Spiegel deutscher Geschichte

Geheime Schätze der Deutschen Bank

Von Daniel Schleidt
Aktualisiert am 02.06.2020
 - 12:05
Hat viele Lieblingsstücke: Dr. Martin L. Müller, Leiter des Historischen Instituts der Deutschen Bankzur Bildergalerie
Das Archiv von Deutschlands größter Bank ist in Eschborn gut versteckt. In seinen Regalen findet sich eine Vielzahl zeitgeschichtlicher Dokumente – und Stoff für ungewöhnliche Geschichten.

Das Langzeitgedächtnis ist versteckt, und das soll auch so bleiben. Weil das Archiv der Deutschen Bank als wertvolles Kulturgut gilt, soll niemand wissen, wo genau es sich befindet. Eine Hintertür öffnet sich an einem schmucklosen Gebäude in Eschborn, so viel sei gesagt. Martin Müller hat die weißen Handschuhe schon bereitgelegt, die er stets benutzt, wenn er die alten Akten zur Hand nimmt. Müller leitet das Historische Institut der größten deutschen Privatbank seit 2006. Die langen Regalreihen und schweren Aktenordner sind sein zweites Zuhause, aus der Geschichte seines Arbeitgebers zitiert er, als sei es seine eigene.

In den vergangenen Monaten war für Müller und seine drei Mitarbeiter in dem Archiv mehr zu tun als sonst. Die Deutsche Bank ist vor 150 Jahren in Berlin gegründet worden, weshalb drei Historiker anlässlich des Jubiläums einen schweren, knapp 800-seitigen Geschichtsband erstellt haben. Große Teile ihrer Recherche fußen auf jenen Unterlagen, die hier seit fast 60 Jahren gesammelt werden. Würde man die Regalbretter mit ihren Aktenordnern aneinanderreihen, die Strecke würde von der Paulskirche zum Terminal 1 am Frankfurter Flughafen reichen.

Mehr als die Historie einer Bank

Was man dort findet, ist mehr als die Historie einer Bank. Tausende von Geschäfts- und Personalakten, Depot- und Kontounterlagen, Zeitungsartikel, Briefe, Fotos und Filme spiegeln politische und kulturelle Ereignisse und Entwicklungen in der Geschichte Deutschlands wider. Es sind Staatsprojekte wie die Bahnverbindung zwischen Istanbul und Bagdad im Osmanischen Reich, die von der Deutschen Bank finanziert wurde, aber auch Zeugnisse der Industriegeschichte, etwa Unterlagen zur Gründung von Konzernen wie AEG und Mannesmann.

Die schwere Tresortüre ist geöffnet, als Martin Müller hindurchgeht in jenen Raum, der durch eine Sauerstoffabzugsanlage vor Feuer geschützt ist. Dann zeigt er auf einige Regale: K1 zum Beispiel, erzählt Müller, das sind die Unterlagen der Norddeutschen Bank, 1856 gegründet, die 1928 vollständig in der Deutschen Bank aufging; K7 erinnert an die Deutsch-Asiatische Bank, die unter Führung unter anderem der Deutschen Bank 1889 mit Sitz in Schanghai gegründet wurde; und unter dem Kürzel V1 stehen Akten, die aus dem Büro des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Hermann Josef Abs stammen.

Als Martin Müller die weißen Handschuhe zum ersten Mal überstreift, präsentiert er einen Brief des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer an Abs aus dem Jahr 1957. Die Führungsrolle im deutschen Kreditwesen, die die Deutsche Bank schon bald nach ihrer Gründung beanspruchte, hatte ihre Topmanager immer schon mit den Mächtigen der Politik zusammengebracht. So galten einst die Gründer Ludwig Bamberger und Adelbert Delbrück als enge Vertraute von Preußens Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, der 1870 der Gründung der Bank zugestimmt hatte.

Auch Abs gehörte zu den engsten Finanz- und Wirtschaftsberatern des damaligen Kanzlers, und Adenauer bedankte sich am 5. November 1957 in einem Brief für die Glückwünsche zur Wiederwahl mit der Bitte um ein Gespräch. Mit der Hand notierte sich Abs den Termin dafür auf dem Blatt Papier: 11.11., 18 Uhr.

Auch später suchten deutsche Kanzler immer wieder die Nähe zu den Vorstandssprechern der Bank, wie ein weiteres Schreiben belegt, das Müller hervorholt. Am 25. Oktober 1989 bat Helmut Kohl den damaligen Vorstand Alfred Herrhausen in einem mit „Lieber Alfred“ überschriebenen Brief darum, ihn doch auf seiner Polen-Reise vom 9. bis 14. November zu begleiten. Es war eine historische Reise, die wegen des Falls der Mauer abgebrochen wurde; wenige Tage später wurde Herrhausen am 30. November 1989 Opfer eines Terroranschlags.

