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Windkraftanlagen-Transport

Mit riesigen Rotorblättern durch enge Dorfstraßen

Von Bernhard Biener
Aktualisiert am 05.12.2019
 - 17:03
Wie ein Kamel durch ein Nadelöhr: Das Rotorblatt in den engen Gassenzur Bildergalerie
Wenn der Fahrer zu Fuß gehen muss: Um Rotorblätter für Windkraftanlagen an ihren Bestimmungsort zu bekommen, ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Die Untertreibung des Jahres: „Fahrzeug schert aus“, steht am Heck des Fahrgestells. Dabei ragt der allergrößte Teil des 60 Meter langen Flügels über das Transportfahrzeug hinaus. Niemals käme das Rotorblatt für eine der sechs Windkraftanlagen, die gerade am Standort Siegfriedeiche bei Grävenwiesbach aufgebaut werden, auf einem normalen Transporter durch die engen Straßen des Ortsteils Heinzenberg. Weshalb die Antwort von Erhard Pint, warum das Kranunternehmen auf ein selbstfahrendes Gestell zurückgreift, lakonisch ausfällt. „Warten Sie, bis wir da sind, dann verstehen Sie’s.“ Pint und seine Kollegen Stefan Kles und Timo Ganter sind die Fahrer. Was in diesem Fall bedeutet, dass sie laufen müssen. Denn das Transportfahrzeug, dessen acht Achsen steuerbar sind, sieht aus wie ein Anhänger und hat keine Kabine. Es verfügt über einen Dieselmotor, so dass es ohne Zugmaschine bewegt werden kann. An diesem Morgen geht Pint mit einer Fernsteuerung vorneweg und dirigiert das Fahrgestell. Er ist dadurch zugleich sein eigener Einweiser, wenn er an die Seite geht und schaut, wie knapp es am Hang ist.

Kles macht den Schlussmann hinter der Flügelspitze und trägt ebenfalls eine Fernsteuerung vor dem Bauch. Damit bedient er eine weitere Spezialität des Gestells: Ein bewegliches Gelenk, an dem der Windradflügel montiert ist. Er liegt beim Transport nicht etwa auf, sondern kann bis zu einem Winkel von 60 Grad aufgerichtet und gedreht werden. „Das ist wie beim Rennen, wir suchen uns die Ideallinie“, sagt Ganter. Start ist auf dem Umladeplatz oberhalb des Orts, wohin die in Niedersachsen gefertigten Komponenten über die Autobahn 661 und die Bundesstraße 456 angeliefert werden. An der Usinger Südumgebung mussten dafür Kreisel zurückgebaut und Straßenlaternen versetzt werden.

Ballett mit 15 Tonnen Stahl

Den direkten Weg durch Usingen und Grävenwiesbach zur Siegfreideiche am äußersten Rand des Hochtaunuskreises können die Transporter nicht nehmen. In Absprache mit den Behörden liefern sie deshalb Rotorblätter, Stahlrohrtürme und Maschinenhäuser auf der Anhöhe vor Heinzenberg ab. Diese werden dort auf das Gestell verladen und einzeln im Schritttempo durch den Ort bugsiert. Immer ein Rotorblatt am Tag – die sechs Anlagen haben 18 davon. Deshalb dauern die in der vorigen Woche begonnenen Transporte bis Mitte Dezember. Kles, der sonst Lastwagen fährt, findet die Aufgabe „interessant, aber auch anstrengend.“ Denn er läuft jeden Tag fast zehn Kilometer bis Weilmünster. Von dort werden die Komponenten mit einer Zugmaschine in schnellerem Tempo über die Bundesstraße 456 zum Windpark gezogen. Allerdings erst in der Nacht nach 22 Uhr, um den Verkehr wenig zu behindern.

Die Fahrt durch Heinzenberg beginnt um 9 Uhr morgens. Wenn das leicht geschwungene Rotorblatt die ersten Häuser passiert, wirkt es wie die übergroße Seitenflosse eines Wals. „Weiter, weiter, weiter“, sagt Kles per Funk zu Frontmann Pint. Dann folgt die erste Schikane. Eine Stromleitung überspannt die Straße, ein kurzes Stück später wieder, dazwischen liegt eine Kurve. Zeit für eine Ballettstunde der 15 Tonnen schweren Primadonna. Kles senkt den Flügel unter der Leitung ab und richtet ihn danach steil auf, um ihn über ein Dach zu heben. Mit einer leichten Drehung geht es zurück in die hohle Gasse, durch die der Schwertransport kommen muss, und unter der nächsten Leitung hindurch.

Heute steuern Pint und Kles das fünfte Rotorblatt für die Siegfriedeiche durch den Ort. In den Wochen davor haben auch die Teile für Anlagen auf dem Stollberg zwischen Weilmünster und Weinbach im benachbarten Kreis Limburg-Weilburg diesen Weg genommen. Weshalb unter der Woche nur noch wenige Heinzenberger das Geschehen verfolgen. Herbert Weber wirft einen kritischen Blick aus dem Fenster, als der Flügel an seinem Haus vorbeirollt. „Nicht, dass bei der Kälte was bricht.“ Wenn das Rotorblatt hochkant über einem Dach steht, kommt einem der Begriff Damoklesschwert in den Sinn. Den Fahrern wird trotz der Routine ständige Konzentration abverlangt. Auch deshalb ist es kein gemütlicher Spaziergang. Der Abzweig nach Weilmünster ist eine steile Strecke mit anschließender Kurve. Dort muss Pint sogar hin und her rangieren, bis die Rotorspitze zwischen einer Leitung und einer Wetterfahne hindurch ist. Dann naht das Ortsende und die freie Strecke.

Die sechs Anlagen des Windparks Siegfriedeiche werden neben den sieben des Windparks Weilrod vorerst die einzigen im Hochtaunuskreis sein. Geplant und gebaut werden sie von der Windwärts Energie GmbH, als Käufer steht die MVV Windenergie Deutschland GmbH fest. Beide gehören zur MVV-Gruppe, deren Buchstaben auf den Ursprung als Mannheimer Versorgungs- und Verkehrsbetriebe hinweisen. Mit einer Leistung von 16,7 Megawatt sollen die 200 Meter hohen Rotoren 40 Millionen Kilowattstunden im Jahr erzeugen. Sie stehen zu beiden Seiten der B 456 im Staatsforst und auf Flächen der Gemeinde Grävenwiesbach. Deren Gemeindevertreter haben nach Worten von Bürgermeister Roland Seel (CDU) schon 2013 mit großer Mehrheit für einen Windpark gestimmt. Es gab aber auch Klagen gegen das Vorhaben. „Bei der Abwägung hat eine Rolle gespielt, dass sie auf einer Vorrangfläche stehen“, sagt Seel. Das schließe weitere Windräder aus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Biener, Bernhard
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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