Digitalisierung in Betrieben

Als erste müssen die Dozenten online gehen

Von Inga Janović
08.01.2021
, 06:08
Die Corona-Krise gibt Gelegenheit, die Belegschaft von Unternehmen für die Digitalisierung zu schulen. Davor müssen die Anbieter von Fort- und Weiterbildung die Transformation meistern.

In den vergangenen Monaten hat jeder viel dazugelernt, auch diejenigen, die sonst anderen die Lektionen erteilen. Claus Kapelke, Vorsitzender des Vereins Weiterbildung Hessen, kann den Zuwachs in Zahlen fassen: Zwischen 15.000 bis 16.000 Angebote für berufliche, kulturelle oder politische Fort- und Weiterbildung versammelt die Bildungsdatenbank, die der Verein betreibt.

Wer 2019 darin stöberte, konnte ganze 177 Online-Kurse finden. Im Mai 2020 waren es bereits 3450 Angebote, die via Internet funktionieren sollten, im November dann 5839. Wenn Branchen gerade einen Digitalisierungsschub erleben, dann gehören die Bildungsanbieter dazu. Dabei hatte der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft noch 2018 über sie geschrieben, dass “digitale Lernangebote höchst selten genutzt“ würden. Dagegen stellte der Wuppertaler Kreis, ein Zusammenschluss bundesweit führender Anbieter von beruflicher Fort- und Weiterbildung, gegen Ende des Jahres 2020 fest: „Die Pandemie ist ein Turbo für die Digitalisierung der Weiterbildung.“

Einstieg in die Online-Welt

Plötzlich waren die Internetlektionen die Rettung. Denn mit dem ersten Lockdown im März wurden auch Managerseminare, Meisterkurse, Mitarbeiterschulungen und Sprachklassen geschlossen. Claus Kapelke, der im Hauptberuf die Landesfachschule des Kfz-Gewerbes Hessens leitet, erinnert sich gut: 45 Kurse musste er absagen, rund 500 Teilnehmer, vom Azubi bis zum angehenden Meister, durften nicht mehr kommen.

Für die Lehrlinge fielen die überbetrieblichen Teile ihrer Ausbildung für einige Wochen aus. Erst über den Sommer konnten sie in Kleingruppen und mit gestrafftem Programm nachgeholt werden. Autoschrauben kann man eben nicht am Bildschirm lernen, weswegen hier wie generell in der Berufsausbildung alle Beteiligten bemüht sind, sichere Präsenzkurse zu ermöglichen.

Etliches aus den Meisterkursen lässt sich hingegen ohne Zusammenkunft in der Werkstatt vermitteln. „Zuerst haben wir den Teilnehmern schriftliche Unterlagen nach Hause geschickt, dann haben wir angefangen, mit unseren Trainern Videos zu drehen, und am 7. April gab es bei uns die erste Live-Vorlesung via Zoom“, berichtet Kapelke. Und auch wenn mancher Fast-Meister gemurrt habe oder sogar mit einem Anwalt versuchte, den gebuchten Präsenzunterricht einzufordern - bei den Prüfungen im Sommer "waren die Ergebnisse sogar etwas besser als 2019", wie Kapelke sagt.

Ihm ist der Stolz anzumerken, dass seiner Einrichtung der Einstieg in die Online-Welt gelungen ist. „Das war viel, viel Aufwand, aber es hat uns weit nach vorne gebracht.“ Ein Satz, den wohl die meisten der gut 300 Mitglieder des Vereins Weiterbildung Hessen so unterschreiben würden. Mit einer Einschränkung, die auch andere Branchen kennen: Noch können die Einkünfte aus den Digitalangeboten die Ausfälle bei den Präsenzseminaren nicht auffangen.

Persönlich kommt keiner mehr

In einer Umfrage erklärte zuletzt jeder zweite Anbieter, dass sein Umsatz um mindestens 25 Prozent gesunken ist, jedes fünfte Unternehmen berichtete von Liquiditätsengpässen. Knapp die Hälfte hat Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, nicht benannt, aber hoch ist die Zahl freiberuflicher Ausbilder, die ohne Aufträge und Einkommen dastehen.

Der Wuppertaler Kreis, zu dem unter anderem das Weiterbildungswerk der Hessischen Wirtschaft, der Ausbildungsträger Provadis, die Akademie der Deutschen Genossenschaften, DB Training und die Frankfurt School of Finance and Management gehören, prognostiziert für 2020 ebenfalls "erhebliche Umsatzeinbrüche" von etwa einem Drittel. Seine 50 Mitglieder hatten im Jahr 2019 zusammen knapp einhunderttausend Seminare für 1,35 Millionen Teilnehmer angeboten. Der Jahresumsatz betrug 1,47 Milliarden Euro. 2020 waren es die Hauptumsatzbringer, nämlich Seminare und Inhouse-Schulungen für Unternehmen, die wegbrachen.

