Brückensprengung

Ein „verkehrstechnischer Albtraum“

Von Oliver Bock, Wiesbaden
25.06.2021
, 21:10
Gefährliche Risse: ein schadhafter Pfeiler der Salzbachtalbrücke
Beide Hälften der Salzbachtalbrücke bei Wiesbaden sollen binnen acht Wochen fallen. Im Herbst 2022 könnte schon die neue Südbrücke fertig sein. Bis dahin droht ein Chaos fürs Rhein-Main-Gebiet.
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„Wir wollen sprengen.“ Der Direktor der Niederlassung West der bundeseigenen Autobahn GmbH, Ulrich Neuroth, lieferte mit dieser überraschenden Ankündigung die Nachricht des Tages im Drama um die Salzbachtalbrücke. Nicht nur das einsturzgefährdete südliche Bauwerk der 1963 errichteten Autobahnbrücke soll alsbald von den Sprengmeistern niedergelegt werden. Gleichzeitig oder nur wenige Tage später soll auch die Nordbrücke fallen, über deren drei Spuren bis am Freitag vor einer Woche noch täglich 80.000 Fahrzeuge rollten.

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Eine Sprengung galt noch vor einem Jahr als zu risikoreich, unter anderem wegen der unter der Brücke liegenden Gleise, einer Bundesstraße und dem Hauptklärwerk der Landeshauptstadt. Seit sich am 18. Juni die Südbrücke stellenweise um bis zu 50 Zentimeter gesenkt und zehn Zentimeter in Richtung Frankfurt verschoben hat, gilt das Risiko jedoch als tragbar. Denn in Brücke und Pfeilern klaffen Risse und Fugen. Die Südbrücke könne jederzeit kollabieren, sagte Matthias Hannappel, der für Bau und Erhaltung verantwortliche Geschäftsbereichsleiter der Autobahn GmbH.

Der Entscheidung für die Sprengung beider Brückenhälften gingen zahlreiche Untersuchungen und Gespräche voraus. Den Ausschlag gaben laut Neuroth die Überlegungen mit Blick auf die Sicherheitslage, den Zeitbedarf und die Kosten. Zudem hätte auch nach einem vermutlich neun Monate dauernden, vorsichtigen Abriss der Südbrücke mit Hilfe von Baggern die Nordbrücke dennoch nicht mehr in Betrieb genommen werden können. Es habe niemand gegeben, der dafür die Verantwortung hätte übernehmen wollen, so Hannappel und Neuroth. „Wir wissen nicht, was im Untergrund passiert ist“, bekräftigte Neuroth.

Drei Jahre früher fertig als nach derzeitiger Planung

Auch die Ursachenforschung muss noch warten, weil selbst für Bauarbeiter und Experten derzeit eine Sperrzone von 25 Metern um die Brücke gilt. Zunächst soll die Brücke in den nächsten Tagen „ferngesteuert“ stabilisiert werden. Dazu werden von einem Spezialfahrzeug sogenannte Hilfstürme neben den jetzt schiefen „Pfeiler E“ bugsiert. Auch die beiden benachbarten Pfeiler müssen stabilisiert werden, unter anderem durch eine Art Kissen, das die Last aufnimmt, sofern ein weiteres Lager kollabiert. So sollen weitere „unkontrollierte Bewegungen“ der Brücke unterbunden werden.

Der Vorteil der Sprengung ist, dass vielleicht schon in zehn Wochen die Bahnstrecke zum Hauptbahnhof sowie die südliche Ein- und Ausfallroute „Mainzer Straße“ wieder freigegeben werden können. Der Nachteil ist, dass die Autobahn A66 mindestens bis zum Herbst 2022 vollständig unterbrochen ist. Neuroth verbreitete am Freitag die Hoffnung, dass der ohnehin eingeleitete Neubau der vierspurigen Südbrücke wegen der schon geschehenen Gründung der neuen Pfeiler und der Vorfertigung von Stahlelementen binnen eines Jahres abgeschlossen werden könnte. Das wäre dann eine deutliche Verbesserung der Verkehrslage gegenüber der dreispurigen, notdürftig verstärkten Nordbrücke. Mit deren Neubau könne womöglich parallel oder zeitlich versetzt begonnen werden, so dass eine komplett neue Salzbachtalbrücke mit zwei jeweils vierspurigen Hälften noch im Jahr 2023 in Betrieb genommen werden könnte. Das wäre drei Jahre früher als nach derzeitiger Planung.

