahres“ ausgezeichnet worden. Was bedeutet das für einen landwirtschaftlichen Betrieb?

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urmhohe Pappeln rascheln im auflebenden Wind. Im Hintergrund erheben sich zwei Burgen und der Dünsberg mit dem weithin sichtbaren Fernmeldeturm. Auf der umzäunten Weide vor dem Rotklinkerbau nuckelt ein Kälbchen am Euter der Mutterkuh. Drum herum dösen andere Jungrinder und Kühe im Gras unter der strahlenden Sonne oder liegen im Schatten der neben der Straße aufragenden Bäume. Nebenan kräht auf einem Stall auf Rädern ein weißer Hahn. Er nimmt den Schnabel hoch und wirft sich stolz in die Brust. Derweil stellt Philipp Fay nach einem prüfenden Blick auf das Smartphone einen kleinen Traktor auf dem Hof ab und öffnet die Tür zum angenehm kühlen Hofladen. Der Duft geräucherter Wurst steigt umgehend in die Nase. In einem verglasten Kühlregal steht Joghurt aufgereiht und gegenüber mitten im Raum allerlei Feinkost in Gläsern. Weiterhin gibt es kistenweise Bier aus einer mittelhessischen Craft-Brauerei.

Nahbar: Produkte aus der Region um den Hof und Wein vom Rhein sind im neuen Hofladen zu haben
Nahbar: Produkte aus der Region um den Hof und Wein vom Rhein sind im neuen Hofladen zu haben

Fay, ein sportlich-schlanker Typ mit schwarzem Bärtchen, bundeswehrgrünem T-Shirt und gewinnendem Lachen, setzt sich auf eine Bank. Vor fünf Jahren sind die Fays vom Hof Obersteinberg zur Agrar-Familie des Jahres gewählt worden. Und das nicht von irgendwem. Vielmehr haben andere Landwirte der zwischen Butzbach und Gießen angesiedelten Bauernfamilie diesen Titel verliehen. Außer Lob und Preis gab es auch 12.000 Euro. Aber was ist seitdem geschehen? Was hat die Familie mit und aus ihrem Preis gemacht? Und was mit dem Geld? Wie hat sie sich verändert?

Die augenfälligste Neuerung des unter anderem in Neuseeland ausgebildeten Jungbauern mit Bachelor-Abschluss ist der Hofladen. Den hat es 2017 in dieser Form noch nicht gegeben. Seinerzeit hatte die Familie ihren Direktverkauf in der alten Waschküche untergebracht. Vor gut zwei Jahren begann sie mit dem Umbau eines Teils einer Scheune für den neuen Hofladen. „Corona hat uns dabei geholfen“, erzählt Fay. Sein Bruder Thomas, der gerade seine Techniker-Ausbildung beendet, hatte Onlineseminare und half beim Ausbau kräftig mit. Die Eigenleistung half, Kosten zu vermeiden. Aber auch so hat die Familie 120.000 Euro an Material in den weitläufigen Hofladen gesteckt.

Kornkammer: Im neuen Hofladen gibt es allerlei Delikatessen und Unverpacktes zum Knuspern
Kornkammer: Im neuen Hofladen gibt es allerlei Delikatessen und Unverpacktes zum Knuspern

Nun sind Bauern sechsstellige Investitionen gewöhnt. Allein moderne Traktoren kosten im Zweifel so viel wie ein Einfamilienhaus. Aber Fördermittel hat die Familie nicht bekommen, wie Philipp Fay berichtet. Da braucht es schon einen ordentlichen Umsatz. Eine halbe Million Euro im Jahr, so lautet das Ziel. Erlösen wollen die Landwirte diese Summe mit einer deutlich erweiterten Produktpalette. Hatten sie vor 15 Jahren mit Rindfleisch in größeren Paketen aus dem eigenen Schlachthaus angefangen, verkaufen sie längst Eier von eigenen Hühnern.

2400 Hühner halten sie derzeit, das sind 1900 mehr als vor fünf Jahren. Als Heime dienen dem auf Wiesen vor dem Bauernhof pickenden Federvieh insgesamt vier Ställe auf Rädern, sogenannte Hühnermobile. Das sind doppelt so viele wie ehedem. Kostenpunkt je großes Hühnermobil: 120.000 Euro, wobei Europäische Union, Bund und Land insgesamt 40 Prozent der Kosten tragen, wie Fay erläutert. Als Belohnung für diese alternative Haltungsform, die Hennen und Hähnen viel Freiheit lässt. Im Gegenzug legen die Hühner fleißig Eier. Etwa 2000 Stück sind es. Am Tag.

