Forschungsprojekte und Corona

Jubiläum nur im Internet

Von Rainer Hein
26.04.2020
, 07:59
Milliardenprojekt: Der 1,1 Kilometer lange Teilchenbeschleuniger ist auf der Baustelle schon gut zu erkennen.
Die Gesellschaft für Schwerionenforschung wollte mit einem Festakt auf die vergangenen 50 Jahre blicken. Aber Corona bringt alles durcheinander. Auch auf der Baustelle für das Großforschungsprojekt Fair ist die Pandemie zu spüren.
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Es gibt zwei Zahlen, an denen sich die Dynamik wissenschaftlicher Grundlagenforschung in den vergangenen 50 Jahren ablesen lässt. Als am 17. Dezember 1969 die „Gesellschaft für Schwerionenforschung“ als GSI Helmholtzzentrum gegründet wurde, kostete der Bau dieser Forschungsanstalt im Norden Darmstadt 180 Millionen Mark. Als 2012 mit den ersten Arbeiten für die Internationale Beschleunigeranlage Fair begonnen wurde, lag der Kostenrahmen für dieses Projekt bei mehr als einer Milliarde Euro. Inzwischen gehen die internationalen Partner, zu denen Frankreich ebenso gehört wie Indien und Russland, von bis zu drei Milliarden Euro Gesamtkosten aus.

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Es existiert also seit einem halben Jahrhundert eine doppelte Kontinuität in Darmstadts Stadtteil Wixhausen, wo sich mit GSI und Fair die einzigen internationalen Großforschungseinrichtungen Hessens befinden: Die Bereitschaft von Bund und Land, viel Geld auch für solche Forschungen bereitzustellen, die nicht unmittelbar auf einen praktischen Nutzen abzielen, sondern auf ein besseres Verständnis von dem, was die Welt und den Kosmos im Inneren zusammenhält. Und das beständige Wachstum technischer Apparaturen, also vor allem der Schwerionenbeschleuniger, mit denen die Physiker in den Kern der Materie vorstoßen wollen bis zu jener „starken Kraft“, die alles zusammenhält.

Virtuelles Geburtstagsfest

Nichts demonstriert das anschaulicher als die 20 Hektar große Fair-Baustelle mit ihrem zentralen Bauwerk, dem großen Teilchenbeschleuniger-Ring, der einen Durchmesser von 1100 Metern hat und in dem unterirdisch in ein paar Jahren Ionen fast bis zur Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden sollen. Wenn die rasenden Uran-Ionen in den Experimentierstationen am Ende des Kreisverkehrs in einem der Labore mit großer Wucht auf Materialproben prallen, erwarten die Forscher in Wixhausen physikalische Zustände, wie sie einst Sekundenbruchteile nach dem Urknall bestanden haben.

Ursprünglich wollte die GSI ihr 50-Jahr-Jubiläum am 30. April in Darmstadts Wissenschafts- und Kongresszentrum feiern, dem Darmstadtium, das nach einem von GSI-Wissenschaftlern entdeckten Element benannt wurde. Aber der Gesellschaft ergeht es dieses Jahr nicht anders als der Deutschen Bank und dem Rest der Welt. Wegen des Coronavirus musste der Festakt abgesagt werden. „Wir hoffen, das Jubiläum zu einem späteren Zeitpunkt gebührend begehen zu können“, teilt das Helmholtzzentrum mit.

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Unwägbarkeiten durch das Virus

Aus der Not hat die Gesellschaft sehr schnell eine Tugend gemacht und ihre Internetseite so gestaltet, dass sie zumindest ein kleines virtuelles Geburtstagsfest erlaubt. Es findet sich dort eine Bildergalerie, die den Wandel der vergangenen 50 Jahre dokumentiert, ein Zeitstrahl von 1969 bis heute mit den wichtigsten historischen Etappen der Gesellschaft und eine Art kollektives Tagebuch, in dem Mitarbeiter ihre schönsten Erinnerungen schildern. Im Zeitraffer oder per Drohnenflug lässt sich auch die Entwicklung der Großbaustelle Fair verfolgen.