„Diese Ignoranz ist ein Fall von krassem Staatsversagen“

Bis zur Verkehrsfreigabe der neuen Südbrücke steht Wiesbaden eine harte Geduldsprobe mit massiven Verkehrsproblemen bevor. Die Dramatik der Situation sei kaum zu übertreiben, sagte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) und sprach von einem „verkehrstechnischen Albtraum“. Mende appellierte an die Bürger der Region, mit Wiesbaden Solidarität zu zeigen und die mit der Verkehrszentrale Deutschland abgestimmten Umfahrungen zu nutzen: „Fahren Sie nicht durch Wiesbaden, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.“

Bild: dpa

Der Verkehr in und durch die Landeshauptstadt soll nun so organisiert werden, dass der befürchtete Infarkt ausbleibt. Am wichtigsten ist dabei der geplante „Bypass“ für die Mainzer Straße (B263) und die begleitenden Geh- und Radwege, so dass der Verkehr über die Autobahnrampe und dann quer über die stillgelegte A66 und den geöffneten Mittelstreifen auf die andere Seite der Brücke gelangen kann. Davon soll vor allem der Ersatzbusverkehr profitieren. Zudem gilt zwischen Schiersteiner Kreuz und der Anschlussstelle Biebrich der A66 künftig ein Verbot für Lastwagen über 3,5 Tonnen. Eine Ausnahme gibt es nur für die Sektkellerei Henkell Freixenet. Das soll Biebrich und die City vom Schwerlastverkehr entlasten. Neuroth hofft, dass nun alles schnell geht: „Aber hätte das Miststück Südbrücke noch zwei Monate länger durchgehalten, wären wir schon am Abriss.“

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Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) nennt die Sprengung der gesamten Brücke „eine sehr bittere Pille und Anlass für größte Befürchtungen“. Es sei „unfassbar“, dass Bund und Land eine so bedeutsame Verkehrsader in einem solch schlechten Zustand gehalten hätten. „Diese Ignoranz ist ein Fall von krassem Staatsversagen“, meint Klaus Rohletter vom Verkehrsausschusses der VhU. Ein „Lichtblick“ sei das „ambitionierte Ziel“, binnen eines Jahres nach der Sprengung den Südteil der Brücke neu zu errichten. Für den Schwerlastverkehr müssten gute Ausweichtouren gefunden werden.

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Die SPD-Fraktion im Landtag nennt die angekündigte Sprengung „dramatisch, aber unumgänglich“. Wiesbaden und die Region Rhein-Main stünden verkehrstechnisch vor einer harten Zeit. Einen zweiten „Fall Salzbachtalbrücke“ dürfe es in Hessen nicht geben. Notwendig sei eine „ehrliche Bestandsaufnahme“.

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Ein unbürokratischer und schneller Ablauf

Das sieht auch die FDP so und verlangt eine Sondersitzung des Wirtschafts- und Verkehrsausschusses, um Antworten auf einen „Dringlichen Berichtsantrag“ zu erhalten. Die FDP befürwortet Sprengung und schnellen Aufbau. Hessen könne sich keine weiteren Pannen an der Salzbachtalbrücke leisten. Bei den Planungen dürfe es keine „Detailverliebtheit“ geben, nötig sei ein unbürokratischer und schneller Ablauf. Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) müsse die Salzbachtalbrücke zur Chefsache erklären. Al-Wazir solle dem Bund notfalls Personal der Landesbehörde Hessen Mobil anbieten.

Die CDU-Landtagsfraktion spricht von einem „schweren Schlag“ für die Mobilität in Wiesbaden und der Region. Immerhin gebe es Hoffnung, dass die Bahnstrecke zum Hauptbahnhof in nur wenigen Wochen wieder in Betrieb genommen werden könne.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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