Aufregung nach TV-Auftritt

„Höhle der Löwen“-Start-up wehrt sich gegen Vorwürfe von Gehörlosen

Von Falk Heunemann
28.10.2021
, 12:51
Frankfurter Gründerpreisträger 2021: Maria Möller (links) und Laura Mohn mit einem Gebärdensprache-Daumenkino Talking Hands für das zum Wort „Huhn“
Das Frankfurter Start-up Talking Hands hat Vorwürfen widersprochen, es würde in seinen Daumenkinos falsche Gebärden zeigen. Diese Annahme basiere auf einem Missverständnis, stellen die Gründerinnen klar, die am Montag bei „Die Höhle der Löwen“ für Aufsehen gesorgt hatten.
ANZEIGE

Dass Gründer nach einem Auftritt in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ eine aufregende Woche haben, ist eigentlich nichts ungewöhnliches, meist werden die Produkte in Stunden zu Verkaufsschlagern. Doch Laura Mohn und Maria Möller vom Frankfurter Start-ups Talking Hands müssen sich seit Montag eines kleinen Shitstorms in den sogenannten sozialen Medien erwehren. Manche vergleichen ihr Unternehmen bereits mit „Pink Gloves“, das nach Kritik sein Produkt einstampfen musste. Und das all wegen ein paar Daumenkinos für Kinder. „Das ist ein riesiges Missverständnis“, wehrt sich nun Mitgründerin Möller gegen die Vorwürfe. Die Kritik sei weder fundiert noch konstruktiv, aber für die beiden Frauen sehr belastend.

ANZEIGE

Talking Hands hat rund 100 kleine Daumenkino-Bücher erstellt, die jeweils eine Gebärde zeigen. Inspiriert dazu hatte die Gründerin Laura Mohn ihre Schwester, die das Down-Syndrom hat und sprachlich eingeschränkt ist. Für ihre Abschlussarbeit in Kommunikationsdesign hatte sie die Bücher 2019 entwickelt und sich anschließend zusammen mit Maria Möller selbstständig gemacht, um sie an Kindergärten, Schulen, Logopädiepraxen und Eltern zu vertreiben. Im Sommer wurden die beiden dafür mit dem Frankfurter Gründerpreis ausgezeichnet. Am Montag sahen dann 2,4 Millionen Zuschauer in der „Die Höhle der Löwen“ , wie die Fernsehinvestoren das Projekt lobten, Einen Investor gewannen die Gründerinnen zwar nicht, Carsten Maschmeyer, Georg Kofler, Judith Williams und Dagmar Woehrl kündigten an, für jeweils 10.000 Euro die Bücher zu bestellen und dann an Kitas zu spenden - eine Premiere in zehn Staffeln der Sendung.

„Gehörlose sind gar nicht die Zielgruppe“

Nach der Ausstrahlung allerdings wurden Vorwürfe von Gehörlosen und ihren Unterstützern laut, es handele sich bei den Gesten gar nicht um Gebärdensprache. „Das stimmt“, sagt Möller. Dem liege aber das Missverständnis zugrunde, dass die in der Sendung gezeigten Bücher die Deutsche Gebärdensprache (DGS) für Gehörlose vermitteln sollen. Tatsächlich handele es sich aber um Gebärden-unterstützte Kommunikation (GUK), die etwa für Menschen mit Sprachlernbehinderung oder mit Down-Syndrom genutzt wird. “Die haben mitunter gar nicht die Feinmotorik, die für das Erlernen der DGS nötig wäre“, erklärt Möller. Gesten wie zum Beispiel für „Mama“ sind darum unterschiedlich.

Zudem gehe es bei GUK darum, die Kommunikation zu unterstützen, nicht zu ersetzen. Darum gebe es auch weniger Gesten als in der Gebärdensprache für Gehörlose. “Gehörlose sind gar nicht unsere Zielgruppe.“ Zielgruppe seien unter anderem inklusive Kindergärten, Schulen und Sprachpraxen. Sie vermutet, dass es zu dem Missverständnis auch deshalb gekommen sein könnte, weil die Sendung ohne Untertitel ausgestrahlt wurde und die mündlichen Erklärungen der Gründerinnen für Gehörlose nicht zu vernehmen waren. Talking Hands hat aber auch einige Daumenkinos mit DGS-Gesten im Angebot.

Möller widerspricht auch Vorwürfen, die Bücher seien ohne wissenschaftliche Beratung entwickelt worden. tatsächlich habe das Gründerteam mit Sozialpädagogen und mit Fachpersonal von einer integrierten Kindertagesstätte ein Jahr lang an dem Konzept und der Darstellung gearbeitet. „Es ist völlig aus der Luft gegriffen, dass wir das nicht gemacht haben.“ Tatsächlich würden die Gründerinnen nun auch überflutet von Lob von Kindertagesstätten und Eltern, die dankbar für das Produkt und die Thematisierung im Fernsehen vor einem Millionenpublikum.

Seit der Sendung am Montag seien Bestellungen von 1500 Kunden bei dem Frankfurter Start-up eingegangen, das Team kommt derzeit kaum hinterher, sie zu bearbeiten. Auf der Internetseite wird mittlerweile eine Lieferfrist von mindestens vier Wochen angegeben. „100 Bücher einzupacken dauert eben etwas länger als ein Parfüm“, sagt Möller. Auf ihrer Internetseite haben die beiden zudem Kindertagesstätten aufgelistet, für die man die Bücher erwerben und an die man sie dann spenden kann. Die Bestellungen der „Löwen“ in Höhe von je 10.000 Euro sind auch tatsächlich eingegangen, wie Müller berichtet - und wurden an Kitas gespendet.

Ein Daumenkino für den Begriff Pferd in der Gebärdensprache wird durchgeblättert.
Ein Daumenkino für den Begriff Pferd in der Gebärdensprache wird durchgeblättert. Bild: Lucas Bäuml
Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE