„Es rentiert sich nicht mehr“

Weniger Milchkühe im Stall, weniger Verluste

Von Thorsten Winter
29.09.2016
, 11:36
Ernüchtert: Norbert Zöller hält Kühe nur noch zu Mastzwecken.
Auch in Hessen geben Milchviehhalter auf. Norbert Zöller ist einer von ihnen. Anders als andere Bauern gibt er nicht nur dem Handel die Schuld an den Niedrigpreisen für Milch.
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Eben noch hat sich das schwarz-weiß gefleckte Kälbchen hinten im Stall ins Stroh gekuschelt. Nun tapst es unter den Augen seines Besitzers zwei Schritte zu seiner Mutter, stupst ihr mit der Nase heftig gegen das pralle Euter und fängt an einer Zitze an zu nuckeln. Solche Szenen mag der von der Landwirtschaft entwöhnte Laie gern, sie rühren sein Herz. Tatsächlich aber sind derartige Bilder in den Ställen landauf, landab selten geworden. Schließlich wollen Milchviehhalter die Milch vor allem melken und verkaufen. Dass das kleine Schwarzbunte in seiner Stallbox auf dem Hof von Norbert Zöller nach Lust und Laune trinken kann, hat einen einfachen Grund: Zöller hält zwar noch Kühe, aber keine Milchkühe mehr.

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Er zählt zu den 4000 Milchviehhaltern in Deutschland, die angesichts der niedrigen Erzeugerpreise in den vergangenen zwölf Monaten aufgegeben haben, wie der Deutsche Bauernverband berichtet. Das Besondere an seinem Fall ist: Zöller gibt nicht nur dem von Bauern gescholtenen Handel die Schuld an der Misere.

Zehn Cent Verlust je Liter

Dabei ist der 53 Jahre alte Landwirt nicht irgendwer in seiner Branche. Zwar führt er keinen großen Hof, im Gegenteil. Mit ehedem 25 Milchkühen war er einer der kleinen Anbieter. Große Milchhöfe zählen 100 Kühe und mehr. Auch glänzen seine Ställe nicht mit haushohen Decken und Holzwänden, die bei Bedarf geöffnet werden können. „Wir sind kein Vorzeigebetrieb, wir sind ein ganz konventioneller Hof“, sagt Zöller. Gleichwohl sticht er aus der Gruppe der Bauern in seiner Gegend heraus, denn Zöller zeichnet als Sprecher des Landkreises Offenbach im Regionalbauernverband Starkenburg und als Kreislandwirt. Er ist also Bauernfunktionär. Wenn einer wie er die Segel streicht, hat das besonderes Gewicht.

Um Missverständnissen vorzubauen: Seinen Betrieb gibt Zöller nicht auf. Vielmehr hat er auf dem „Prinz-Norbert-Hof“, wie das Anwesen in Anspielung auf sein Engagement als Fasnachter auch augenzwinkernd genannt wird, noch jede Menge zu tun. Der Bauer mästet fortan Kühe, verkauft Fleisch und Eier, baut Getreide und Kartoffeln an. Zwischendurch nimmt er sich Zeit für Schulklassen. Was erzählt er denen? „Ich versuche, wenigstens ein paar Eindrücke von der Landwirtschaft zu vermitteln - wer, wenn nicht wir, soll das tun?“, sagt er. Und wenn er nach Milchviehwirtschaft gefragt wird? Dann sagt er: „Dass es sich nicht mehr rentiert.“

Bilderbuchlandwirtschaft mit Mutter und Kind: Freies Nuckeln am Euter
Bilderbuchlandwirtschaft mit Mutter und Kind: Freies Nuckeln am Euter Bild: Wolfgang Eilmes

Als Landwirt mit Milch noch Geld zu verdienen gleicht derzeit einem Kunststück. Zwei Zahlen lassen auch den Laien ahnen, weshalb: Im November 2013 überwiesen deutsche Molkereien den Bauern durchschnittlich 42,3 Cent je Liter Milch, wie Ludwig Börger sagt - derzeit sind es nach den Worten des Referatsleiters Milch des Deutschen Bauernverbands nur noch 22,5 Cent. Zöller hat zuletzt an die Genossenschaft Hochwald geliefert, die unter anderem in Hungen ein Werk betreibt und ihm 24 Cent gezahlt hat, immerhin. Aber: Seine Produktionskosten lagen bei 34 Cent je Liter. „Ich habe zehn Cent je Liter draufgelegt“, sagt Zöller, der im Durchschnitt 300 Liter gemolken hat.

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Viel weniger Bauern, kaum weniger Milchkühe

Das Minus summierte sich folglich auf gut 900 Euro im Monat. Da macht ihm das Melken keinen Spaß mehr, zumal ein deutlicher Aufschwung nicht in Sicht ist. Zöller zitiert den früheren Bauernpräsidenten Friedhelm Schneider, der einmal gesagt hat: Ein Landwirt ernährt eine Familie, aber die Landwirtschaft ernährt den Bauern nicht mehr. War früher von Strukturwandel die Rede, warnen Bauernvertreter nun vor dem Strukturbruch, dem massenhaften Höfesterben.

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Die Zahlen sprechen jedenfalls eine klare Sprache: Gab es zur Jahrtausendwende noch 6043 Milchhöfe in Hessen, so ist die Zahl auf unter 3200 gesunken. Die Zahl der Milchkühe sank derweil nur moderat von 155.60 auf 145.000. Standen seinerzeit noch durchschnittlich 26 Kühe in einem Stall, sind es heute 45. Anders gesagt: Die verbliebenen Höfe werden größer. Dank Melkrobotern und Futtermischwagen lautet die Rechnung so: Je größer der Hof, desto geringer sind die Stückkosten - „so wie in einem Industriebetrieb“, gibt Zöller zu bedenken.

„Alle müssen weniger produzieren“

Doch kämpfen derzeit auch Großerzeuger mit den Niedrigpreisen. Denn vor allem aus Holland, Irland und Polen kommt viel mehr Milch als vor einem Jahr auf die Märkte, zudem boykottiert Russland europäische Milch, während die Chinesen ihren Markt vermehrt selbst beliefern. Angesichts dessen meint Zöller: „Die Landwirtschaft hat eine Teilschuld an der Misere. Alle wissen, dass sie weniger produzieren müssen.“

Immerhin, er melkt keine Kühe mehr. Für ihn hat das zwei Vorteile. Zöller erspart sich ein Minus - und hat mehr Freizeit: „Ich kann jetzt schon um halb acht Uhr abends auf einen Geburtstag gehen. Und nicht erst um 22 Uhr, so wie früher.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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