Kuscheltiere: Hennen beisammen zwischen Kräutern auf einer Wiese
Kuscheltiere: Hennen beisammen zwischen Kräutern auf einer Wiese

Werden die Fays auch alle los? Der Jungbauer nickt. Die Familie verfügt mittlerweile über drei Verkaufsautomaten in drei Städten und Gemeinden, vor fünf Jahren hatten sie nur ein solches Gerät in ihrer Heimatgemeinde stehen. An diesen Automaten kaufen Kunden auch Wurst in Gläsern. Die Fays beliefern zudem noch zwei Rewe-Supermärkte und den Unverpackt-Laden in Gießen sowie einige andere Partner mit Freilandeiern. „Wir haben die Kooperationen hochgefahren.“ Seine Schwester Anne und deren Partner liefern Gemüse und Salat von einem Hof in einem nahe gelegenen Ort zu. Zu den Partnerbetrieben gehört auch der Weidenhof aus Wächtersbach, auf dem Philipp Fay gelernt hat. Von dort bezieht seine Familie Milchprodukte wie den Joghurt in Gläsern.

Wobei die allgemeine wirtschaftliche Lage derzeit den Agrar-Unternehmern den Erwerb von Gläsern erschwert, wie er berichtet. Zulieferer verlangten je Glas nun die Hälfte mehr als vor einigen Monaten. Und die Art der bisher genutzten Eierschachteln sei nicht mehr zu bekommen. „Die werden nicht mehr produziert.“ Unter dem Strich müsse die Familie mit höheren Kosten für solche Verpackungen leben. „Wir tun uns als Direktvermarkter schwer, die Preissteigerungen weiterzugeben“, sagt der Bauer. Das liegt auch am Unverständnis der Kunden. Seit Kurzem kostet ein Glas Mettwurst 80 Cent mehr im Hofladen. „Da bekamen wir zwei Mails mit der Frage, wie das denn sein könne mit einer Erhöhung um 26 Prozent bei einer Inflation von acht Prozent.“ Dabei sind die acht Prozent ein Durchschnittswert.

Landwirte müssen dessen ungeachtet in diesen Wochen und Monaten auch mit deutlich höheren Kosten für Betriebsmittel zurechtkommen. Diesel ist grob gerechnet doppelt so teuer. Die Fays müssen nun bei 40.000 Liter Verbrauch mit 40.000 Euro mehr rechnen. Immerhin, und auch das ist eine Neuerung seit der Wahl zur Agrar-Familie des Jahres, können die Fays mittlerweile Strom aus der eigenen Solaranlage nutzen. Das senkt die Energiekosten, für die etwa der hauseigene Schlachtbetrieb sorgt. Dort war neulich eine Maschine offensichtlich defekt. Der Kundendienst kam, stellte die Diagnose „Maschine kaputt“, bezifferte den Schaden auf 20.000 Euro und berechnete inklusive Anfahrt 600 Euro. „Da steht man dann da“, so Philipp Fay.

Zapfanlage: Ferkel nuckeln an einem Muttertier und können wie Kühe an die frische Luft
Zapfanlage: Ferkel nuckeln an einem Muttertier und können wie Kühe an die frische Luft

Für Aufwand sorgen auch wiederkehrende amtliche Kontrollen. 14 an der Zahl erlebte die Familie im vergangenen Jahr. Eine davon betraf die Frage, ob sich der Betrieb beim Verkauf an die Rindfleisch-Etikettierungsverordnung halte. Und die Eierpackstelle ist nicht nur mehr marktrechtlich zugelassen, sondern trägt nun auch das Siegel der Europäischen Union.

Die Wahl zur Agrar-Familie hat geholfen, den bis ins engere Rhein-Main-Gebiet und nach Siegen reichenden Kundenkreis zu erweitern. Daran lässt Philipp Fay keinen Zweifel. Es zeigt sich auch an den Kennzeichen der Autos, die den Hofladen an den drei Verkaufstagen ansteuern. „Wir hatten viel Medienpräsenz“, sagt Mutter Katja Fay. „Manche Kunden fragten dann: Wann seid ihr denn wieder im Fernsehen? Das ist immer so interessant“, erzählt Philipp Fay lachend. Demnach haben die Medienberichte geholfen, manchem Städter die Landwirtschaft näherzubringen.

