<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Flucht vor dem Naziterror

Als aus Frankfurter Buben die „Cedar Boys“ wurden

Von Jan Klauth
 - 19:20
Sicheres Ausland: Jüdische Kinder, die in England Zuflucht vor den Nationalsozialisten fanden.

Die Szene auf dem vergilbten Schwarzweißfoto erzählt von einer glücklicheren Zeit. Etwa 30 Jungen sind auf dem Hof des ehemaligen Kinderheims an der Ebersheimstraße zu sehen, sie spielen oder unterhalten sich zwischen blühenden Linden. Zwei der Kinder laufen Arm in Arm über das Gelände, ein anderes blickt neugierig in Richtung Kamera.

Derselbe Innenhof mehr als 80 Jahre später: Wo einst die Linden standen, parken Autos, und als sich Till Lieberz-Groß dem Haus mit der Nummer Fünf nähert, zieht jemand im Inneren die Gardinen zu. „Heute wissen nur noch wenige, was hier nach der Reichspogromnacht passierte“, sagt sie nachdenklich und blickt auf die weiße Fassade, an der große Überwachungskameras hängen. „Kaum etwas erinnert an das Heimpersonal oder die Schicksale der Kinder.“

Wie viele Heimkinder die Jahre des Nationalsozialismus überlebten, lässt sich nur schwer sagen, aber Lieberz-Groß kennt eine andere Zahl: Etwa 20 000 jüdische Minderjährige wurden im „Dritten Reich“ durch Transporte ins Ausland vor den Konzentrationslagern gerettet, die meisten vom Frankfurter Hauptbahnhof aus. „Ein Kapitel der NS-Geschichte, über das heute nur wenig gesprochen wird“, sagt die ehemalige Schulleiterin, die mittlerweile im Ruhestand ist. Deshalb hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung am Leben zu halten. Mehr als drei Jahre führte Lieberz-Groß Interviews mit Überlebenden, besuchte Zeitzeugen im In- und Ausland, durchforstete Dokumente in Archiven. Zusammen mit acht weiteren Autorinnen brachte sie vor kurzem ein Buch heraus, das die Biographien einiger Geretteter nachzeichnet. Der Titel: „Rettet wenigstens die Kinder“.

„Jüdisches Leben in Frankfurt“

Etwa 40 Jungen beherbergte das Heim der jüdischen Flersheim-Sichel-Stiftung im Stadtteil Dornbusch um 1938. Heutzutage sind Wohnungen in dem Gebäude, im Erdgeschoss praktiziert ein Augenarzt, der das Haus Ende der neunziger Jahre von der Stadt kaufte. Den Anstoß von Lieberz-Groß, eine Gedenktafel an der Hausmauer aufzuhängen, lehnte der Arzt ab. Stattdessen soll nach langem Hin und Her im Frühling, sobald es wärmer wird, einige Meter weiter auf einem Grünstreifen ein Denkmal an die geretteten Heimkinder in den Boden gelassen werden.

Das städtische Kulturamt unterstützt den Vorschlag, und der zuständige Ortsbeirat im Stadtteil Dornbusch hat schon Geld bereitgestellt. Für Lieberz-Groß ist das ein Kompromiss, viel mehr aber eine Genugtuung in letzter Minute. „Denn schon bald leben keine Zeitzeugen mehr.“ Deshalb fassten Lieberz-Groß, Mitherausgeberin Angelika Rieber und der Verein „Jüdisches Leben in Frankfurt“ schon vor mehr als drei Jahren den Beschluss, die Geschichten derer zu erzählen, die überlebt haben.

