Syrische Opposition in Frankfurt

Anwältin des Assad-Widerstands

Von Nina Himmer
19.02.2012
, 17:57
Trauer aus der Ferne: Exil-Syrer nehmen am Samstag an einem Flashmob auf der Zeil teil, um gegen das brutale Vorgehen des Assad-Regimes zu protestieren.
Nicht nur in Homs, auch in Frankfurt kämpft die syrische Opposition gegen das dortige Regime. An der Spitze steht die Juristin Nahla Osman.
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Einen Tag, nachdem Nahla Osman in Mainz zum ersten Mal gegen das Assad-Regime demonstriert hat, klingelt das Telefon. Ihre Tante aus der syrischen Stadt Aleppo ist am Apparat. „Was auch immer ihr tut, hört auf damit“ sagt sie, „die Regierungsleute fragen nach euch.“

Neun Monate sind seit dem Anruf vergangen. Aber Nahla Osman hat nicht aufgehört. Sondern Demonstrationen organisiert, Infozettel verteilt, Unterschriften gesammelt, mit Passanten und Politikern diskutiert, Augenzeugen und Flüchtlinge getroffen. Und sie hat sich dem Aktionsbündnis „Freies Syrien“ angeschlossen, einer Gruppe von Regierungsgegnern, die sich über das soziale Netzwerk Facebook organisiert. „Dort versuchen wir, die Kräfte verschiedener Akteure zu bündeln und Kontakt nach Syrien zu halten“, sagt die 33 Jahre alte Rechtsanwältin, die als Kind syrischer Einwanderer in Rüsselsheim aufgewachsen ist.

Angst, sich öffentlich zu engagieren

Der Kampf gegen das Regime von Baschar al Assad bestimmt seit Monaten ihren Alltag. So auch an diesem Tag. Bei niedrigen Temperaturen steht Osman vor der Frankfurter Universitätsbibliothek, den schmalen Körper in einen langen Wintermantel gehüllt, das Haar unter einem olivfarbenen Kopftuch verborgen. Zwischen den getuschten Wimpern suchen ihre blaugrünen Augen den Platz ab. Die Mitglieder der Gruppe wollen sich hier treffen, um ihr Vorgehen zu planen. Doch ihr Beitrag zur Revolution verspätet sich. Eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit ist außer ihrer 19 Jahre alten Nichte Sarah noch niemand da. Dafür rattern und blinken die Smartphones der beiden Frauen im Minutentakt, ein neuer Treffpunkt wird vereinbart - auf Deutsch, Englisch, Arabisch.

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Hinter der blauen Tür von Uni-Seminarraum 127 kommen sie schließlich zusammen. Fünf Frauen und acht Männer, einige kennen sich schon, andere sind zum ersten Mal hier. Obwohl viele Syrer mit dem Aufstand in ihrer Heimat sympathisieren, haben sie Angst, sich öffentlich zu engagieren. Stattdessen spenden sie Geld, bekunden online ihre Solidarität und verbreiten Informationen im Internet. Ihre Namen und Gesichter bleiben unbekannt. „Aus Angst“, sagt Osman. Assads Spitzel seien auch hier unterwegs. Erst vor einigen Tagen wurden zwei Männer in Berlin verhaftet und mehrere Botschafter ausgewiesen. „Wer nicht um sein eigenes Leben bangt, hat Angst um die Familie in Syrien“, sagt die Juristin. Sie sei keine Ausnahme. Einer ihrer Cousins musste in die Türkei fliehen, die Tanten werden bedroht. Sie selbst wurde mit einem Einreiseverbot belegt. „Mehr blüht mir hoffentlich nicht“, sagt Osman, die keine Angst haben will.

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Jedes Jahr nach Syrien geflogen

Aufgeben kommt für die Anwältin nicht in Frage. Schon ihr Vater hat sich in den Achtzigern gegen das Assad-Regime aufgelehnt und gegen das Massaker an den Muslimbrüdern in Hama protestiert. Seitdem darf ihr „Baba“, wie Osman den Vater liebevoll nennt, nicht mehr in seine alte Heimat einreisen. Mit 17 kam er nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Er blieb für immer. Jetzt ist der alte Mann stolz auf seine Tochter und deren fünf Geschwister, die sich alle im Widerstand engagieren. Er träumt davon, doch noch einmal durch Aleppos Gassen zu schlendern, sollte die Revolution Erfolg haben. „Das wünsche ich mir sehr“, sagt seine Tochter, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.