Um möglichst nah an Kunden und potentielle Käufer heranzukommen, nutzen die Fays neben der Homepage auch Instagram. Um diesen Social-Media-Auftritt kümmert sich eine Honorarkraft. Dort ist unter anderem zu sehen, wie eine Drohne mit Wärmebildkamera vor Sonnenaufgang über Felder fliegt und sich ins hohe Gras nebst Kräutern duckende Rehkitze aufspürt. Soll doch keines im Verlauf einer Mahd Schaden nehmen. Ist eines entdeckt, tragen die Bauern es auf ein benachbartes Areal und stellen einen Korb über die Tiere, damit sie nicht ausbüxen. Ist das Feld gemäht, kommen sie zurück an den ursprünglichen Platz. Die Drohne lässt ein Freund der Familie fliegen, der das Gerät sonst in den Dienst eines Solaranlageninstallateurs stellt.

Aufseher: Über die Freilandhühner wachen mehrere stolze Hähne, die auch gut gegen Habichte sind
Aufseher: Über die Freilandhühner wachen mehrere stolze Hähne, die auch gut gegen Habichte sind

Die Äcker bewirtschaftet die Familie seit drei Jahren nicht mehr konventionell wie vorher. Sie sind nun Ökolandwirte im Landbau und am Ende der sogenannten Umstellphase. Mit dieser Phase geht die Faustregel einher: den Aufwand betreiben wie ein Biobauer, aber nur die niedrigeren Preise bekommen wie ein konventionell wirtschaftender Kollege. Der Aufwand übersteigt teils erheblich die Arbeit von früher, so etwa bei Soja als Eiweißfutter für Tiere. Viermal so viele Arbeitsgänge sind laut Philipp Fay je Acker nötig. Und trotz des Einsatzes moderner Technik frustriert ihn das Zwischenergebnis dieses Jahres: allenthalben Disteln zwischen den Bohnenpflanzen. Um diese Beikräuter an der Vermehrung per Samen zu hindern, muss er demnächst mit der Gartenschere ran und die entsprechenden Samenstände kappen. Das bereitet eine Menge Arbeit, ist aber im Zweifel nur die halbe Miete, vermehren sich Disteln auch im Boden durch Ausläufer. Zu allem Überfluss muss Fay mit einer deutlich geringeren Sojaernte rechnen als gedacht.

Den ganzen Mehraufwand durch das erweiterte Geschäft und den Ökolandbau kann die Familie nicht allein stemmen. So beschäftigt sie nicht mehr nur drei Minijobber wie ehedem, sondern fünfmal so viele. 2017 gab es laut Philipp Fay keinen Festangestellten. Nun zählen die nach Landbau und Rinderhaltung getrennten Betriebe der Familie drei, darunter Philipp Fays Frau Tabea und einen Metzger, der außer Rindern auch Schweine von den Weiden des Hofs schlachtet. Wie er denn an den Fleischer gekommen ist? „Abgeworben“, sagt der Bauer postwendend.

Der starke Wandel binnen fünf Jahren hat aber noch eine Kehrseite außer dem erheblichen Mehraufwand. „Es ist deutlich stressiger geworden.“ Wenn ein Verkaufsautomat streikt, ist umgehend Abhilfe nötig. Und dann sind die Fays in Sachen Ökolandbau noch in der Findungsphase. Zudem steht der Bau eines neuen Rinderstalls an und der Umbau eines alten Stalls für die Freilandschweine. Fragen doch Kunden mehr Schweinefleisch vom Hof Obersteinberg nach als früher.

Weitblick: Kühe grasen am Hof Obersteinberg unter freiem Himmel
Weitblick: Kühe grasen am Hof Obersteinberg unter freiem Himmel

Im Vergleich zu den Tagen vor der Expansion muss die Familie zu viele Abstriche machen, wie Philipp Fay bekennt. So bleibt als Aufgabe: „Freiräume schaffen.“ Bald hat sein Bruder Thomas seinen Techniker in der Tasche. „Wenn er dann im August voll in den Betrieb einsteigt, dann wird alles besser“, sagt der Jungbauer und lacht. Weiß er doch: Auf einem Bauernhof hört die Arbeit im Zweifel nie auf. Und wie sagt Philipp Fay doch: „Die Tage sind zu kurz, um alle Ideen zu verwirklichen.“


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