Irgendwo im weitverzweigten Stammbaum von Till Lieberz-Groß seien auch jüdische Vorfahren zu finden, erzählt die Einundsiebzigjährige in einem Café nahe dem ehemaligen Kinderheim. Sie selbst ist nicht jüdisch, ihre Motivation für die Buchrecherche rührt anderswo her. Als geschichtsinteressierte Lehrerin leitete sie in den achtziger Jahren deutsch-israelische Bildungsseminare, die die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft organisierte. Es ging hauptsächlich darum, in welcher Form der Holocaust in den Lehrplänen behandelt werden sollte. „Auch wir Lehrer müssen Verantwortung übernehmen“, sagt die frühere Schulleiterin. Bis heute organisiert sie Schulbesuche von Überlebenden des Naziterrors.

Reise nach Israel

Durch ihr Engagement in den Bildungsseminaren reiste Lieberz-Groß viele Male nach Israel. Dort traf sie zum ersten Mal Zeitzeugen der Kindertransporte. Sie hörte bewegende Geschichten, sah sich aber auch mit Schweigen konfrontiert – auf deutscher wie auf jüdischer Seite. „Sicherlich spielte Scham eine Rolle, viele sehnten sich aber auch nach einem Neuanfang und wollten mit ihrem alten Leben nichts mehr zu tun haben.“ Lieberz-Groß, geboren 1948 in Bad Neuenahr-Ahrweiler, südlich von Bonn, erzählt mit leicht rheinländischem Akzent. Konzentriert blickt sie über ihre bunte Hornbrille auf die mitgebrachten Unterlagen. Die „verdrängende „Ich-habe-nichts-damit-zu-tun-Haltung“ einiger Deutscher in Bezug auf den Holocaust habe sie schon immer falsch gefunden. „Die Erinnerung muss erhalten bleiben, insbesondere wenn bald die letzten Zeitzeugen tot sind.“

Eines der letzten geretteten Kinder starb Anfang 2018: Uri Sella, dessen Biographie eine der erstaunlichsten der 20 Portraitierten des Buches ist. Sella wurde 88 Jahre alt, in den letzten Jahren seines Lebens setzte er sich ebenfalls für eine Gedenktafel ein. „Seinem Wunsch fühlen wir uns verpflichtet“, sagt Herausgeberin Lieberz-Groß.

Sella wird 1930 als Sohn polnischer Juden im Stadtteil Sachsenhausen geboren, damals heißt er noch Ulrich Stobiecka. Die Eltern lassen sich früh scheiden, Stobiecka wächst bei der Mutter auf, die wegen einer Tuberkulose nur in der Wohnung als Schneiderin arbeiten kann. Wegen der Ansteckungsgefahr gibt die Mutter Ulrich um 1935 ins jüdische Kinderheim an der Eberheimstraße. Dort findet er schnell Anschluss und schließt sich einer Clique an.

„Opfer des Naziterrors“

Sorgenfrei ist die Kindheit aber auch im Heim nicht. „Schon als kleiner Junge wurde Ulrich Opfer des Naziterrors“, sagt Lieberz-Groß, die oft mit Sella telefonierte und sich nach wie vor mit seiner Frau regelmäßig austauscht. „Die Jungen wurden auf dem Schulweg beschimpft und angegriffen, einmal durchsuchte die Gestapo das Kinderheim.“

In der Pogromnacht 1938 machen die Nazis selbst vor dem Heim nicht Halt. Sie werfen die Scheiben ein. Von Verletzten ist aber nichts bekannt. Mutter und Sohn packen daraufhin ihre Sachen und finden sich am Hauptbahnhof ein; von dort aus sollen alle polnischstämmigen Bürger in ihre ursprüngliche Heimat gebracht werden. Polen aber verweigert die Einreise und schließt seine Westgrenze, Stobiecka und seine Mutter müssen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zurück nach Frankfurt. Doch auch dort gibt es keinen sicheren Ort mehr für die jüdische Bevölkerung. Mit Hilfe der Heimleitung gelingt es schließlich, Stobiecka und einige weitere Heimkinder mehrere Wochen später an eine Schule in England zu überweisen.

