Nicht nur bei McDonald’s

Supermarkt-Regale sind längst voller Gentechnik

Von Manfred Köhler und Thorsten Winter, Rhein-Main
22.05.2014
, 10:10
Kann auch mit Gentechnik sein: Fleischangebot in einem Supermarkt.
Die hessische Umweltministerin Priska Hinz hat die Zusammenarbeit mit McDonald’s beendet, weil die Hähnchen für den Chickenburger jetzt gentechnisch verändertes Futter bekommen. Wann folgen weitere Kündigungen dieser Art?

Priska Hinz hat nicht lange gefackelt. Nur vier Tage, nachdem in den Zeitungen zu lesen war, dass McDonald’s seinen Hähnchenfleisch-Lieferanten den Einsatz von gentechnisch verändertem Futter erlaubt, teilte die hessische Umweltministerin mit, sie kündige die Zusammenarbeit und die Sponsorenverträge mit dem amerikanischen Konzern. „Diese Nachricht über die neue Haltung Ihres Konzerns beunruhigt mich“, schrieb die Grünen-Politikerin dem Deutschland-Chef von McDonald’s, „da die Folgen von Anbau und Verzehr gentechnisch veränderter Lebensmittel für die menschliche Gesundheit und die Umwelt nicht vorhersehbar sind“.

Nun hielt sich die Zusammenarbeit des Umweltministeriums mit den Hamburger-Bratern auch bisher schon in Grenzen. McDonald’s beteiligte sich an der Aktion „Sauberhaftes Hessen“, für die eine Art hessischer Frühjahrsputz organisiert wird, und am Wettbewerb „Ab in die Mitte“, bei dem originelle Ideen zur Stärkung von Stadtzentren prämiert werden. Doch hat Hinz die Messlatte damit äußerst hoch gelegt. Denn Gentechnik ist längst viel weiter verbreitet, als man im Umweltministerium glauben mag. So hätte die Ministerin etwa im Falle von McDonald’s schon viel früher handeln müssen. Denn der Konzern hat zwar erst Anfang Mai mitgeteilt, dass seine Hähnchenfleisch-Lieferanten künftig gentechnisch verändertes Futter verwenden. Aber bei den Produkten aus Schweine- oder Rindfleisch war das nie verboten. Ein Sprecher von McDonald’s-Deutschland bestätigt, dass es bei diesen Tieren selbstverständlich gut sein könne, dass deren Futter gentechnisch verändert sei.

Auch Rewe mit Gentechnik-Lebensmitteln

Vor allem aber ist bisher nicht bekannt, dass Hinz auch die Partnerschaft mit einem weiteren Konzern beendet hat, mit dem ihr Haus ebenfalls bei „Sauberhaftes Hessen“ und „Ab in die Mitte“ kooperiert: Rewe. Wäre sie konsequent, hätte sie keine andere Wahl. Denn in den Rewe-Märkten finden sich, genauso wie in den meisten anderen Supermärkten, Produkte zuhauf, bei deren Herstellung Gentechnik eine Rolle spielt. Einfach weil die Tiere, die gemolken oder geschlachtet werden, gentechnisch verändertes Soja gefressen haben, das längst auf dem Weltmarkt dominiert. Auch McDonald’s stellt ja nicht grundlos um.

Zwar bemüht sich Rewe, die Lieferanten für eine gentechnikfreie Produktion zu gewinnen. Doch sei das lediglich bei Eigenmarken möglich, sagt ein Sprecher, auf all die anderen Produkte im Regal habe man keinerlei Einfluss. Und selbst bei den Eigenmarken ist es schwierig genug. Milch und Joghurt der Marke „Rewe Bio“ stellt jetzt eine einzige Molkerei aus Milch von Kühen her, an die kein gentechnisch verändertes Soja verfüttert wurde; der Betrieb muss dazu eine eigenständige Produktionslinie schaffen, die von den anderen getrennt ist, wie der Rewe-Sprecher erläutert. Im Falle der zum Konzern zählenden Metzgerei Brandenburg etwa sei es ein „langfristiges“ Ziel, nur noch Fleisch von Tieren zu beziehen, die mit Gentechnik nicht in Berührung gekommen sind. Gelungen ist die Umstellung immerhin bei frischem Hähnchenfleisch und Eiern. Der Sprecher rät, aufs Etikett zu schauen. „Pro Planet“ und „Ohne Gentechnik“ – das seien eindeutige Zeichen.

