Auf diesen 1,9 Prozent der hessischen Landesfläche, die in etwa der Größe des Bodensees entspricht, sollen laut den Beschlüssen des Hessischen Energiegesetzes bis zum Jahr 2045 möglichst 28 Terawattstunden Strom pro Jahr erzeugt werden – mehr als durch alle weiteren erneuerbaren Quellen zusammen. Derzeit sind in Hessen 1141 Anlagen im Betrieb, die 2020 bereits knapp fünf Terawattstunden Strom erzeugten. Dies entspricht rund 30 Prozent der Bruttostromerzeugung in ganz Hessen. 

Wie viele zusätzliche Windräder notwendig sind, um das Stromziel pünktlich zu erreichen, hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel der Anlagentechnik. Laut eines TÜV-Gutachtens zur Ermittlung des Windpotenzials in Hessen ließe sich mit einer üblichen 2-Megawatt-Anlage mit einer Höhe von rund 150 Meter an einem Mittelgebirgsstandort mit ausreichender Windleistung ein mittlerer jährlicher Ertrag von 3800 Megawattstunden erzielen. 

Legt man diese Rechnung zu Grunde, wären künftig mindestens sechsmal so viele Anlagen notwendig. Mit modernen, leistungsstärkeren Anlagen, die bei einer Leistung von fünf Megawatt liegen, bräuchte man zwar lediglich doppelt so viele, allerdings sind viele dieser Windräder auch bis zu 250 Meter hoch. Solche Anlagen können nicht an jedem Standort errichtet werden – nicht selten wegen der Abstandsregelungen.

Im Größenvergleich: Der Messeturm in Frankfurt neben einem Windrad
Im Größenvergleich: Der Messeturm in Frankfurt neben einem Windrad Foto: dpa, Illustration: Dana Hajek

Abstandsregelungen sind teilweise Abwägungssache. Es gibt „harte Tabuzonen“, sogenannte Ausschlussflächen, in denen keine Windräder gebaut werden dürfen, zum Beispiel in Siedlungsflächen, Industrie- oder Naturschutzgebieten. Dies geht aus technischen oder rechtlichen Gründen nicht. Anders ist es bei „weichen Tabuzonen“ wie zum Beispiel Wäldern, dem Abstand zu Wohnsiedlungen oder zum Verkehr. Dafür müssen die Planungsämter im Einzelfall konkrete Begründungen liefern. Und dort schlummert meistens das Potenzial für Streit mit weitreichenden Folgen.

Nächste Runde auf dem Weg zum Klimaziel

Um Streit möglichst zu vermeiden, hat die hessische Landesregierung im Jahr 2013 drei Planwerke entworfen, die zentral festlegen, auf welchen Vorranggebieten Windräder stehen dürfen. Darin sind 420 Vorranggebiete ausgewiesen, die sich auf die jeweiligen drei Regierungsbezirke Süd-, Mittel- und Nordhessen verteilen. Außerhalb der Vorranggebiete ist der Bau von Anlagen ausgeschlossen. Dadurch wollen die Planungsbehörden einen Anreiz geben, mit einer aktiven Ausweisung von Vorranggebieten der Windkraft genug Flächen bereitzustellen. Gleichzeitig würden manche Flächen wegfallen, auf denen bereits Windräder stehen. Das sogenannte Repowering, also ältere Anlagen zurückzubauen und diese anschließend mit modernen, meist auch höheren und leistungsfähigeren, auszutauschen, wäre dann oft nicht mehr möglich.    

Erst seit wenigen Jahren werden Vorranggebiete verwendet. Zu Beginn wurde der Windkraftausbau andersherum organisiert: Die Bundesländer machten keine pauschalen Ausschreibungen. Stattdessen suchten sich die Projektierer Erfolg versprechende Flächen selbst, stellten Kontakt zu den Gemeinden her und beantragten daraufhin die Windkraftanlagen. Demnach war eine zentrale Steuerung des Ausbaus kaum umsetzbar, einzelne Anträge konnten sich sehr in die Länge ziehen – und Klagen von Anwohnern oder Umweltschützern konnten rasch vor Gericht scheitern.