„Der zentrale Ort für die Kindertransporte war der Frankfurter Hauptbahnhof. Aus ganz Süddeutschland brachten Hilfsorganisationen Tausende Kinder von dort aus ins sichere Ausland“, sagt Lieberz-Groß und deutet auf ein Foto, das die mit Hakenkreuzfahnen behängte Bahnhofshalle zeigt. Die Eltern blieben zurück, denn die Aussicht auf Visa und Ausreisegenehmigung war spätestens nach der Pogromnacht so gut wie aussichtslos.

Viele Kinder erlitten Trauma

„Um die Kinder nicht noch mehr zu belasten, wurde der Anschein einer Ausflugsfahrt erzeugt“, sagt Lieberz-Groß. „Die Eltern kommen bald nach, sagte man ihnen.“ Vom einen auf den anderen Tag wurden die Kinder aus ihren Familien gerissen, die meisten brachten die jüdischen Hilfsorganisationen ins Vereinigte Königreich, wo ihnen die deutsche Sprache oft verboten war. „Viele erlitten ein Trauma“, sagt Lieberz-Groß. Umso bewundernswerter sind nach ihren Worten viele der Biographien. „Anstatt zu jammern, bauten sich die Kinder in den Folgejahren ein neues Leben im Ausland auf, viele gründeten eigene Familien, lernten die neue Sprache und Berufe.“

So wie Ulrich Stobiecka. Zusammen mit einigen Freunden aus dem Frankfurter Kinderheim wird er in Waddesdon, nordwestlich von London, aufgenommen. Er zieht auf ein Anwesen des englischen Zweigs der aus Frankfurt stammenden Familie Rothschild. Das Wohnhaus ist nach den umliegenden Zedern benannt, „cedars“ auf Englisch. Die Clique um Stobiecka gibt sich einen Namen in der neuen Sprache: „The Cedar Boys“.

Till Lieberz-Groß hat das Haus Jahrzehnte später besucht. Die Zedern stehen immer noch dort, die ehemaligen Bewohner sind schon lange nicht mehr da. Stobiecka beginnt mit 14 eine Lehre als Elektriker und zieht kurz darauf nach London. Lange hält es ihn jedoch nicht im Vereinigten Königreich. 1950 wandert er nach Israel aus, lernt Hebräisch und nennt sich fortan Uri Sella. „Er war überzeugt vom neugegründeten Staat Israel. Mit dem neuen Namen nahm er eine neue Identität an. Ich denke, er wollte sich nicht als ewiger Flüchtling fühlen“, meint Lieberz-Groß. Zunächst arbeitet Sella als Elektriker in einem E-Werk in dem Dorf Kfar Daniel, nahe Tel Aviv, Anfang der sechziger Jahre schließt er sich der Zionistenbewegung an. Die schickt ihn abermals nach England, um Mitglieder für ihre Jugendbewegung zu rekrutieren. Dort lernt Sella eine junge Frau namens Chava kennen, die er später heiraten wird.

Hilfe für äthiopische Juden

Ende der siebziger Jahre wird Sella in den Staatsdienst berufen. 1984 zieht er im Regierungsauftrag in den Sudan. Von dort aus soll er helfen, äthiopische Juden während der großen Hungersnot nach Israel zu bringen. Die Rettungsaktion rückt als „Operation Moses“ in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Für Sella ist das nach eigenen Worten ein Höhepunkt seiner Laufbahn. Im Buch wird er sinngemäß so zitiert: „Ich sehe eine enge Verbindung zwischen meiner Flucht als Kind vor den Nazis und der Flucht der Juden aus Äthiopien. Durch die Rettung anderer Juden konnte ich eine Art Kreis schließen.“

Von den „Cedar Boys“ lebt kaum noch jemand. Sellas Tod im vergangenen Jahr kam nach Lieberz-Groß Worten jedoch unerwartet. Zur Einweihung der Gedenktafel, die auch er unterstützte, wollte der gebürtige Frankfurter noch einmal in seine alte Heimat reisen. Doch dieser Wunsch blieb ihm verwehrt.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenJudenIsraelFrankfurter Hauptbahnhof