Verhüllung im Islam

Das Kopftuch scheidet Mutter und Tochter

Von Canan Topçu
21.08.2014
, 22:45
Eine Familie, zwei Kulturen: Rabia Bechari trägt Kopftuch, ihre Tochter Nadia verzichtet darauf und hat einen Faible für modische Kleidung und Make-up.
Rabia Bechari verhüllt sich aus religiöser Überzeugung, ihre Tochter nicht. Eine Familie, zwei Kulturen. Ein Besuch.
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Nadia mag Abwechslungen. Mal glättet sie ihre Haare, mal lässt sie sie so, wie sie von Natur aus sind: gelockt. Heute hängen die langen brauen Strähnen glatt über den Schultern. Auf ihre Lippen hat sie knallroten Lippenstift aufgetragen, ihre Augen mit farbigen Kontaktlinsen von dunkelbraun zu grün verwandelt und an die Lider künstliche Wimpern geklebt.

Nadia provoziert gern. Deswegen schminkt sie sich auffallend stark und zieht enge Sachen an. Sie kleidet sich so, „wie sich Mädchen nicht kleiden sollten“. Dieser Ansicht sind jedenfalls Verwandte und Leute aus dem Bekanntenkreis ihrer Mutter. Dass ihr Outfit von der muslimisch-konservativen Verwandtschaft nicht goutiert wird, weiß Nadia von ihrer Mutter. „Mir ist aber egal, was hinter meinem Rücken geredet wird“, sagt die Achtzehnjährige. Ihrer Mutter ist das nicht ganz so gleichgültig. Rabia Bechari ist aber der Ansicht, dass Druck keine gute Erziehungsmethode ist. Also kommentiert sie die Garderobe ihrer Tochter nicht.

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Auch die Mutter provoziert

Zwischen Mutter und Tochter gibt es stillschweigend vereinbarte Abkommen. Dazu gehört beispielsweise, dass sich Nadia ihrer Mutter nicht im Minirock zeigen würde. „Das hat was mit meinem Respekt vor ihr zu tun“, sagt Nadia. Wenn sie Lust habe, einen Minirock zu tragen, dann nehme sie ihre Garderobe mit zu ihrer Freundin und ziehe sich dort um.

Knapp geschnittene Röcke und enge Kleidung würde Rabia selbst nie anziehen. Abwechslungen mag aber auch sie gerne. Mal trägt sie ein buntes, mal ein schwarzes Kopftuch. Mal zieht sie ein langes Kleid an, mal Hosen und Tunika. Auch sie schminkt sich. Aber nicht grell wie ihre Tochter, sondern dezent. Die dunklen Augen umrahmt sie mit Kajal, und das nicht nur, wenn sie aus dem Haus geht.

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Anders als ihre Tochter möchte Rabia Bechari aber ganz und gar nicht provozieren. Und sie tut es trotzdem - unbeabsichtigt. Fremde Menschen kommentieren immer wieder und ungefragt ihr Äußeres. Inzwischen hat sich die Neununddreißigjährige an Fragen zu ihrer Religion und nach dem Grund für das Kopftuchtragen gewöhnt, sie antwortet routiniert und freundlich. Das Tragen des Kopftuchs sei ihrer Ansicht nach ein religiöses Gebot und eine ihrer „gottesdienstlichen Handlungen“, erläutert sie.

„Kein Zwang im Islam“

Sich zu verhüllen, ohne jene innere Haltung zu haben, das sei Unsinn, genauso wie jemanden zum Tragen des Kopftuches oder zum Beten zu zwingen, meint Rabia. „Mit Druck erreicht man doch nicht das Ziel, gottgefällig zu leben.“ Deswegen habe sie auch ihre Tochter nie gedrängt, ein Kopftuch zu tragen.

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Rabia und Nadia sind gegensätzlich - was ihr Äußeres, ihren Lebensstil und ihre Lebenseinstellungen betrifft. In einigen Punkten sind sich Mutter und Tochter aber einig: Sie mögen und respektieren einander, auch wenn sie „ein sehr kompliziertes Verhältnis“ haben. Rabia mag die „aufrichtige und direkte Art“ ihrer Tochter. Nadia wiederum gefällt an ihrer Mutter, dass sie trotz der vielen Vorbehalte in dieser Gesellschaft das Kopftuch nicht ablegt. Nadia findet ihre Mutter auch mit Kopftuch „sehr schön“. Und sie mag an ihrer Mutter deren Überzeugung, dass es „keinen Zwang im Islam gibt“.