Das sollte sich mit den Teilregionalplänen Energie, wie die Planwerke offiziell heißen, ändern. Mehrmals lagen sie öffentlich in den jeweiligen Regierungsbezirken aus. Bürger, Städte und Gemeinden, Verbände, die sogenannten Träger öffentlicher Belange wie etwa der Naturschutzbund, aber auch die Deutsche Flugsicherung konnten zu den definierten Vorranggebieten Stellung nehmen. Eingegangen sind Zehntausende von Stellungnahmen. Diese wurden anschließend alle bewertet und in den Plan eingearbeitet. 

Ein Plan mit Tücken

Die Teilregionalpläne sorgten für heftige politische Debatten – mit dem Ergebnis, dass die zentrale Flächenplanung, die den ganzen Vorgang letztlich vorantreiben sollte, elf Jahre lang überarbeitet wurde. So ergaben sich in den ersten Entwürfen im Jahr 2013 noch 2,7 Prozent an Fläche für die Windenergie in Hessen. Danach reduzierte sich die Fläche auf 2,1 Prozent im Jahr 2016, auf 1,9 Prozent drei Jahre später. Dies ist der aktuelle Stand.     

Doch die Vorbehalte der Bevölkerung bleiben. Vielerorts sind Menschen mit den Vorranggebieten der Teilregionalpläne nicht zufrieden. Immer wieder kommt es zu Protesten – meistens von Anwohnern, Naturschutzverbänden und Tierschützern. Viele von ihnen wehren sich juristisch, nicht selten mit Erfolg. Die Ursache, für die immer wieder erfolgreichen Klagen liegt auch in Fehlern, die auf die Genehmigungen der Behörden zurückzuführen sind. So stoßen zum Beispiel manche Versuche, schnellstmöglich zu rechtlich einwandfreien Genehmigungen in Hessen zu gelangen, öfters an natürliche Grenzen des Arten- und Naturschutzes. Städte- und Gemeindevertreter äußern deshalb ihre Bedenken, ob das Vorhaben, 1,9 Prozent für die Windkraft auszuweisen, überhaupt verwirklicht werden kann. 

Zwischen der Planung der Bundesländer, den Anträgen der Projektierer und der tatsächlichen Inbetriebnahme neuer Windkraftanlagen liegen eben noch einige weitere Stolpersteine im Energiewendeland: Bürger, Kommunalpolitiker und Fachbehörden. Wie viele von ihnen am Ende Belange formulieren, die gegen die Errichtung eines bestimmten Windrads sprechen, ist während der Planung schwer absehbar. Das lässt erahnen, warum vom Antrag bis zur Errichtung eines Windrads durchaus ein Jahrzehnt vergehen kann.

Trotz strenger Vorgaben hat Hessen das von der Bundesregierung geforderte Zwei-Prozent-Flächenziel für die Windkraft nahezu erreicht. Neben Schleswig-Holstein ist es demnach das einzige Bundesland, welches sein gesetztes Ziel schon weitestgehend erfüllt, auch wenn in dem jüngst vorgelegten Entwurf vom „Wind-an-Land-Gesetz“ dem Bundesland das rechtsverbindliche neue Ziel auf 2,2 Prozent angehoben wurde. 

Natürlich ist so eine Flächenausweisung nur die erste notwendige Maßnahme, die noch nicht sagt, wie viele Windkraftanlagen dort zuletzt errichtet werden. Aktuell sind in Deutschland 0,8 Prozent der Fläche rechtskräftig für die Windkraft ausgewiesen. Von der damals ausgewiesenen Fläche waren im Jahr 2017 etwa 42 Prozent frei. Wenn die Landesregierung also tatsächlich Windenergieanlagen auf 2,2 Prozent der hessischen Fläche wollte, um den künftigen Energiebedarf zu decken, müsste sie eigentlich noch deutlich mehr Fläche ausweisen. 

Ob das geht, hängt zum Beispiel auch davon ab, ob das Repowering alter Windkraftanlagen umgesetzt wird, die abseits von Vorrangebieten stehen. Eigentlich kann es kaum im Interesse der Bundesregierung liegen, zuerst ältere Windkraftanlagen außerhalb der Vorranggebiete zurückzubauen, um anschließend woanders neue zu errichten. Doch der Landesentwicklungsplan in Hessen sieht vor, dass ausschließlich solche Anlagen künftig repowert werden dürfen, die innerhalb der Vorranggebiete stehen.  