Für die breite Öffentlichkeit verschlossen

Im August 1961 entschied sich der Vorstand der Deutschen Bank dazu, ein historisches Archiv aufzubauen. Nach dem Bau der Berliner Mauer konnte die Bank nicht mehr auf Unterlagen zugreifen, die in ihrer früheren Ost-Berliner Zentrale untergebracht waren. Um das künftig zu vermeiden und den hundertsten Jahrestag der Gründung 1970 vorzubereiten, wurden riesige Mengen an Akten zusammengetragen – nach dem Fall der Mauer kamen übrigens aus dem Archiv der DDR auch die verloren geglaubten Akten wieder dazu.

Der breiten Öffentlichkeit bleibt das Archiv der Bank zwar verschlossen. Doch wenn Wissenschaftler zum Beispiel Akten zur Ansicht brauchen, werden sie in die Deutsche-Bank-Filiale am Roßmarkt transportiert, wo sie gesichtet werden können, berichtet Müller.

Der Mann kann lange und detailreich darüber sprechen, wenn er Lieblingsstücke der Sammlung präsentiert. Eines ist ein kurzer Brief, den der amerikanische Erfinder und Unternehmer Thomas Alva Edison im August 1889 an die Deutsche Bank in Berlin schrieb. Edison wollte an einen Besuch der Weltausstellung in Paris 1889 auch ein Treffen mit Krupp-Managern in Essen anschließen. Die Deutsche Bank stellte für ihn den Kontakt her, und Edison bedankte sich in dem Schreiben für das, was man heute wohl erfolgreiches „Networking“ nennen würde.

Dreieinhalb Jahre später richtete der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Emil Georg von Stauß einen Brief an Regisseur Fritz Lang. Stauß hatte, weil die Bank an der Produktionsgesellschaft Ufa beteiligt war, Sorgen, dass Lang die Kosten für den Stummfilm „Metropolis“ nicht mehr in den Griff bekam, und appellierte, den Film endlich zu Ende zu bringen. Lang ließ sich davon nicht beeindrucken. Die 5,3 Millionen Reichsmark, die der Film schließlich kostete, waren nicht nur ein Vielfaches der kalkulierten Summe; der Film konnte den Betrag auch nicht wieder einspielen, wurde allerdings als erster Film in das Weltdokumentenerbe aufgenommen.

Die Verbindung zu Frankfurt

Auch der Bezug zu Frankfurt der in Berlin gegründeten Bank lässt sich im Archiv nachverfolgen. Bevor am 1. Oktober 1886 die erste Frankfurter Filiale in der Kirchnerstraße eröffnete, machte sich Vorstandssprecher Georg Siemens auf die Suche nach Führungskräften dieser Dependance. Dabei suchte er Rat beim Verleger Leopold Sonnemann, Gründer und Herausgeber der Frankfurter Zeitung, eines Vorläufers dieser Zeitung. Der hatte offenbar den richtigen Tipp: Auf Sonnemanns Empfehlung hin wurde Hermann Maier engagiert, der wenig später zum Direktor der Frankfurter Niederlassung aufstieg und das bis 1912 blieb.

Auch aus dem Gründungsdokument lassen sich sehr frühe Verbindungen zu Frankfurt herleiten. So gehört das Frankfurter Bankhaus Sulzbach zu den Erstzeichnern der Deutschen Bank. Das Institut bündelte die Interessen mehrerer Frankfurter Investoren, vereinte so mit 850.000 Talern ein Sechstel der Bankanteile auf sich und war damit größter Einzelaktionär des neuen Instituts. Aus Walluf im Rheingau heraus zeichnete Hermann Marcuse mit 364.000 Talern das drittgrößte Aktienpaket. „Ein interessanter Mann“, sagt Müller. Schließlich war Marcuse bereits in den 1850er Jahren in New York als Bankier aktiv gewesen und formte in den 1860ern dort mit dem Bankhaus „Marcuse und Balzter“ eines der laut „New York Times“ führenden ausländischen Bankhäuser in den Vereinigten Staaten.

Müller sagt, wer die Deutsche Bank heute verstehen wolle, dem helfe der Blick in alte Unterlagen, weil das Geschäft früher nicht so komplex gewesen sei wie heute. Was diese Komplexität angeht, so dürfte die Arbeit für Müller und das Historische Institut künftig nicht einfacher werden. Derzeit beschäftigt sich Müller intensiv damit, wie man künftig digitale Daten anstatt bedruckten Papiers aufbewahren kann. 88 000 Mitarbeiter produzieren jeden Tag allein mehr als eine Million Mails, rechnet Müller vor. Es ist ein Mammutprojekt. Doch selbst wenn Archive natürlich mit der Zeit gehen und digitaler werden müssen: Der Bibliotheksgeruch von Papier unter Aktendeckeln wird noch lange bleiben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schleidt, Daniel
Daniel Schleidt
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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