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Der Zeitstrahl für Fair sieht vor, dass 2025 die ersten wissenschaftlichen Experimente stattfinden können. Jörg Blaurock, Technischer Geschäftsführer und Baustellenmanager jenes Großlabors, das am Ende aus einem Komplex von 20 unter- und oberirdischen Beschleuniger- und Experimentierbauwerken, Laboren, Betriebs- und Versorgungsbauten bestehen wird, ist mit Blick auf dieses Datum zwar weiter optimistisch, laufe doch „alles noch sehr gut im Moment“. Aber Corona ist auch in Wixhausen angekommen. Zwar hat es noch keinen positiv getesteten Fall bei Mitarbeitern gegeben. Aber die Frage steht im Raum, wie es mit den beauftragten Firmen weitergeht, die zu einem erheblichen Teil ausländische Mitarbeiter einsetzen.

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„Vor sechs Wochen hatten wir noch mehr als 300 Arbeiter auf der Baustelle und waren im Zeitplan.“ Jetzt arbeite wegen der Pandemie nur noch die Hälfte der Mannschaft. Die weitere Entwicklung lasse sich schwer absehen. Blaurock sieht das definierte Zeitfenster mit 2025 als Eröffnungstermin angesichts der Unwägbarkeiten durch das Virus daher als „wage“ an.

Zu den Unwägbarkeiten zählt, dass manche der technisch hochkomplexen Komponenten für die Beschleuniger- und Experimentieranlagen Einzelanfertigungen sind, die von den internationalen Partnern des Fair-Projekts geliefert werden. Zum Beispiel der Kollektorring, den die russischen Partner in Novosibirsk fertigen sollen. Die internationalen Lieferketten seien aber nicht nur zu China gestört. Auch die Kommunikation zu Russland sei aktuell „sehr eingeschränkt“, berichtet der Geschäftsführer.

Zu den guten Nachrichten gehört die Produktion der riesigen Magnetelemente. Sie werden benötigt, um die Ionen im unterirdischen Fair-Ringbeschleuniger bei bis zu 95 Prozent der Lichtgeschwindigkeit in der Kreisbahn zu halten. Von den tonnenschweren supraleitenden Magneten werden mehr als 100 Stück benötigt. Sie werden in Würzburg gefertigt und bei der GSI auf ihre Anforderungen hin getestet. Bei mehr als der Hälfte ist das schon geschehen. Noch wichtiger dürfte für Blaurock sein, dass die Gremien bei Fair und GSI und die internationalen Partner im Grundsatz das Budget angepasst haben. Das Fair-Projekt war ein halbes Jahr lang von einer Expertenkommission geprüft worden. Anschließend stimmte der Council, das höchste Organ der Fair GmbH, einem Zuschussbedarf von rund einer Milliarde Euro zu. Während die Partnerländer diese Mehrausgaben noch in ihren jeweiligen Länderparlamenten beschließen müssen, haben Deutschland und das Land Hessen ihren Anteil schon verbindlich zugesagt. Sie finanzieren zusammen 75 Prozent der Gesamtkosten.

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Fortgang der Bauarbeiten wichtig für Medizin

Deshalb hat Blaurock weitere sechs Bauwerke auf dem südlichen Teil der Großbaustelle ausschreiben können. Die Aufträge sollen noch diesen Monat vergeben werden. Auch hier sei also alles auf gutem Weg.

Gleichzeitig drücke er weiter die Daumen, „dass die Corona-Krise irgendwann zu Ende geht“. Für die internationale Forschung wäre das so wichtig wie für die deutsche Wirtschaft. Bei Fair geht es zwar um elementare Grundlagenforschung, die nicht an den Tag gebunden ist. Aber diese zeitige durchaus praktische Folgen, wie die Erfolge der GSI mit Ionenstrahlung zur Behandlung von komplizierten Krebserkrankungen gezeigt hat.

Marco Durante, Leiter der GSI-Forschungsabteilung Biophysik und Professor am Fachbereich Physik der TU Darmstadt, ist gerade für sein neues Projekt zur Weiterentwicklung dieser Tumortherapie mit dem renommierten Preis des Europäischen Forschungsrates, dem „ERC Advanced Grant“, ausgezeichnet worden. Er sieht in radioaktiven Ionenstrahlen ein ideales Werkzeug besonders zur besseren Behandlung von kleinen Tumoren etwa im Gehirn. Dafür sei die Intensivität der bisher erreichten Ionenstrahlen aber nicht ausreichend. Erst hochmoderne Anlagen wie Fair könnten solche intensive Strahlen erzeugen. Für manche Krebskranke könnte der Fortgang der Bauarbeiten auf Blaurocks Baustelle also doch so wichtig sein wie für die Menschheit schnelle Forschungsergebnisse bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs.

Quelle: F.A.Z.
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