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Börse in Frankfurt

Wird bald das ganze Leben handelbar?

Von Daniel Mohr
 - 13:46
Die Börse in Frankfurt hat eine jahrhundertelange Tradition. Was dort künftig alles gehandelt werden könnte, ist schier unvorstellbar.zur Bildergalerie

Die grandiose Lebensleistung der Frankfurter Börse ist es, vielen Menschen das Leben ungeheuer erleichtert zu haben. Das ging schon im Mittelalter los, als Händler aus aller Herren Ländern zur Frühjahrs- und zur Herbstmesse nach Frankfurt kamen. Im Gepäck Fässer voll Münzgeld. Gulden, Taler, Mark, Franc und viele anderen Währungen trafen aufeinander. Und jeder war sich irgendwie unsicher, was seine Münzen in all den andere Währungen überhaupt wert waren – eine ziemlich unübersichtliche Angelegenheit, die 1585 mit der Festlegung einheitlicher Wechselkurse durch Frankfurter Kaufleute einer gewissen Transparenz wich und Wucher erschwerte. Dank der herausragenden Bedeutung als Messestandort in der Mitte Europas war in Frankfurt eine ebensolch international bedeutsame Börse entstanden.

Das ist sie bis heute geblieben. Seit 200 Jahren werden Aktien in Frankfurt gehandelt. Seither kann jeder Geldgeber fortlaufend sehen, was seine Anteile wert sind. Und er kann sie an andere Anleger weiterverkaufen. Anfangs mussten solche Transaktionen noch in bar vor Ort bezahlt werden. Etwas umständlich, angesichts recht großer Summen, die dort säckeweise in Silbermünzen herangeschleppt werden mussten. Frankfurt gehörte 1853 zu den ersten Börsen, die hier mit ihrer „Vereins-Kasse“ für deutlich kundenfreundlichere Verwahrlösungen für Geld und Wertpapiere sorgte. Das digitale Zeitalter läutete die Frankfurter Börse im Jahr 1969 ein. Seither können Börsentransaktionen elektronisch erfasst und verarbeitet werden. Später kam das computergestützte Kursinformationssystem Kiss, das 1997 durch das erste vollelektronische Handelssystem Xetra abgelöst wurde. Die Deutsche Terminbörse ging später in der ersten grenzüberschreitenden Terminbörse der Welt auf, der Eurex, der noch heute größten europäischen Terminbörse.

Am Kern der Börse hat sich in all den Jahrhunderten nichts geändert. Es ist ein zentraler Marktplatz, an dem Preise für Währungen und Wertpapiere ermittelt werden. Und nach dem Handel wird für eine zuverlässige Abwicklung der Transaktion gesorgt – jeder bekommt seine Ware und sein Geld. Und die Wertpapiere werden verwahrt. Derzeit lagern bei der Börse Papiere im Wert von 14 Billionen Euro.

Geschwindigkeit und Handelsvolumen haben sich in den Jahrhunderten vervielfacht, aber der Kern ist geblieben. Aber bleibt das auch künftig so? Jens Hachmeister ist fest davon überzeugt. Er ist bei der Deutschen Börse für Crypto Assets und New Market Structures zuständig, also kurzum der Mann für die Zukunftsthemen. „Die Funktionen der Börse werden auch in ferner Zukunft noch gebraucht“, sagt er: „Wir organisieren Märkte, definieren Standards, lassen Instrumente zum Handel zu, organisieren den Ablauf und achten auf die Regeleinhaltung.“ Hachmeister geht aber nicht nur von einem Fortbestand der Börse aus, er glaubt: Künftig wird es viel mehr handelbare Vermögenswerte geben. „Der Großteil der Vermögenswerte auf der Welt ist bisher noch gar nicht liquide handelbar.“ Immobilien, Grundstücke, Patente und Straßen sind nicht börsennotiert, ihnen fehlt die Teilbarkeit in viele kleine Einzelstücke – so wie Aktien die Unternehmen in ganz viele kleine Einzelstücke zerlegen.

Genau das kann sich ändern. „Alles könnte in ein digitales Asset verwandelt werden, das sich leicht teilen und übertragen lässt“, sagt Hachmeister und nennt ein verblüffendes Beispiel: „Auch immaterielle Dinge wie die eigene Arbeitszeit.“ Also eine Jobbörse an der Börse? Denkbar ist vieles. „Wir sehen gerade wichtige regulatorische Initiativen“, sagt Hachmeister.