Preise für gentechnikfreies Soja sinken

Wer etwas über die Wirklichkeit in der hessischen Landwirtschaft erfahren will, muss dort fragen, wo die Bauern das Futter für ihre Tiere kaufen – bei den Raiffeisen Waren-Zentralen. Dort kann man Sojaschrot mit und ohne Gentechnik erwerben. Und dort entfielen 2013 nur 30 Prozent des Mischfutters für Hühner auf gentechnikfreie Ware. Bei Milchvieh betrug der Anteil fünf Prozent. Ein Grund für den relativ geringen Anteil dürfte der höhere Preis sein. Gegenwärtig kostet ein Doppelzentner gentechnikfreier Ware 26,50 Euro, während Schrot aus gentechnisch verändertem Soja für 25 Euro zu bekommen ist. Allerdings: Der Unterschied war schon größer. Die Nachfrage nach herkömmlichem Futter sei „aktuell quasi zusammengebrochen“, heißt es bei Raiffeisen, mit der Folge sinkender Preise.

Dabei ist gentechnikfrei im Grunde sogar ein irreführender Begriff. Denn so darf Futter auch dann noch genannt werden, wenn bis zu 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Sojaschrot enthalten sind. Diese Quote ist erlaubt, wenn sie auf Verunreinigungen durch Lagerung oder Transport zurückzuführen ist.

Greenpeace appelliert an die Marktkräfte

Dass die Nachfrage nach gentechnikfreiem Futter „zusammengebrochen“ ist, liegt nach Angaben von Raiffeisen unter anderem daran, dass große Geflügelmastbetriebe im Nordwesten Deutschlands praktisch nur noch gentechnisch verändertes Futter beziehen. Tatsächlich war es der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft gewesen, der die neue Debatte im Februar ausgelöst hatte. Die Organisation hatte wissen lassen, dass sie nicht mehr gewährleisten könne, dass das Futter für die Legehennen frei von Gentechnik sei. Der Verband hatte aber nicht etwa damit argumentiert, dass solches Futter teurer sei oder Mangelware auf dem Weltmarkt, sondern mit der zunehmenden Verunreinigung des angeblich gentechnikfreien Futters sogar über die erlaubten 0,9 Prozent hinaus. Die schlitzohrige Schlussfolgerung der Geflügelzüchter: Wenn auch gentechnikfreies Futter nicht gentechnikfrei ist, können wir ja auch gleich das andere nehmen.

Mit dieser Ankündigung, die wohl Auslöser für die Äußerungen von McDonald’s war, hat sich die Branche viel Ärger eingehandelt. Greenpeace etwa bezeichnet die Behauptung, an gentechnikfreies Futter sei nicht zu kommen, als „dreiste Lüge“ und appelliert an die Marktkräfte: Wenn sich Landwirte zusammenschlössen und nach gentechnikfreiem Futter fragten, würde das entsprechende Soja schon auch angebaut. Kritik an dem Schwellenwert von 0,9 Prozent übt Greenpeace hingegen nicht. Eine Konzession an die Realität, heißt es knapp.

Warum Rewe noch Sponsor ist

Beim Deutschen Bauernverband blickt man entspannt auf die Diskussion. Gentechnik spiele nicht nur beim Futter für Nutztiere eine Rolle, sagt ein Sprecher, sondern zum Beispiel auch in der Käseproduktion, denn auch das dafür benötigte Lab werde heutzutage oft gentechnisch hergestellt. Der Rat des Verbandssprechers für Milch und Käse: „Wenn nichts draufsteht, gehen Sie mal davon aus, dass es mit Gentechnik verändert wurde.“

Wäre die Umweltministerin also überall so konsequent wie bei McDonald’s, müsste sie noch so manchen Brief schreiben. Zu den Partnern bei „Ab in die Mitte“ etwa zählt auch Kaufhof – was mag in den dortigen Lebensmittelabteilungen im Angebot sein? Dass Rewe die Freundschaft nicht aufgekündigt wurde, kann allerdings vielleicht auch einen ganz anderen Grund haben. Denn der Konzern lässt sich von einem ganz Großen beraten: von Joseph Fischer. Und der war selbst einmal hessischer Umweltminister.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhler, Manfred
Manfred Köhler
Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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