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Hessens Innenminister Beuth

„Der Athlet muss ein Auskommen haben“

Von Anno Hecker
 - 14:50

Hessens Innen- und Sportminister Peter Beuth plädiert für mehr staatliche Hilfe bei der Absicherung von Spitzensportlern, für die Freiheit bei der Wahl des Trainingsortes und für eine deutsche Olympia- Bewerbung: „Um denen vom IOC zu zeigen, dass es unter demokratischen Regeln funktionieren kann.“

Wie der Bund hat auch Hessen eine Leistungssport-Reform auf Band gelegt. Aber für den Leistungssport in Gesamtdeutschland ist doch der Bundesinnenminister zuständig. Warum machen Sie seine Arbeit?

Weil es überall Schnittpunkte gibt. Wir sind zwar vorwiegend für den Nachwuchsleistungssport zuständig. Aber wir bieten Spitzensportlern auch Stellen in der Polizei und in der Verwaltung. Es gibt einige Punkte, wo die Förderung des Landes für den Spitzensport nötig ist. Das betrifft auch bestimmte Sportstätten. Wir wollen uns im engen Dialog mit Athleten und Verbänden besser aufstellen.

In dem Konzept von Landesregierung und Landessportbund soll der Athlet im Mittelpunkt stehen, wie Funktionäre gerne beteuern. Tut er das?

Ja. Wenn wir erfolgreiche Athleten haben wollen, dann müssen sie sich in ihrer Rolle als Leistungssportler einigermaßen wohl fühlen können. Man muss so ein Konzept also aus ihrer Perspektive betrachten, nicht so sehr aus der von Funktionären. Die Athleten und auch ihre Trainer müssen eingebunden werden. Das ist geschehen. In enger Zusammenarbeit mit dem Sport sind die Fragen der Versorgung geklärt worden. Das ist der „Hessische Weg“. Dann müssen Athleten auch keinen eigenen Verein gründen.

Sie spielen an auf die Bemühungen der Athletenkommission im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), unabhängig vom Dachverband zu werden . . .

. . . zumindest unterscheidet sich der Partizipationsprozess von dem, wie er auf Bundesebene angegangen wurde.

Und was bedeutet das konkret für die Athleten?

Die Prinzipien der Spitzensportreform im Bund sind akzeptabel. Aber wir müssen Sorge dafür tragen, dass hinreichend finanzielle Mittel ins System hineinfließen, falls es funktionieren soll. Ich trete nicht für eine allgemeine vollständige Staatsfinanzierung ein. Eine gute Absicherung der Athleten sollte uns aber vor allem anderen wichtig sein. Es gibt viele Spitzensportler, die sich 365 Tage im Jahr quälen, obwohl es ihnen an wesentlichen Grundlagen fehlt.

An welchen?

Wie ist die Absicherung im Alltag? Werden wenigstens Rentenbeiträge übernommen? Der Athlet sollte sich keine Gedanken über seine Krankenversicherung machen müssen, wenn kein anderes System da ist. Das sind essentielle Dinge, die wir besser beachten müssen, als es in der Vergangenheit für einen Teil der Athleten der Fall war.

Hessen ermöglicht gegenwärtig mehr als 50 Spitzensportlern eine duale Karriere. Sie können ihrem Spitzensport nachgehen und sich parallel zum Polizeibeamten ausbilden lassen. Werden Sie die Zahl der Stellen ausbauen?

Im Moment kommen wir dem Bedarf nach. Wenn es um ein paar Stellen mehr oder weniger geht, dann wird man darüber reden können. Aber Hunderte werden es nicht. Das Entscheidende ist etwas anderes: Spitzensportler erhalten von uns die Chance, einen Beruf zu erlernen und diesen am Ende der Karriere auch auszuüben. Sie sind dann für den Dienst bei der Polizei tauglich. Die Zukunftssorge, wie kann ich nach Ende der Karriere existieren? Was ist im Fall einer Verletzung, wenn ich nicht mehr auf dem Niveau Spitzensport betreiben kann? Diese berechtigte Sorge nehmen wir den Athleten.

Muss ein junger Mensch Polizist werden, damit er sein Talent entwickeln kann?

Nicht jeder mag Polizist werden, einverstanden. Wir haben inzwischen auch drei Stellen in der Verwaltung. Da sehe ich noch Luft und kann mir vorstellen, dass wir das Angebot bei Bedarf ausbauen. Wir müssen hier als Staat Vorbild für die Wirtschaft sein, die wir zur Unterstützung des Spitzensports dringend benötigen.

Wie wäre es mit einer direkten finanziellen Unterstützung durch den Bund?

Darüber muss man sicherlich nachdenken. Der Athlet muss keine Reichtümer erhalten, aber ein Auskommen haben, das es ihm erlaubt, sich auf seinen Sport zu konzentrieren.

Heftig diskutiert wird die „Konzentration“ von Spitzensportlern an bestimmten Standorten. Ist das auch im Sinne der hessischen Spitzensportplaner?

Ich halte die Schwerpunktsetzung an einem Stützpunkt für nachvollziehbar, wenn die Ressourcen gebündelt werden müssen, damit man Erfolg haben kann. Startplätze bei großen Wettbewerben dürfen aber nicht davon abhängig gemacht werden, an welcher Stelle der Athlet sein Training absolviert. Das passt nicht zu einer freien Gesellschaft wie der unsrigen. Wer seine Leistung bringt, obwohl er die Ressourcen nicht nutzt, hat einen Anspruch auf Nominierung. Dass er ausgeschlossen würde, weil er nicht an einem bestimmten Stützpunkt sein Training durchzieht, fände ich abenteuerlich. Der Athlet muss im Mittelpunkt stehen, das haben wir auch so in den Koalitionsvertrag hineingeschrieben.