Seit frühester Kindheit hat die gläubige Muslimin jedes Jahr ihre Verwandten in Syrien besucht und einige Wochen im Land verbracht. Hat die feuchten Augen ihres Vaters gesehen, wenn er sich am deutschen Flughafen von ihr verabschieden musste, weil er nicht einreisen durfte. „Ich will, dass Assad der Prozess gemacht wird“, sagt die junge Frau, die sich als Juristin auf Arbeits- und Ausländerrecht spezialisiert hat. Doch in letzter Zeit geht es ihr meist um etwas anderes: um die Menschenrechte.

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Zu geringe Unterstützung aus dem Ausland

In dem Seminarraum mit der blauen Tür beginnt die Vorstellungsrunde, vor dem Fenster tanzen winzige Schneeflocken. Ein noch vor wenigen Wochen regierungstreues Ehepaar aus Homs ist gekommen. Außerdem einige Studenten, ein Bautechniker, eine Lehrerin, ein Zahntechniker im Karohemd und ein müde aussehender Mann mit bulligem Nacken und kurzen schwarzen Haaren. Osman stellt ihn als Aymon Sabbagh vor. „Unser Parolenrufer, er ist total heiser“, sagt sie. Später erzählt Sabbagh mit kratzig-tonloser Stimme und glasigen Augen vom Protest vor dem russischen Konsulat in Frankfurt, bei dem er sich die Seele aus dem Leib gebrüllt hat. Aus Wut über das Veto des Landes im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Er berichtet auch von einer Reise in ein türkisches Flüchtlingslager, von drei Onkeln, die in Syrien gefoltert wurden und von seinem knapp zwei Jahre alten Sohn, der sich auf Kommando tot stellen kann. „Für die Flashmobs“, sagt Sabbagh. Flashmobs bezeichnen Treffen von Gruppen, die mit ausgefallenen Aktionen öffentlich auf ihr Anliegen aufmerksam machen wollen. Die Oppositionellen nutzen sie oft, indem sie Videos ihrer Aktionen ins Internet stellen.

Sabbagh sieht nach Türsteher aus, redet aber wie ein Diplomat. Über Öl, die Vereinten Nationen, wirtschaftliche Interessen, Angst vor Islamismus und Syriens besondere Lage in der Region. Er sieht keine großen Chancen für sein Land. Zu brutal sei das Vorgehen des Präsidenten, zu gering die Unterstützung aus dem Ausland. Aber: Auch Assad könne nicht mehr als Sieger aus der Schlacht gehen. „Zu viele Menschen haben ihre Brüder, Kinder, Eltern verloren“, sagt er. „Das vergisst man nicht. Das verzeiht man nicht.“

„Uns hört doch keiner zu“

Niemand in dem kleinen Lehrraum versteht, warum die Welt zuschaut, wie Assad sein Volk abschlachten lässt. Mit der Zeit haben sich Zweifel in ihre Hoffnung auf einen Umsturz gemischt. „Ich weiß nicht mehr, ob das alles Sinn macht“, gibt Osman zu. Sie sagt es leiser als sonst. „Wir wollen ja keine militärische Intervention, sondern humanitäre Hilfe wie eine Luftbrücke.“ Sie wünscht sich ein Zeichen der Unterstützung, kämpft für die Ausweisung des syrischen Botschafters und echte Sanktionen gegen Syrien.

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„Uns hört doch keiner zu. Das Töten geht einfach weiter“, sagt einer der Studenten. Ein paar Sekunden ist es still im Raum. Dann machen sie weiter: planen den nächsten Flashmob, verteilen Aufgaben, diskutieren, wie man am besten auf die Geschehnisse in ihrer Heimat aufmerksam machen kann. Begriffe wie „Methode“, „Ressourcen“ und „Marketing“ fallen; ihr Widerstand ist ein intellektueller. Die meisten haben studiert, sind politisch informiert, mehrsprachig und eloquent. Auf Smartphones und Laptops sehen sie sich Videos von Aktivisten aus Toronto, Wien und London an.

Osman schaut auf die Uhr, bald muss sie los. Am Morgen hat sie eine Gerichtsverhandlung geführt, dann die Kinder aus der Schule abgeholt, für sie gekocht und ihnen bei den Hausarbeiten geholfen. Jetzt passt ihr Mann, ein Informatiker, seit Stunden auf die zwei kleinen Töchter und den Sohn auf. „Er macht ziemlich oft Homeoffice im Moment“, sagt sie und lacht. Doch sie habe seine volle Unterstützung. Er sei Palästinenser. „Deshalb weiß er sehr genau, was politische Unterdrückung bedeutet.“

Quelle: F.A.Z.
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