FAZ plus ArtikelKrankheit im Alltag

Der unheimliche Nachbar

Von Constanze Kleis
09.11.2020
, 11:38
Ein Mann aus Frankfurt terrorisiert das Haus, in dem er wohnt. Er ist offenbar psychisch krank. Alle Beteiligten bräuchten Hilfe. Die gibt es, theoretisch. Praktisch passiert nichts.

Es passiert jeden Tag und fast jede Nacht. Manchmal schreit er einfach. Manchmal sind es wüste Beschimpfungen. Dann brüllt er „Du Schlampe! Du Wichser! Lass mich in Ruhe!“. Wen er meint, man weiß es nicht. Herr M., heute 35 Jahre alt, lebt seit mehr als zehn Jahren allein in seiner Wohnung, in einem Mehrfamilienhaus in Frankfurt. Einem Neubau. Sehr gut gedämmt. Geht man durch das Treppenhaus, sind kaum Geräusche zu hören. Nur eben, und das oft, dieses Geschrei. Morgens um halb zwei, mittags, nachmittags, abends. Und es ist mehr als das, was M.s Nachbarn an den Nerven zehrt. Es sind auch schwere Schläge gegen Boden, Decke und Wände, die das ziemlich solide Mauerwerk erschüttern und für die man schon viel Wut und schweres Gerät braucht. Ein Stahlrohr? Einen Baseballschläger? Einmal lief der Mann nackt mit einem Samurai-Schwert durchs Haus. Seit einigen Wochen sammelt er seine Fäkalien in Plastiktüten. Eine warf er einer Nachbarin auf den Balkon. Sonst entsorgt er sie jetzt in den Hausmüll.

Mit anderen Hausbewohnern führt Bernd S. seit 2017 ein „Störprotokoll“, in dem das, was er Terror nennt, notiert und aufgezeichnet wird. Es soll dazu führen, dass Herr M. umzieht. Oder umgezogen wird. Denn nach allem, was man vermuten kann, leidet er unter einer schweren psychischen Erkrankung. Zu deren Symptomen gehört offenbar auch, dass ihm fehlt, was man „Krankheitseinsicht“ nennt. Er kann nicht verstehen, was er anderen zumutet. Einerseits. Andererseits darf man ihn nicht zwingen, sich behandeln zu lassen. Erst, wenn er andere oder sich akut gefährdet, wird diese Option sehr gründlich und in einem mehrstufigen Prozedere geprüft. So sieht es das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz, kurz PsychKHG nun mal vor.

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Quelle: F.A.S.
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