Trotzdem begreift die Mehrheit der Branche die Krise als Neuanfang. „Zwei Drittel der hessischen Bildungsanbieter sehen in der aktuellen Krise auch eine Chance, insbesondere zur Entwicklung neuer, digitaler Lernformate“, berichtet Weiterbildung Hessen aus der Mitgliederbefragung von Anfang November. „Inzwischen verfügen 80 Prozent der Einrichtungen über E-Learning-Angebote. Vor zwei Jahren waren es in Hessen gerade einmal 40 Prozent“, ergänzt Kapelke.

Matthias Rust, Leiter der Abteilung Koordination und Strategie im Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft, sieht die Chancen nicht nur auf der Anbieterseite. „Wir hatten in den vergangenen Jahren eine so starke Konjunktur, dass alle Kräfte der Unternehmen in der Produktion gebunden waren.“ Da sei gar keine Zeit geblieben, um die Kompetenzen der Belegschaft für das Zeitalter von Industrie 4.0 aufzubauen. In anderen Ländern sei man weiter, der Nachholbedarf in Sachen Produktion und Digitalisierung hätte für den Wirtschaftsstandort Deutschland leicht zum Wettbewerbsnachteil geraten können, fährt Rust fort. „Jetzt bietet die Krise die Chance, die Transformation anzugehen.“

Dafür bekommen die Unternehmen auch aus der Politik einen Anschub. Ein in Berlin beschlossenes Gesetz mit dem blumigen Namen „Arbeit von morgen“ sieht vor, dass die Corona-Hilfen auch in die berufliche Weiterbildung fließen und Unternehmen so angeregt werden, die Phase der Kurzarbeit zu nutzen, um sich und ihre Belegschaft für den digitalen Wandel aufzustellen. In dieser Entwicklung sehen nicht nur die Mitglieder des Wuppertaler Kreises ihren Ausweg aus der Krise: „Die Veränderungen betreffen nahezu alle Geschäftsprozesse und führen zu einem hohen Qualifizierungs- und Weiterbildungsbedarf.“

Lektionen am Küchentisch

Trotzdem haben nicht wenige Unternehmen ihre Weiterbildungsbudgets vorerst gekürzt. Andere dagegen sehen die Wissenslücken, seit dem Einbruch im Frühjahr geht die Nachfrage nach Fort-und Weiterbildung wieder hoch. Spezifisches Fachwissen ist gefragt, aber die Plattform Managerseminare.de wusste schon im Sommer von Topthemen zu berichten, in denen sich der neue Corona-Alltag gut widerspiegelt: Wissen zum Führen auf Distanz, zu Krisenbewältigung, Agilität, Kulturentwicklung und New Work, aber auch Entlassungen standen der Umfrage zufolge oben auf der Bestellliste.

Verabreicht werden die Lektionen nun oft in kleinen Häppchen. Microlearning heißt der Trend, sich nicht tagelang in Schulungen, wohl aber mal ein, zwei Stunden vor den Bildschirm zu setzen, um Neues zu lernen. Gerne dann, wenn es einem selbst passt, nicht wenn andere den Termin setzen. „Das hat so mancher für sich entdeckt, dass er sich mittags oder abends am Küchentisch noch ein Webinar anschaut“, hat Kapelke beobachtet. Auch in seiner Schule ist es nun Standard, Teilnehmern vor dem Beginn von Präsenzkursen kurze Webinars zur Verfügung zu stellen, damit dann alle mit einem etwa gleichen Wissenstand loslegen können. Das Lehrmaterial liefert ein Verlag.

Die neuen Lerngewohnheiten eröffnen den Anbietern zusätzliche Angebotsformate, macht ihre Arbeit aber auch technikorientierter als bislang, bestätigt die Analyse des Wuppertaler Kreises. Softwareanbieter sind die neuen Partner der Lehrenden. Digitale Wissensplattformen mit bedarfsgerechten Angeboten seien ein wichtiges Modell der Zukunft, denn vor allem in der betrieblichen Weiterbildung würden digitale Formate das klassische Seminar weitgehend ablösen, heißt es dort.

Quelle: F.A.Z.-Metropol
Autorenporträt / Janovic, Inga
Inga Janović
Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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