Zudem stellt sich die Frage, ob die für die Windkraft verfügbaren Flächen durch die pauschalen Mindestabstände von 1000 Metern zu Wohnsiedlungen zu stark sinken. Nach unseren Berechnungen ergäben sich rund 60 Prozent mehr Potenzialflächen, würde die Landesregierung den Mindestabstand auf 750 Meter reduzieren. Die jüngsten Pläne des Bundes könnten die Diskussionen über die Mindestabstände aber ohnehin obsolet machen. Denn das „Wind-an-Land-Gesetz“ soll erwirken, dass Abstandsregelungen ausschließlich dann gestattet sind, wenn das betreffende Bundesland seine Flächenvorgaben für die Windenergie erfüllt.

Für viele Bürger ist laut Umfragen unumstritten, dass wir erneuerbare Energien benötigen, um künftig unseren Energiebedarf zu decken. Vor der eigenen Haustür will aber kaum jemand ein Windrad stehen sehen, genauso wenig wie im Wald nebenan. Es sei denn, die Menschen vor Ort können die Vorteile eines Windenergieprojektes selbst erfahren – sei es durch finanzielle Beteiligung oder regionale Wertschöpfung. Das steigert ihre Akzeptanz. Deshalb ist wichtig, die Bürger mitzunehmen, um ihre Ängste abzubauen. Wie die Zukunft dieses Bundeslandes aussieht, entscheidet sich nicht auch zuletzt daran, wie weit sich der Widerstand gegen die Windkraft in jedem einzelnen Bundesland befrieden lässt. Platz für die Windkraft ist schließlich da, wenn dies gewollt ist.

An welchen Orten werden sich künftig besonders viele Windräder drehen? Und wo könnte in Ihrer Nähe das Nächste stehen? Finden Sie es heraus – mit unserer interaktiven Karte.

Interaktive Karte
Wo könnte in Ihrer Nähe das nächste Windrad stehen?

Konzept, Visualisierung, Programmierung Jens Giesel
Text, Recherche Dana Hajek, Oliver Schlömer
Datenanalyse Jens Giesel, Oliver Schlömer
Unterstützende Mitarbeit Julia Bellan


Methodik

Die Windpotentialflächen wurden auf Basis öffentlich verfügbarer Daten berechnet. Dabei wurden zunächst Gebiete in Hessen mit ausreichender Windleistung und moderater Hangneigung ermittelt. Anschließend wurden eine Reihe von Ausschlussgebieten subtrahiert, darunter Siedlungsgebiete, Straßen und Schienenwege, Flughäfen, Drehfunkfeuer, Wetterradare, Naturschutzgebiete und Trinkwasserschutzgebiete. Die übrig bleibenden Potentialflächen erfüllen die Grundvoraussetzungen für die Windkraft-Nutzung. Bei der konkreten Festlegung von Flächen wären genauere Flächenanalysen notwendig. Zu berücksichtigen wären dabei unter anderem Besitzfragen, militärische Beschränkungen, das lokale Vorkommen seltener Tierarten, Denkmal- und Landschaftsschutz, oder auch die Vermeidung der vollständigen Umzingelung von Siedlungen mit Windkraftanlagen.



Datenquellen

Vorrangflächen für Windenergie Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen (Regionalpläne Nord-, Mittel-, und Südhessen, TPEE 2019)
Siedlungsflächen DLM250, OpenStreetmap
Straßen, Schienen (Puffer: 100m, 250m) DLM250
Flughäfen, Landeplätze (Puffer: 5000m, 2000m) DLM250
Drehfunkfeuer, Wetterradare (Puffer: 3000m, 5000m) Deutsche Flugsicherung, Deutscher Wetterdienst
Naturschutzgebiete, Nationalpark „Kellerwald-Edersee“, Vogelschutzgebiete, Fauna-Flora-Habitat-Gebiete (FFH-Gebiete) Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HLNUG)
Trinkwasserschutzgebiete (Zonen I und II) HLNUG
Windleistung (>200 Watt/m²) Eigene Berechnung auf Basis von Daten zur Windgeschwindigkeit von Global Windatlas
Hangneigung (> 15 Grad) Eigene Berechnung auf Basis des DGM200
Windkraftanlagen HLNUG

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