Stadtführung Tarek Al-Wazir

Der Reiz des Brutalismus

Von Jochen Remmert
05.05.2018
, 16:02
Auferstanden aus Ruinen: Der Offenbacher Hafen gehört zu den begehrtesten Lagen im Rhein-Main-Gebiet.
Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir ist im In- und Ausland viel unterwegs. Die Bindung zu seiner Geburtsstadt Offenbach bliebt davon unberührt. Eine Stadtführung.
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Hier ist er zu Hause, es ist seine Stadt. Wer mit Tarek Al-Wazir durch Offenbach streift, spürt seine Zuneigung zu der Stadt mit dem vernarbten Antlitz sofort, in der er heute noch mit seiner Familie wohnt. Auch etwas Stolz auf das schwingt mit, was sich dort – einst auch mit seinem Zutun als Kommunalpolitiker der Grünen – in den vergangenen Jahrzehnten zum Besseren gewendet hat.

Und so beschreibt der längst als hessischer Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident des Landes etablierte Spitzenpolitiker, auch immer noch mit Verve, was sich der Architekt dabei gedacht hat, als er das Offenbacher Rathaus entworfen hat. Über die Motivation des Architekten grübelt wohl mancher Laie, der vor dem ziemlich grob an die Berliner Straße betonierten Klotz steht. Die kundige Erläuterung des Ministers bewahrt einen vor weiter gehenden Fehlurteilen, der Bau steht schließlich nicht grundlos unter Denkmalschutz.

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Herausragendes Beispiel des Brutalismus

„Keine Schönheit auf den ersten Blick, um es einmal vorsichtig zu sagen“, führt Al-Wazir aus und ergänzt, dass der frühere Offenbacher Oberbürgermeister Gerhard Grandke (SPD), als das Rathaus tatsächlich als herausragendes Beispiel des Brutalismus unter Schutz gestellt wurde, ausgerufen habe, dass er es doch besser hätte anzünden sollen. Andererseits passt gerade dieser Stil ganz gut zu Offenbach, denn es ging dabei vor allem darum, offen und ehrlich zu zeigen, mit welchem Material gearbeitet wurde. Das war seit den Fünfzigern oft roher – französisch brut – Beton.

Es ging im Brutalismus auch darum, die gesellschaftliche und politische Funktion des jeweiligen Baus in den Vordergrund zu stellen. Und die, so führt Stadtführer Al-Wazir aus, sei beim Rathaus vor allem durch die herausragende Anordnung des Plenarsaales und dadurch symbolisiert, dass der rohe Bau von zwei Portalen aus von jedem betreten werden kann, der zu den Ämtern will.

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1993 zum ersten Mal in das Stadtparlament gewählt

„Es hört sich sicher ein bisschen verrückt an, aber wenn ich hier drin bin, fühle ich mich irgendwie daheim“, sagt Al-Wazir im Innern des Baus vor den Betonwänden, an denen die Struktur der Holzverschalung sichtbar geblieben ist. Keine bloße Nettigkeit eines Politikprofis. Immerhin ist Al-Wazir dort vor 25 Jahren bei der Kommunalwahl 1993 zum ersten Mal in das Stadtparlament gewählt worden und hat hier dabei mitgewirkt, grüne Politik weiter gesellschafts- und regierungsfähig zu machen.

Verwurzelt: Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir steht auf Offenbach.
Verwurzelt: Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir steht auf Offenbach. Bild: Rainer Wohlfahrt

Ein zentrales kommunalpolitisches Ziel der Grünen in Offenbach war es, das wieder zugunsten von Fußgängern und Radfahrern zu heilen, was zuvor entstanden war unter dem Vorsatz, eine autogerechte Stadt zu schaffen, wie Al-Wazir sagt. Diesem aus grüner Sicht dubiosen Ziel verdanke Offenbach auch die zahlreichen Parkhäuser und nicht zuletzt den Ausbau der Berliner Straße auf vier Spuren, was inzwischen aber wieder revidiert wurde. Nicht mehr zurückzuholen sind dagegen die Teile der Altstadt, die die erhebliche Zerstörung Offenbachs im Krieg zwar noch überstanden hatten, nicht aber den Erneuerungswillen der Nachkriegsstadtplaner, wie Al-Wazir berichtet.

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Erholungsraum für alle Offenbacher

Nicht weit weg vom Rathaus weist er auf ein spektakuläres Beispiel für die große finanzielle Not seiner Geburtsstadt hin: Der originelle ovale Bau mit gläserner Front war nicht immer das Foyer des Sheraton-Hotels am Büsing-Palast. Es handelt sich um die Überreste des 1961 erbauten Hallenbades, kurz Parkbad genannt. Es ist der dramatischen finanziellen Schieflage Offenbachs und den daraus folgenden Sparbeschlüssen Anfang der neunziger Jahre zum Opfer gefallen, zusammen mit dem Tambourbad und dem Stadtbad.

