Claudio Montanini

„Wer beim Marketing spart, macht einen großen Fehler“

Von Patricia Andreae
02.02.2016
, 12:44
Werbefachmann: Claudio Montanini, Präsident des Marketing-Clubs
In der Vereinigung der Verkaufsexperten im Raum Frankfurt schaut man nicht durch eine rosarote Brille. Ihr Chef blickt aber durchaus zuversichtlich ins neue Jahr und hat auch einige Wünsche.

Der Marketing-Club Frankfurt hat heute seinen Neujahrsempfang. Es ist schon Februar, warum so spät?

Wir möchten eine möglichst große Aufmerksamkeit für eine wichtige Branche, da ist es gut, ein solches Alleinstellungsmerkmal zu haben. So können wir mehr als 300 Gäste begrüßen. Außerdem kann man schon ein wenig tiefer ins neue Jahr hineinschauen.

Was sehen Sie denn für dieses Jahr?

Nun, ich möchte nicht ins negative Horn stoßen, auch wenn ich mir einen etwas friedvolleren Start in dieses Jahr gewünscht hätte. Man muss aber auch sehen, dass es durchaus positive Perspektiven gibt. Die Rahmenbedingungen sind gut: Wir haben die niedrigste Arbeitslosigkeit seit langem. Hohe Steuereinnahmen sorgen in Stadt und Land für gut gefüllte Kassen.

Bei vielen Unternehmen ist die Stimmung im Moment aber doch eher verhalten – und beim Marketing wird oft zuerst gespart.

Das ist so ziemlich der größte Fehler, den man machen kann. Gerade ins Marketing sollte man investieren.

Warum?

Es ist zwar schwer, den Wert einer Idee in Euro zu messen, doch Marketing sichert den Wert einer Marke und damit letztlich auch den des Produzenten. Außerdem kann Marketing Innovationen vorantreiben und sogar neue Produkte generieren. Beispiele dafür sind die Apple-Watch oder das E-Bike. Es geht darum, die Lücke im Markt zu entdecken und das, was sie füllt, auf dem Markt zu etablieren.

Wo sehen Sie derzeit das größte Innovationspotential?

In der Elektromobilität. Da braucht es einen gesellschaftlichen Prozess, für den die Politik die Weichen stellen und die Rahmenbedingungen schaffen müsste. Marketing könnte dazu beitragen, das in Gang zu setzen.

Es ist also ein „Umparken im Kopf“ nötig?

Ja. Tina Müller hat bei Opel gezeigt, was man durch Marketing erreichen kann, dafür wird sie zu Recht gefeiert. Elektromobilität ist aber nicht allein Sache der Automobilkonzerne, hier sind auch die Kommunen gefragt. Interessante Ideen sind schon da. In Berlin beispielsweise gibt es junge Unternehmen, die über Adapter jeden Laternenmast in eine Ladestation umwandeln wollen. Das sind Ideen, die man fördern und durch Marketing bekannt machen muss.

Welche Idee ist Ihnen hier in der Region zuletzt so positiv aufgefallen?

Zum Beispiel die von Cobi, das ist ein junges innovatives Frankfurter Unternehmen, das mit geringem Aufwand jedes Fahrrad in ein „Smart-Bike“ verwandelt, also mit dem Smartphone verbindet. Dieses Unternehmen haben wir im vergangenen Jahr auf der Marken Gala mit der „Frankfurter Sprungfeder“ ausgezeichnet. Und darum bekommt Cobi jetzt unter anderem ein wertvolles Mentoring-Programm von den Experten bei Procter & Gamble, um sich als Marke auch international etablieren zu können. Es ist wichtig, dass wir solche jungen Unternehmen unterstützen.

Tut die Stadt Frankfurt genug für kreative Unternehmen?

Nun, wir haben als Marketing-Club ein sehr gutes Verhältnis zum Wirtschaftsdezernat von Markus Frank, und auch Oberbürgermeister Peter Feldmann hat viel Verständnis für unsere Belange. Aber es fällt doch auf, dass große Agenturen wie Young & Rubicam oder Saatchi, die einst den Werbestandort geprägt haben, die Stadt verlassen. Und wenn ich derzeit sehe, welche Anstrengungen für die Fintech-Szene unternommen werden, dann würde ich mir das für unsere Branche auch wünschen.

Was wäre denn da genau Ihr Wunsch?

Es wäre gut, wenn wir ein „Haus der Kreativwirtschaft“ hätten. Einen regelrechten Hub als Anlaufstelle und Treffpunkt für die Branche, als Ort für Veranstaltungen und Ausstellungen. Am besten wäre es, es gäbe dort auch temporäre Arbeitsplätze und einen Coworking-Space für Kreative, die sich selbständig machen oder nur für zeitlich begrenzte Projekte in Frankfurt arbeiten.

Wer sollte das finanzieren?

Natürlich wünschen wir uns Unterstützung der öffentlichen Hand. Gut vorstellbar wäre aber auch ein Unternehmen, das eine solche Immobilie zur Verfügung stellen könnte. In Amsterdam gibt es mit dem „Dialogue House“ dafür ein schönes Vorbild. Für eine Bank wären das doch „Peanuts“.

Oft heißt es, die Kreativen gingen lieber nach Berlin, weil dort die Mieten günstiger seien. Wie steht es im Raum Frankfurt mit Wohnraum für Kreative?

Der fehlt, vor allem für solche, die immer mal wieder für einzelne Projekte in die Stadt kommen, aber auch für Nachwuchskräfte gibt es nicht genügend günstigen Wohnraum in interessanten Quartieren.

Was schwebt Ihnen da vor?

Ich denke da an ein Boardinghouse-Modell, aber nicht an Luxusappartements, die für Banker konzipiert sind. Wir brauchten eher so etwas wie das „Lindenberg“, eine Mischung aus Hotel und Wohngemeinschaft. Und vor allem mangelt es an günstigen Unterkünften für Praktikanten.

Damit wären bei den Stichworten Nachwuchs und Ausbildung: Die Branche klagt oft über hohe Fluktuation und fehlenden Nachwuchs. Ist die Ausbildungssituation hier schlechter als in Berlin oder Hamburg?

Nein, wir haben sehr gute Hochschulen in der Region. Doch auch wir spüren den Fachkräftemangel und den Wettbewerb um die Talente. Was wir aber derzeit unter anderem planen, ist ein „Frankfurt-Praktikum“, bei dem beispielsweise junge Betriebswirte drei unterschiedliche Unternehmen aus der Kreativbranche und damit verschiedene mögliche Arbeitsfelder kennenlernen können. Und unsere Branche muss wohl auch selbst mehr tun, mutiger planen und Mitarbeiter besser binden, um das Rumhoppen der Kreativen zu verringern. Da haben wir noch einiges zu tun.

Die Fragen stellte Patricia Andreae.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Andreae, Patricia (cp.)
Patricia Andreae
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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