Sie nehmen Einfluss auf die Sportpolitik der Bundesregierung . . .

Ich mühe mich darum. Wir sind die Heimat des Deutschen Fußball-Bundes, des Deutschen Olympischen Sportbundes und einiger Fachverbände, wir sehen uns als Sportland Hessen. Wir haben deshalb auch den Anspruch, uns in die sportpolitische Diskussion einzumischen.

Im Sportland Hessen trocknen Schwimmbäder aus . . .

Von einer Dürre sind wir aber weit entfernt. Dennoch haben wir ein Förderprogramm mit 50 Millionen Euro auf die Beine gestellt, das für Hallen- und Freibäder vorgesehen ist. Anträge können bald gestellt werden, ab dem nächsten Jahr fließen dann die Mittel. Es gibt überdies eine Unterstützung für Kommunen und auch für Vereine, die vereinseigene Sportstätten sanieren oder erweitern müssen. Aber die Sportstättensituation in Hessen ist ordentlich. Da sind wir uns auch mit dem Sport einig.

Das kann man vom Sportunterricht in hessischen Schulen nicht behaupten. Er scheint zumindest auf der Streichliste ganz oben zu stehen, wenn es Engpässe gibt.

Sie müssen einen Sportminister nicht überzeugen, dass wir möglichst viel Sport in der Schule anbieten sollten. Die Stunden sind aber vorhanden. Dort, wo sie nicht genutzt werden, muss Überzeugungsarbeit geleistet werden. Darüber hinaus müssen wir versuchen, die Kompetenz bei der Talentsuche in den Schulen zu erhöhen. Dazu bin ich mit dem Kultusminister im Gespräch. Der Blick der Lehrer und Sportlehrer für Talente muss geschult werden.

Olympische Spiele in Deutschland gelten als Beschleuniger einer konstruktiven Sportpolitik. Sind Sie für eine Bewerbung?

Ich halte es für wichtig, dass wir als freies Land mit einem an Werten orientierten Spitzensport eine Großveranstaltung organisieren. Wir können uns doch nicht nur hinstellen und die Umweltprobleme von Sotschi (Winterspiele 2014/d. Red.) anprangern, die Verstöße gegen Arbeitsrechte in Qatar (Fußball-WM 2022/d. Red.) kritisieren. Wir müssen als freiheitlicher, demokratischer Rechtsstaat beweisen, dass wir dazu in der Lage sind und nicht nur Diktaturen.

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Olympische Winterspiele
Deutsche Athleten und Fans sind mehr als zufrieden

Aber Menschen in Deutschland haben sich zuletzt gegen Olympia ausgesprochen, auch weil sie die Politik des Internationalen Olympischen Komitees ablehnen. Dessen Image ist durch den Umgang mit dem Staats-Doping in Russland nicht gerade gestiegen im Westen . . .

. . . das festgestellte Staats-Doping hätte zu einem kompletten Ausschluss der Russen von den Winterspielen in Pyeongchang führen müssen, klipp und klar. Gerade weil das IOC so einen Ruf hat, bin ich ein leidenschaftlicher Befürworter von Olympischen Spielen in Deutschland. Auch, um denen vom IOC zu zeigen, dass es unter demokratischen Spielregeln funktionieren kann. Dafür zu werben, bin ich jederzeit bereit. Das auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben, wie es Dagmar Freitag (SPD/ d. Red.) als Sportausschussvorsitzende des Bundestags tut, ist für mein Verständnis nicht leistungsorientiert.

Die kosten den Steuerzahler Geld. Das Oberverwaltungsgericht Bremen hat der Stadt im Streit um die Beteiligung des Fußball-Bundesligaklubs Werder Bremen an der Finanzierung von Sondereinsätzen der Polizei recht gegeben. Wie ist Ihre Haltung?

15 Sportminister der Länder hatten sich bislang dagegen ausgesprochen. Wie die Mehrzahl meiner Kollegen aus den Ländern werden wir jetzt erst einmal in Ruhe prüfen, welche Auswirkungen das Bremer Urteil auf den Einsatz der hessischen Polizei haben könnte. Außerdem hat die Deutsche Fußball Liga bereits Revision angekündigt, Ausgang offen. Klar ist: Die Polizei ist verantwortlich für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger. Die Vereine haben in den Stadien die Verantwortung, etwa durch bauliche Maßnahmen und durch die Zahl der Ordner, für die Sicherheit der Zuschauer zu sorgen. Aber wenn Straftaten stattfinden, wird immer die Polizei kommen. Man kann das nicht entkoppeln und sagen: Die Polizei kommt nur, wenn der Verein dafür zahlt. Man muss die Folgen bedenken. Falls man diesen Maßstab in der Fußball-Bundesliga anlegt, dann müsste man in anderen Sportarten mit demselben Recht erklären: Ich brauche für euer Nachwuchs-Radrennen so und so viele Polizisten, die den Verkehr regeln. Ihr braucht viele Beamte, um die Triathlon-Strecke abzusichern. Falls dafür Rechnungen geschrieben werden müssten, dann fänden viele Veranstaltungen nicht mehr statt.

Quelle: F.A.Z.
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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