Durchhalten angesagt

Das Virus und der Schlendrian

EIN KOMMENTAR Von Alexander Jürgs
01.08.2021
, 16:43
Auch im Café: Maske tragen schützt
Die Pandemie nervt natürlich, gerade jetzt im warmen Wetter. Trotzdem sollten wir uns weiter zusammenreißen, denn noch ist Corona nicht überstanden.

Wir waren wandern, am Mittelrhein. In einer kleinen Pension hatten wir reserviert, per Nachricht hatte man uns vorher mitgeteilt, dass ohne Impfzertifikat oder Corona-Test keine Übernachtung möglich sei. Also tauchten wir brav mit den benötigten Dokumenten in der Hand in der Rezeption auf. Doch sehen wollte sie dort niemand. „Ich überprüfe die Dinger nicht“, sagte der Mann hinter der Theke. Er gehe davon aus, dass die Leute, denen er schreibe, dass Test oder Impfbescheinigung verpflichtend seien, sich auch daran halten werden.

Vermutlich hat er damit sogar recht, doch als wir am nächsten Morgen dann dicht gedrängt im Frühstücksraum saßen, wurde uns doch mulmig. Wird schon gut gehen, dachten wir uns. Im Innenhof der Pension wäre viel Platz für ein paar Tische an der frischen Luft gewesen, die Sonne schien gnädig vom Himmel herab. Doch aufgestellt waren sie dort nicht.

Ein paar Tage später erzählt ein Bekannter, dass er im Club war. Endlich mal wieder. Und am Anfang des Abends lief auch noch alles noch ordentlich und geregelt. Tests und Impfnachweise wurden kontrolliert, im Club saßen die Gäste mit Abstand an den Tischen und tranken Cocktails. Doch je später es wurde, umso mehr Augen wurden zugedrückt. An der Tür, wo irgendwann niemand mehr die neuen Gäste kontrollierte. An den Tischen, wo man schließlich doch, nach dem dritten, nach dem vierten Drink, enger zusammenrückte. Und irgendwann wurde dann – macht ja jetzt auch nichts mehr – schließlich doch noch getanzt. Wird schon gut gehen. Noch ein paar Tage später dann klagt der impfende Arzt. Ständig würde gerade jemand bei ihm anrufen, um den Impftermin abzusagen oder zu verschieben. Die Angst sei wie verflogen, sagt er, auf Zweitimpfungen würde nun in großer Zahl verzichtet. So würde nun passieren, was vor ein paar Wochen noch niemand für möglich hielt: Impfstoffe müssen vernichtet werden.

Corona-Regeln auch bei gutem Wetter einhalten

Ja, die Pandemie nervt. Das Auf und Ab der Infektionszahlen nervt. Die Masken nerven. Und dass man den Nachrichten über diese fürchterliche Krankheit nicht ausweichen kann. Viel, viel, viel zu lange dauert der Corona-Blues nun schon an.

Und gerade jetzt, in diesem Sommer, über den sogar der strenge Karl Lauterbach gesagt hatte, er würde ein guter werden, brauchen wir Zerstreuung, Spaß und Erholung. Brauchen wir Konzerte, einen Tag am Badesee, einen Abend im Restaurant, eine Grillparty, auf der wir ein paar Würste zu viel essen und ein paar Gläser Wein mehr trinken, eine Fahrt in der Achterbahn. Loslassen, das ist jetzt wichtig.

Doch wenn wir einmal ehrlich zu uns sind, dann ist das, auch mit den Corona-Regeln, die jetzt noch übrig geblieben sind, gut möglich. Denn so wild ist es nicht, was uns im Moment gerade abverlangt wird. Noch etwas länger Maske tragen, sich testen lassen vorm Theaterbesuch, auf der Wiese beim Open-Air-Konzert tanzen statt im engen, stickigen Clubraum: Das sollte zu schaffen sein. Und auch das: auf andere einwirken, sie davon überzeugen, sich doch impfen zu lassen. Es hilft nichts: Eine Zeitlang müssen wir uns noch am Riemen reißen, uns weiter durchkämpfen. Auch wenn wir keine Lust mehr darauf haben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jürgs, Alexander
Alexander Jürgs
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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