Gemeinsame Geschäftsstelle

Zwei Banken, eine Filiale

Von Manfred Köhler
24.07.2020
, 08:31
Gemeinsame Sache: Die Taunus Sparkasse und die Frankfurter Volksbank teilen sich eine Filiale im hessischen Bad Soden.
Im Taunus wurde es vorgemacht, in Südhessen steht es kurz bevor: Sparkassen und Volksbanken teilen sich in kleinen Orten eine Filiale.

Manchmal muss Sascha Ahnert hervorheben, dass er und sein Amtskollege Michael Mahr schon noch immer Konkurrenten seien. Denn der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Darmstadt und der Vorstandssprecher der Volksbank Darmstadt-Südhessen verstehen sich wie auch ihre jeweiligen Vorstandskollegen gut. „Wir haben Vertrauen zueinander gefasst“, sagt Ahnert. Und machen deshalb jetzt in einem Punkt gemeinsame Sache. Trotzdem: Sie bleiben Konkurrenten.

Die gemeinsame Sache ist, dass die beiden Kreditinstitute am 27.August in Messel im Landkreis Darmstadt-Dieburg, bekannt durch das Welterbe Grube Messel, sonst aber mit 4000 Einwohnern eher klein, ihre erste gemeinsame mit Personal besetzte Filiale eröffnen. Montags und freitags sitzen in den Räumen die Bankangestellten der Sparkasse, dienstags und donnerstags die der Volksbank. Mittwochs muss Messel ohne Bank auskommen. So bleibe man am Ort präsent, sagt Volksbank-Chef Michael Mahr. Bisher seien Geschäftsstellen mit wenig Frequenz oft zu Selbstbedienungsfilialen reduziert worden. „Selbstbedienung“ mag toll klingen, meint aber: keine Bankmitarbeiter mehr, nur noch Automaten. Vor diesem Schicksal bleiben die Einwohner Messels durch diese Filialteilung bewahrt.

Die Kunden reagierten positiv

Kooperationen dieser Art sind etwas Besonderes, nicht nur, weil überhaupt zwei Konkurrenten an einer entscheidenden Stelle kooperieren, sondern vor allem, weil es Sparkassen und Volksbanken sonst gar nicht miteinander zu tun haben. Unterschiedliche Geschichte, unterschiedliche Eigentümerstrukturen, in vielen Orten überhaupt die letzten Kreditinstitute. Und doch müssen die Darmstädter jetzt damit leben, dass sie in der Region nicht die ersten sind, sondern die zweiten, die derlei probieren. Die Taunus-Sparkasse und die Frankfurter Volksbank haben es vorgemacht, kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres hatten sie ihre erste gemeinsame Filiale in Bad Soden-Neuenhain eröffnet.

Noch weitaus älter ist eine Kooperation in Bad Kissingen in Unterfranken. Dort hatten sich die Darmstädter umgesehen. Was sie sahen, gefiel ihnen: Preisaushänge der beiden Häuser in einem Schaukasten übereinander, Geldautomaten nebeneinander, die Spardosen für die Kinder in zwei Regalen aufgestellt. Sogar in der Kaffeeküche hielt man Becher und Zuckerdosen getrennt. Wichtiger aber: die Kunden reagierten positiv. Sie mögen ahnen, dass die Alternative eine schnöde Selbstbedienungsfiliale wäre.

Kreditinstitute wollen weiterhin auf individuellen Auftritt achten

Es gibt allerdings Orte, in denen auch solche Automaten überhaupt nur stehen bleiben, weil zwei Häuser kooperieren. So haben die Sparkasse Darmstadt und die Volksbank Darmstadt-Südhessen zunächst an drei Automaten-Standorten geprüft, ob ihre Zusammenarbeit funktioniert. In Mühltal-Traisa, Darmstadt-Wixhausen und Pfungstadt-Hahn finden sich seit einigen Wochen schon die Logos beider Kreditinstitute nebeneinander an den Eingängen zu kleinen Räumen, in denen Automaten der Konkurrenten einträchtig nebeneinander stehen. Gemeinsame Standorte mit Personal wiederum sollen in diesem Jahr in Pfungstadt-Eschollbrücken und Modautal-Brandau eröffnet werden. In allen Orten wird jeweils eine Filiale der beiden Institute geschlossen und die andere zur Gemeinschaftsfiliale umgebaut; die Standorte mit Selbstbedienung und die mit Personal zusammengenommen ist viermal die Volksbank „Gastgeber“, wie es die Vorstände nennen, zweimal die Sparkasse.

Anders als im Taunus hat man sich in Südhessen entschieden, die Namen beider Kreditinstitute außen anzubringen; die Taunus-Sparkasse und die Frankfurter Volksbank hatten sich für den neutralen Begriff „Finanzpunkt“ entschieden. Wenn es an die Details geht, wird es kompliziert, wie Ahnert berichtet, so musste mit den Datenschützern beider Häuser geklärt werden, ob etwa alte Unterlagen in der gleichen „Vernichtungstonne“ entsorgt werden dürfen, was bejaht wurde. Der Volksbank-Chef zeigt sich sicher, dass kein Haus dem anderen die Kunden abspenstig machen werde, Der Sparkassendirektor hebt hervor, dass jedes Institut weiterhin auf seinen individuellen Auftritt achte. So unterschieden sich die Öffnungszeiten an den verschiedenen Tagen leicht voneinander.

Die Bankchefs können sich vorstellen, dass die Kooperation weiter ausgebaut wird, aber natürlich wird man auch bei einer kostengünstigen Gemeinschaftsfiliale darauf schauen, wie sich die Kundenfrequenz entwickelt. Die Zahl der Bankfilialen sinkt in Deutschland generell seit Jahren, auch wenn die Kreditinstitute darüber nicht gern reden. Die Einwohner Messels aber können sie sich freuen, dass sie weiterhin zwischen den Angeboten von zwei Banken wählen können. Sie müssen nur genau darauf achten, an welchem Wochentag sie ihre Geldgeschäfte erledigen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhler, Manfred
Manfred Köhler
Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.
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