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Hessische Biotech-Firma entwickelt alternative Gen-Schere

Von Falk Heunemann
03.08.2021
, 18:00
Alternative Gen-Schere: Anhand der Rotfärbung auf der Kulturplatte erkennt die Brain-Mitarbeiterin, ob die Genom-Editierung erfolgreich war.
Auf dem Milliardenmarkt der revolutionären Gentechnik CRISPR/Cas mischt nun der Enzymspezialist Brain Biotech mit. Dass die Gen-Schere funktioniert, konnte das Unternehmen mit Hilfe eines Schimmelpilzes aus dem Badezimmer nachweisen.
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Ein trüber Tümpel am Wegesrand. Ein Waldteich. Ein Weiher in Köln. Stehende, stinkende Gewässer, voller Algen, Schlingpflanzen und mysteriöser Luftblasen, die aufsteigen und auf der Oberfläche zerplatzen – ist hier die Zukunft der Genforschung zu finden? Michael Krohn glaubt es jedenfalls. Von rund 30 solcher Gewässer, die er Habitate nennt, haben er und seine Forscherkollegen vom Zwingenberger Biotech-Unternehmen Brain jeweils rund 20 Liter abgeschöpft. „Wir wollten sogar das Wasser aus Zooaquarien haben, das fanden die Tierpfleger aber gar nicht komisch“, erzählt Krohn.

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Der Forschungschef bei Brain und sein Team suchen nach Phagen, Viren also, die Bakterien infizieren. Und in solchen Tümpeln kommt das besonders häufig vor. Schwierig ist diese Suche nicht gerade, in einem Liter Tümpelwasser, erklärt Krohn, lassen sich durchaus zehn Milliarden Phagen finden. Die Genome von Bakterien aus diesen Habitaten haben die Brain-Forscher analysiert, sequenziert, am Ende hatten sie 100 Millionen Gene erfasst, ein Datenvolumen von zwei Terabyte. Ausgedruckt ergäbe das fünf Millionen Bücher.

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Was CRISPR kann - und was erlaubt ist

Die Sichelzellenanämie, eine Form der Blutarmut, könnte laut Forschern zu den ersten Krankheiten gehören, die sich mit der CRISPR/Cas-Technologie behandeln ließen. Der Grund: Diese Krankheit wird durch den Defekt eines einzelnen Gens verursacht, dieser könnte also leicht identifiziert und repariert werden. Deutlich schwieriger dagegen dürfte auch mit der Genschere eine Genmanipulaton bei Krankheiten werden, die mehrere Ursachen haben. Auch die Furcht vor sogenannten Designerbabys, denen gewünschte Eigenschaften eingepflanzt werden, dürfte derzeit verfrüht sein. Die menschliche DNA ist erheblich verwickelter als das Erbgut von Bakterien und Viren, darum ist es sehr schwierig für die Enzyme, an die gewünschte Stelle überhaupt vorzudringen. In Europa gelten alle Veränderungen mit Hilfe der Genschere nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2018 als Gentechnik. Die Produkte müssen darum ein aufwendiges Zulassungsverfahren durchlaufen und gekennzeichnet werden. Gentechnik-Kritiker haben das Urteil gelobt und vor unvorhersehbaren Folgen von DNA-Eingriffen gewarnt. CRISPR-Befürworter argumentieren, dass die Genschere, bei der einzelne Gene deaktiviert werden können, deutlich sicherer sei als radioaktive Strahlung oder genverändernde Chemikalien, für die weniger Auflagen gelten. Bei der Genschere, so Wissenschaftler, passiere in der DNA nichts anderes als bei einer normalen Züchtung, die Genveränderung sei mit CRISPR/Cas9 nur schneller und weniger zufällig.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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