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Politisches Drama

Was bedeutet es, Macht zu haben?

Von Oliver Bock
 - 12:13
Wird bei der Premiere am 19. Januar wohl ausverkauft sein: das große Haus im Staatstheater Wiesbaden

Die spannendsten Geschichten schreibt das Leben selbst. Kein Wunder, dass der Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Uwe Eric Laufenberg, das politische Drama um Sven Gerich, Ralph Schüler und Bernhard Lorenz als Steilvorlage für die Bühne erkannte. Der frühere Oberbürgermeister, der mit ihm eng befreundete Holding-Geschäftsführer und der ehemals mächtige Fraktionschef der CDU haben ihre politischen Ämter und auch ihre Reputation verloren. Ob sich ein Bühnenautor ein derart verworrenes Stück über Freundschaft, Intrigen, Vetternwirtschaft, machthungrige Strippenzieher, Geldtöpfe, Hinterzimmer, Rivalität und Rache hätte ausdenken können, sei einmal dahingestellt.

Aber genau so wird das Stück schon seit Monaten auf dem Spielplan des Staatstheaters beworben, und weil die Wiesbadener Kommunalpolitik auch nach dem Rückzieher von Sven Gerich als Oberbürgermeister und seinem Abtauchen aus allen sozialen Netzwerken in turbulenter Bewegung blieb, ließ das Theater zunächst offen, ob es von Mitte Januar an eine theatrale Groteske, eine Politsatire oder eine Tragikomödie aufzuführen gedenke.

Zehn Aufführungen sind geplant

Inzwischen sind diese Fragen beantwortet. Am 19. Januar ist in Wiesbaden Premiere im Kleinen Haus, und es steht außer Frage, dass die knapp 300 Plätze ausgebucht sein werden. Rund 30 Premieren feiert das Staatstheater in jedem Jahr, doch diese ist etwas Besonderes. Zehn Aufführungen sind bislang im Spielplan für das Stück vorgesehen. „Casino Wiesbaden“ lautete lange Zeit der Arbeitstitel, doch der Name der Landeshauptstadt wurde inzwischen getilgt, denn „es geht schließlich nicht um eine Bühnenzusammenfassung der Wirklichkeit“, sagt Clemens Bechtel. Nun also nur noch „Casino“.

Der freie Regisseur Bechtel wurde von Intendant Laufenberg damit beauftragt, auf die Bühne zu bringen, was Wiesbaden in den zurückliegenden 15 Monaten bewegt und erschüttert hat. Bechtel, Jahrgang 1964, ist ein Regisseur mit langjähriger nationaler und internationaler Erfahrung, der sich häufig mit Themen mit dokumentarischem und politischem Hintergrund auseinandergesetzt hat. Für das Hessische Staatstheater Wiesbaden erarbeitete er in der Spielzeit 2014/2015 „Die Träume der Armen, die Ängste der Reichen“ und später dann „Sechs Jahre – Der Abschied von meiner Schwester“ nach dem Buch von Charlotte Link. In Wiesbaden hat er sich zuletzt mit der dritten Generation der Linksterroristen von der RAF beschäftigt. Lokale Bezüge reizen ihn.

„Dennoch habe ich mich mit dem Stoff erst einmal schwergetan“, räumt Bechtel ein. Zumal er mit seiner Bühnenarbeit nicht zur allgemeinen Politikverdrossenheit beitragen und auch nicht „den falschen politischen Kräften in die Hände spielen“ will. Dennoch hat er im Lauf der Recherche zu den Wiesbadener Ränkespielen „Feuer gefangen“, wie er sagt. Was bedeutet es, Macht zu haben? Welche Wirkungen hat sie auf die Sprache? Berauscht die Macht, oder macht sie blind? Das sind die Fragen, die den Regisseur in erster Linie beschäftigen.

Abstraktion der tatsächlichen Geschehnisse

Was sich in Wiesbaden ereignet hat, ordnet Bechtel irgendwo „zwischen Molière und Shakespeare“ ein. Für seine Recherchen hat der Regisseur nicht nur „gelesen, was zu lesen war“, auch in den sozialen Netzwerken. Er hat zudem einige der Hauptakteure getroffen und intime Beobachter und Begleiter gesprochen. „Es gab sehr viele, hochinteressante Gespräche“, sagt Bechtel und berichtet von Treffen mit „emotional mitgenommenen“ Menschen, bei denen Wut, Trauer und Verzweiflung noch immer sehr präsent seien. Viele hätten offen den Wunsch geäußert, dass ihre sehr subjektive Perspektive zumindest auf der Bühne Gehör finden möge.

Parallel dazu wurde David Gieselmann als Bühnenautor verpflichtet, der mit der Dramaturgin Marie Johannsen am Skript für „Casino“ gearbeitet hat. Am Bühnenbild und an den Kostümen wird schon länger gearbeitet. Dass Wiesbaden aus dem Titel des Stücks verschwunden ist, begründet Bechtel mit dessen „Fiktionalisierung“. Es geht ihm nicht um ein „klassisches Doku-Theater“. Die politische Realität in der Landeshauptstadt sei nur der Ausgangspunkt für das Stück, „in dem auf der Bühne auch Dinge passieren, die so gar nicht passiert sind“. Es werde keine Bühnenzusammenfassung der tatsächlichen Wiesbadener Geschehnisse geben, denn das sei in der Zeitung nachlesbar, sagt Bechtel: „Wir wollen das nicht eins zu eins auf der Bühne wiederholen.“ Zudem wisse auch er nicht genau, was wirklich in den Hinterzimmern der Wiesbadener Machtzirkel verabredet worden sei.

Fragen der Macht

Dennoch verspricht Bechtel, dass trotz aller Abstraktion die Figuren, die Strukturen und die Ereignisse wiederzuerkennen seien. Das Stück werde viele komödiantische Züge haben, aber unter dem Strich eine „sehr böse“ Farce sein. Bechtel will vor dem Bühnenbild von Ulrich Frommhold die Fragen der Macht durchdeklinieren und den Kampf mit harten Bandagen deutlich werden lassen. Eine besondere Rolle spielt für ihn dabei auch der Journalismus, der aus seiner Sicht nicht nur beobachtet, beschrieben und kommentiert, sondern aktiv als „Player“ in die Geschehnisse eingegriffen hat.

Das Ensemble mit acht Mitgliedern, die mehr als acht Rollen übernehmen werden, steht inzwischen. Die Proben beginnen in Kürze. „Casino“ geht in der Wiesbadener Geschichte weiter zurück als bis zur Enthüllung vermeintlicher Interessenkonflikte zwischen Schüler und Lorenz im Herbst 2018. Bechtel will das Geben und Nehmen unter den Mächtigen der Stadtpolitik über einen längeren Zeitraum verdeutlichen und ein Stück mit „aufklärerischer Dimension“ aufführen, das Aufstieg und Fall thematisiert und vor allem eine Geschichte über die Verlockungen der Macht ist, ohne dabei den Anspruch auf die Wahrheit zu formulieren.

Wann ist ein solches Stück ein Erfolg? Bechtel will, dass „Casino“ gut unterhält und spannend ist. Dass es überdies dazu inspiriert, sich mit Fragen der Macht auch in Kommunen näher zu beschäftigen. Und dass die Betroffenen, die mit Sicherheit auch unter den Zuschauern sein werden, „über sich selbst lachen können“.

Quelle: F.A.S.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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