Gleich dahinter aber kann der Minister ein gelungenes Offenbacher Projekt präsentieren: den Büsingpark selbst. Früher eine No-Go-Area für Normalbürger, ist es dort durch eine auf freie Sicht angelegte Umgestaltung und durch massive polizeiliche Kontrollen gelungen, das Areal wieder als Erholungsraum für alle Offenbacher zu erschließen. Wobei es Al-Wazir auch nicht versäumt, auf das Schild „Regina-Jonas-Weg“ hinzuweisen, das an die erste Rabbinerin des Judentums überhaupt erinnert, die 1935 in Offenbach ordiniert wurde. 1944 wurde sie im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Aus Dreck Gold zu machen

Weiter die Kaiserstraße hinauf in Richtung Hafeninsel, dem ganz großen und zukunftsweisenden Projekt der Stadt. Aber auch hier gilt die Offenbacher Regel: Wer etwas für die Bewohner tun will, der muss – ob der nach wie vor akuten Finanznot – die Kunst beherrschen, aus Dreck Gold zu machen. Oder eben aus einer abgesperrten, kontamininerten Hafeninsel voller alter Öltanks mit Hilfe von Investoren ein spektakulär schönes Wohngebiet zu entwickeln.

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Das ist augenscheinlich tatsächlich gelungen, und Tarek Al-Wazir ist schon auch ein gewisser Stolz des Offenbachers anzumerken, wenn er auf dem zur Aussichtsplattform umgestalteten blauen Kran steht und seinen Blick über das überaus begehrte Areal kreisen lässt. Denn er erinnert sich noch gut an die Zeit, als es hier noch ganz anders aussah: „Es hat früher im Nordend keiner gewusst, dass man eigentlich direkt am Hafen wohnt. Das war zu, abgesperrt. Natürlich kommen die Jungs nun abends und machen Musik. Und es ist auch manchmal zu laut“, sagt der Minister.

Mischung der sozialen Gruppen eine Herausforderung

Ihm ist auch klar, dass die Mischung der sozialen Gruppen eine Herausforderung ist: „Die Leute haben schon sehr unterschiedliche Lebenswelten. Aber das läuft schon, das wird sich regeln“, ist er sich sicher. Wie groß diese Unterschiede sind, von denen er spricht, hat die jüngste Bürgerinformation im Kulturzentrum Hafen 2 gezeigt. Dort waren die Anwohner weniger daran interessiert, was mit den letzten noch nicht vermarkteten Flächen am Hafen passiert. Viele wollten vielmehr ihren Ärger darüber äußern, dass vor allem junge Leute aus benachbarten Vierteln den Hafen am Abend nutzten, um laut Musik zu hören, laut zu telefonieren, zu grillen und die Abfälle anschließend liegen zu lassen. Manche Insulaner sprachen gar davon, den Hafen wieder verlassen zu wollen. Da muss sich demnach noch eine ganze Menge regeln.

Wie auch immer, es geht weiter am Main entlang, vorbei am Liegeplatz des Restaurantschiffs Backschaft und dem Lili-Tempel, dem alten Badehaus der Familie Metzler, in Richtung Isenburger Schloss. Der Maindamm, den man dabei irgendwann quert, wurde, wie Al-Wazir berichtet, vor allem von italienischen Gastarbeitern 1892 und in den Jahren darauf gebaut. Manche Familiennamen von damals finde man noch heute in Offenbach, die Stadt sei eben schon früh von Migration geprägt gewesen. Der Sohn einer Deutschen und eines Jemeniten ist sich auch sicher, dass es in der Offenbacher Innenstadt, dort, wo sich der Charakter der „Arrival City“, der Stadt der ankommenden Einwanderer, am deutlichsten zeigt, keine ethnische Mehrheit von Deutschen mehr geben werde.

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Dort, wo Offenbach wirklich arm ist

Ein Abstecher in die Kapelle des Isenburger Schlosses zur „Küfa“, der Aktion Küche für alle, die dort bisher jeden Dienstag Abend aus übrig gebliebenen Lebensmitteln aus dem Handel für Bedürftige und solche kochen konnten, die aus Überzeugung etwas gegen die Vernichtung von wertvollen Lebensmitteln tun wollen. Vom nächsten Dienstag an wird die „Küfa“ im Stadtteilbüro Nordend kochen. „Ah, hoher Besuch, was machst du denn hier“, ruft eine der Helferinnen. Sie kennt Al-Wazir schon lange, er herzt sie und lässt sich kurz berichten, wie es läuft.

Dann weiter durch die Sandgasse, vorbei an der türkischen Bäckerei Cavus, ein aus einem kleinen Offenbacher Familienbetrieb entstandener Mittelständler, wie der Wirtschaftsminister berichtet.

Noch ein kurzer Abstecher ins Mathildenviertel, dort, wo Offenbach wirklich arm ist. „Hier lag die Hartz-IV-Quote vor zehn Jahren bei einem Drittel, jetzt ist sie bei weniger als einem Viertel. Immer noch viel, aber die Richtung stimmt“, sagt Al-Wazir. Er weiß genau, wie sehr Offenbach weiter auf Einfallsreichtum angewiesen ist, weil man sich hier Ideenlosigkeit schlicht nicht leisten kann. Aber er sieht auch die Erfolge der Offenbacher: „Die Arbeitslosenquote in der Stadt ist seit 2005 von knapp 18 auf 9,5 Prozent gesunken. Leider immer noch die höchste in Hessen, aber auch da stimmt die Richtung“, sagt er. Überhaupt ist der Vize-Landesvater von einer derart ansteckend positiven Grundstimmung für sein Offenbach erfüllt, dass man sich nach einer Runde mit ihm dieser Sympathie für die kleine Großstadt neben Frankfurt gar nicht entziehen kann.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Remmert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Remmert
Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.
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