Durch Corona

Baulust bei den Hessen

Von Robert Maus
21.11.2020
, 17:21
Bad, Küche oder Pool – die Hessen investieren ihr Urlaubs-Budget in die eigenen vier Wände. Bei vielen Handwerksbetrieben brummt das Geschäft.

Der Gemütszustand des Limburgers schwankte irgendwo zwischen Unglauben und Resignation, als ihm ein Dachdecker jüngst erklärte, dass man sich frühestens im Sommer nächsten Jahres um sein Dach kümmern könne. Das prallgefüllte Auftragsbuch dieses Betriebs aber ist offenbar kein Einzelfall, Hessens Handwerker haben trotz der Corona-Krise richtig viel zu tun, insbesondere im Baugewerbe brummt das Geschäft.

„Wir haben noch nie so viele Anfragen für Erdarbeiten gehabt, weil sich Kunden einen Pool im Garten bauen lassen wollen, wie in diesem Jahr“, antwortet Goran Ilic, geschäftsführender Gesellschafter des Wiesbadener Bauunternehmens Gebrüder Schmidt und Söhne, auf die Frage, wie sich bei ihm die Auftragslage angesichts der Krise darstellt. Die Pandemie, so erläutert der Ingenieur, habe überhaupt keine negativen Auswirkungen auf sein Geschäft, man sei von Auftragseinbußen bislang vollkommen verschont geblieben. 14 gewerbliche Mitarbeiter sowie vier Auszubildende beschäftigt Ilic und macht sich derzeit keine Gedanken darüber, ob sich die Geschäftslage im nächsten Jahr eintrüben könnte. „Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, es läuft nach wie vor gut“, stellt er klar.

Dieser Aussage schließt sich Wolfgang Christ, einer der beiden Geschäftsführer von Christ & Holtmann, Werkstätte für Innenausbau, an. „Im Moment sieht das alles sehr gut aus“, sagt er. Die Werkstatt, die so gut wie alle Bereiche von Wohnen und Leben in ihrem Portfolio führt, hat schon reichlich Aufträge für die nächsten acht Wochen und fast ausschließlich Privatpersonen als Kunden. „Wir hören oft, dass unsere Kunden sagen, wenn wir schon nicht in den Urlaub fahren, dann lassen wir wenigstens die Küche neu machen“, erzählt der Ingenieur und Schreinermeister.

Mehr Wohnqualität im Home Office

Das gesparte Urlaubsgeld sei aber nicht der einzige Grund für die gute Auftragslage. Viele Kunden würden auch deshalb in ihren Wohnungen Umbauten vornehmen lassen, weil derzeit beide Elternteile ihre Büroarbeit zu Hause erledigen müssen. „Da braucht man manchmal mehr Platz oder will beispielsweise einen Raum separieren lassen, in dem man dann in Ruhe arbeiten kann“, sagt Christ. Zudem lässt sich eine Baustelle leichter beaufsichtigen. Allerdings zeigt die Pandemie auch andere Auswirkungen: Es gebe auch einstmals gute Kunden, die sich jetzt mit Aufträgen eher zurückhielten, wie beispielsweise Flugkapitäne der Lufthansa. „Das ist wohl das erste Mal, dass sich diese Berufsgruppe Gedanken um die Zukunft macht“, schildert der Unternehmer seine Eindrücke. Anzeichen, dass sich die positive Geschäftsentwicklung für seinen Betrieb eintrüben könne, sieht Christ aber zurzeit nicht.

Die überraschend gute Auftragslage vieler Handwerker bestätigt auch der Hessische Handwerkskammertag. „Unsere Mitgliedsunternehmen haben derzeit einen Auftragsbestand von etwa acht Wochen, das ist schon recht gut“, sagt Bernhard Mundschenk, Geschäftsführer der Dachorganisation. Beim Innenausbau und dem Bauhauptgewerbe sei der Bestand an vorhandenen Aufträgen mit einer Vorlaufzeit von etwa zwölf Wochen sogar noch höher.

Laut Mundschenk verstärken sich hier mehrere Trends. So hätten viele Hessen freie finanzielle Kapazitäten, weil sie weder im Urlaub waren noch Veranstaltungen besucht haben. Zudem würden energetische Sanierungen vom Staat gefördert, und aufgrund des historisch niedrigen Zinsniveaus könne man größere Sanierungen bei Bedarf günstig finanzieren. „Viele Menschen investieren in das eigene Haus. Wohlhabende Kunden haben sich im Sommer beispielsweise Schwimmbäder in ihre Gärten bauen lassen“, weiß Mundschenk zu berichten und bestätigt damit die Aussage von Schmidt-und-Söhne-Chef Ilic. Insbesondere Tischler, Schreiner, Zimmerer, Dachdecker, Gas-Wasser-Installateure und viele andere Handwerker seien „sehr gut ausgelastet“. Die gesamte Auslastung bei Unternehmen des Bauhauptgewerbes beziffert Mundschenk mit fast 88 Prozent, bei Unternehmen des Ausbaugewerbes mit immer noch 85 Prozent.

Gute Auftragslage dank Privatpersonen

Mundschenk weist aber auch darauf hin, dass vor allem Handwerksbetriebe in der Krise florierten, die mehrheitlich Privatpersonen als Kunden hätten. Handwerksunternehmen, die überwiegend als Zulieferer für die Industrie oder etwa im Messebau tätig waren, hätten es derzeit nicht so leicht. Auch bei den Straßenbauern, deren Aufträge im Regelfall von den Kommunen kommen, überwiege jetzt die Sorge vor dem nächsten Jahr. „Gut, dass das Land die Kommunen in der Krise so gut unterstützt“, sagt Mundschenk und äußert die Hoffnung, dass die Städte und Gemeinden ihre Investitionen in die Infrastruktur nicht krisenbedingt zurückfahren.

Wie unterschiedlich die Situation in den einzelnen Branchen ist, demonstriert auch der jüngste Konjunkturbericht der Hessischen Handwerkskammern. Im Oktober berichteten demnach 42 Prozent der Betriebe von einer guten Geschäftslage, weitere 38 Prozent bezeichneten diese als zufriedenstellend und für jeden fünften Betrieb lief es schlecht.

Richtig gut läuft es beispielsweise bei Philipp Abraham vom gleichnamigen Malerbetrieb in Wiesbaden. „Das ist ein gutes Jahr“, sagt Malermeister Abraham und fügt an: „Trotz des zweiten Lockdowns haben wir nicht das Gefühl, dass unsere Kunden wirtschaftliche Ängste haben. Wir haben coronabedingt keine Umsatzeinbrüche.“ 22 Mitarbeiter beschäftigt er in seinem Unternehmen und bietet als Besonderheit an, alle Dienstleistungen rund um das Haus aus einer Hand zu organisieren. Das komme bei den Kunden gut an, denn insbesondere bei Elektrikern und Installateuren brumme das Geschäft und ohne ein gutes Netzwerk drohe manch einem Hausbesitzer eine Absage nach der anderen, weiß Abraham zu berichten. Auch er kennt die Erzählungen von Bauherren, die ein halbes Jahr auf einen Handwerker warten mussten.

Quelle: F.A.Z.
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