Für die Finanzindustrie besonders relevant ist die Frage, wie digitale Vermögenswerte wie etwa Kryptowährungen künftig regulatorisch klassifiziert werden. Auch der Vorschlag, elektronische Wertpapiere künftig ohne Papierurkunde im deutschen Gesetz bis Ende des Jahres zu verankern, gilt als wichtiger Schritt, um die Digitalisierung der Finanzmärkte voranzutreiben. Um Finanzstabilität sicherzustellen, sollen diese digitalen Vermögenswerte künftig den gleichen Standards unterliegen wie herkömmliche Vermögenswerte. „Damit wäre es ab dem kommenden Jahr möglich, in Deutschland digitale Vermögenswerte in einem regulatorisch sicheren Umfeld zu begeben, zu handeln und zu verwahren“, kommentiert Hachmeister. An entsprechender Finanzinfrastruktur dafür arbeitet die Börse. „Deutschland würde damit im internationalen Vergleich aufholen und sich in eine sehr gute Ausgangsposition bringen.“

Bisher gelten Länder wie Singapur und die Schweiz als Vorbilder. In der Schweiz ist die Deutsche Börse im Frühjahr auch eine Kooperation mit den Unternehmen Sygnum und Swissom eingegangen, um in ersten Versuchen Verwahrlösungen für digitale Vermögenswerte zu schaffen und die schnellere und direktere Übertragbarkeit von Aktien auszutesten. Bisher dauert das mindestens zwei Tage.

Am konkretesten an der Zukunft bastelt die Deutsche Börse aber in einem anderen Projekt. Es heißt HQLAX. 14 Teilnehmer sind bisher dabei, große europäische Banken. Für sie soll es künftig einfacher werden, Sicherheiten zu übertragen, also Wertpapiere, die sie vorhalten müssen, um bestimmte Geschäfte machen zu können. Bisher befinden sich diese Wertpapiere meist in zentralen Verwahrstellen wie Clearstream oder Euroclear. Sie liegen da aber wenig beweglich herum. Innerhalb eines Tages ist eine Mobilisierung selten möglich und auch innerhalb von zwei Tagen oft schwierig. „Wir schaffen Token, die diese Sicherheiten repräsentieren“, sagt Hachmeister. Diese digitalen Token können nur einen Bruchteil der Wertpapiere repräsentieren und mittels der von Fachleuten als Distributed-Ledger bezeichneten Technologie (DLT) schneller übertragen werden.

Dafür ist ein Treuhänder vorgesehen, eine Tochtergesellschaft der Börse, über den die Token bewegt werden können. An diesen Treuhänder sind alle anderen Verwahrstellen angeschlossen und können viel direkter mit ihm interagieren, als wenn Wertpapiere wie bisher zwischen verschiedenen Verwahrstellen übertragen werden müssen. Mit der neuen Zentralfunktion der Börse würde die Übertragung der Sicherheiten mittels der sie repräsentierenden Token viel passgenauer den Bedürfnissen der Banken entsprechen. „Die Marktteilnehmer mögen die Lösung“, sagt Hachmeister. Mit dem zuständigen Regulator in Luxemburg sei alles abgestimmt.

Im vierten Quartal soll HQLAX an den Start gehen. Für Hachmeister ist es ein ideales Beispiel. Denn durch Token könnten auch Brücken, Straßen, Immobilien, Grundstücke, Gemälde, Arbeitszeit oder Patente in viele kleine handelbare Stücke geteilt und unmittelbar übertragen werden. Das wäre kein Vergleich mit der bisherigen langwierigen Aktion etwa beim Kauf einer Immobilie inklusive Notar und Grundbuchamt. Entscheidend ist dabei natürlich, dass der Rahmen rechtssicher ist und alle Handelnden dem Mittler und Verwahrer Vertrauen entgegenbringen. Die Börse sieht sich da in einer hervorragenden Ausgangsposition. Als zentrale Marktinfrastruktur hat sie sich in mehr als 400 Jahren bewährt. Das kann Facebook mit seinen Krypto-währungsplänen noch nicht vorweisen.

Quelle: F.A.S.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.
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