„Mit der Zeit frommer geworden“

Rabia Bechari ist fromm und lebt ihren Glauben - aber nicht allein, indem sie ein Kopftuch trägt, regelmäßig betet und fastet. Sie engagiert sich zudem ehrenamtlich im Verein Salam, der sich in Frankfurt der muslimischen Seelsorge widmet. Dass es unterschiedliche Interpretationen des Islams gibt - und vor allem viele Auslegungen der Koran-Sure, in der es ums Verhüllen weiblicher Reize geht, das weiß Rabia. Das war aber einmal anders. Als sie eine junge Frau war und mit ihrer Mutter über den Islam sprach, da konnte ihre Mutter ihr nicht erklären, was es mit den Geboten und Verboten im Islam auf sich hat. „Sie hat mir zwar immer gesagt, dass sie aus religiösen Gründen ein Kopftuch trägt, doch warum das so ist, wusste sie selbst nicht“, sagt Rabia, die als zweites von acht Kindern marokkanischer Eltern in Frankfurt zur Welt kam und aufwuchs.

Die Entscheidung, ihr Haar zu verhüllen, traf Rabia vor etwa zehn Jahren, kurz nachdem sie sich von ihrem Ehemann getrennt hatte. Damals arbeitete sie noch als Bankkauffrau und sorgte für Irritationen bei ihren Kollegen und auch bei ihrem früheren Mann, der sie während der Ehe nicht zum Kopftuchtragen hatte bringen können. Inzwischen hat Rabia eine zweite Trennung hinter sich, arbeitet als Tagesmutter und lebt als alleinerziehende dreifache Mutter in Dreieich. Sie hat außer der Tochter noch zwei Söhne im Alter von sechs und 17 Jahren.

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„Ich bin erst mit der Zeit frommer geworden und habe angefangen, mich über den Islam kundig zu machen“, erzählt Rabia. Sie liest Bücher, informiert sich im Internet und besucht Podiumsdiskussionen und Vorträge. Unlängst hat sie in einer Veranstaltung dem islamischen Religionswissenschaftler Mouhanad Khorchide zugehört. Die liberalen Ansichten des Professors, der an der Münsterschen Universität lehrt, schätzt Rabia.

Nadia trug Zeitlang Kopftuch

Damit ihre Tochter besser über den Islam informiert ist und eine religiöse Unterweisung erhält, die nicht im Auswendiglernen von Koransuren besteht, schickte sie Nadia zu deutschsprachigen Kursen, unter anderem in einer pakistanischen Gemeinde. „Das war alles schon interessant“, sagt Nadia. Überzeugend klingt es aber nicht.

Eine Zeitlang band sich auch Nadia ein Tuch um den Kopf. Weil sie es schön fand, wie ihre Mutter aussah. Nadia wollte aber nicht nur ein Kopftuch tragen, sondern sich auch schminken. Ein Deal, den Mutter und Tochter eingingen: Das Mädchen trug ein Kopftuch und durfte sich schminken. Das war Nadia etwa dreizehn Jahre alt und Siebtklässlerin an einer Hauptschule in Bockenheim. Die Schule hat die Achtzehnjährige beendet, aber noch nicht herausgefunden, was sie beruflich machen kann und möchte.

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Dass Nadia von heute auf morgen mit dem Kopftuch zur Schule kam, habe die Klassenlehrerin nicht verstanden, sagt Rabia. „Sie hat mir unterstellt, ich hätte meine Tochter dazu gezwungen.“ Wer Nadia kenne, der müsse eigentlich wissen, dass sie ihren eigenen Kopf habe und zu nichts gezwungen werden könne. „Eigentlich wollte ich die Lehrer und die Klassenkameraden provozieren“, meint Nadia rückblickend. Das sei ihr gelungen, habe ihr aber nicht gutgetan. Ab dem Zeitpunkt habe die gute Beziehung zu ihrer Klassenlehrerin einen Riss gehabt. Nach ein paar Monaten legte Nadia das Tuch ab, weil sie feststellte, dass es „doch nicht“ zu ihr passe. Dabei ist es geblieben. Mit ihrem Lebenswandel sei das Tuch nicht kompatibel, sagt die Achtzehnjährige. „Vielleicht kommt ja auch die Zeit, in der ich es mir anders überlege.“


Quelle: F.A.Z.
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