Euro Finance Week

Die Finanzbranche vollzieht die Wende

Von Inga Janović
16.11.2021
, 12:27
 Christian Sewing hatte im Kap Europa 150 Zuhörer, weitere 700 waren online dabei.
Die Leitfarbe der Euro Finance Week ist Grün. Die Banken wollen eine entscheidende Rolle in der Klimawende spielen – und setzen dafür auf alte Stärken. Noch fehlt es an einheitlichen Regeln für alle.
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Vier Begriffe und eine Redewendung sind es, die zum Auftakt der diesjährigen Euro Finance Week häufig fallen und damit schnell klarmachen, worum sich das einwöchige Treffen der Finanzbranche in Frankfurt drehen wird: Mit den Schlagworten Bankenunion, Kapitalmarktunion, Digitalisierung sowie Nachhaltigkeit beziehungsweise Green Finance sind die wichtigsten Ziele und Trends benannt. Und mit dem Ausspruch „Die Banken sind diesmal nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung“ beschreibt nicht nur der Vorstandvorsitzende der Deutschen Bank die Rolle, in der sich die Branche angesichts der Umstrukturierungen hin zum digitalisierten und klimaneutralen Wirtschaften sieht – und unbedingt von der Öffentlichkeit wieder gesehen werden möchte.

Die Finanzinstitute, so formuliert es Christian Sewing, der auch als Präsident des Bundesverbands deutscher Banken auftritt, müssten ihre Kunden als „Berater und Risikomanager durch die Transformation führen“. Das allerdings gelinge nicht mit standardisierten, digitalen Finanzprodukten, stattdessen verlange die Kundschaft nach der klassischen Dienstleistung, die so viele schon totgesagt hatten: „Wir erleben eine Renaissance der guten alten Bankberatung.“

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Gewinne mehrheitlich gesteigert

Sewing zeichnet ein in Grundzügen positives, aber auch herausforderndes Umfeld für die deutsche Wirtschaft und die eigene Branche, wobei die andauernde Pandemie ein kleinerer Posten zu sein scheint: „Die meisten Unternehmen sind deutlich besser durch die Corona-Krise gekommen als befürchtet, und ich bin recht sicher, dass es so bleibt.“ Auf der anderen Seite hätten die Banken die pandemiebedingten „Rekordabschreibungen“gut verkraftet. Die Mehrheit habe im vergangenen Jahr ihre Gewinne gesteigert.

Für 2022 gingen die Volkswirte der Deutschen Bank laut Sewing von einem Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent aus – sie sagten aber auch voraus, dass die herrschende Inflation noch längere Zeit andauern oder sich sogar verstärken werde. Damit widersprechen Sewings Analysten denen der Europäischen Zentralbank, die weiterhin davon ausgeht, dass die aktuellen Preisanstiege nur ein vorübergehendes Phänomen seien.

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Die Geldpolitik ist demnach einer der wirtschaftlichen Risikofaktoren, die Sewing in seinem Lagebericht aufzählt, die Störungen der globalen Lieferketten, das angespannte politische Klima, etwa zwischen USA und China, aber auch an den Grenzen der Europäischen Union sind weitere, die Folgen des Klimawandels sowieso.

Als globalen „potentiellen Brandherd“ bezeichnet der Banker die ständig steigende Verschuldung beinahe aller Staaten weltweit. „Dieses komplexe Umfeld macht es existentiell, dass sich eine Volkswirtschaft auf gute Banken verlassen kann“, sagt Sewing und sieht darin zugleich große Chancen für das eigene Geschäft: „Unsere Branche kann in Europa das Beste noch vor sich haben.“

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Die Banken sind also bereit für die grüne Wende, stecken nach eigener Einschätzung sogar schon mittendrin. „Im Finanzsektor steht die Ampel längst auf Grün“, sagt etwa Nicolo Salsano, Vorstandssprecher von HSBC Deutschland. Das bestätigt Cornelius Riese, Ko-Vorstandssprecher der DZ Bank, „aber die dazugehörige Straßenverkehrsordnung steht noch nicht“, kritisiert er.

„Tempo, Tempo, Tempo“

Es fehle an einheitlichen Kriterien, unter welchen Bedingungen Geschäftsmodelle als nachhaltig einzustufen seien und nach welchen Gesichtspunkten diese bilanziert werden sollen. „Wir haben gerade erst den Standort für das ISSB festgelegt, wie viele Jahre dauert es nun, bis der Standard steht?“, fragte Riese mit Blick auf die auch auf dem Kongress gefeierte Entscheidung, den Hauptsitz des International Sustainability Standards Board (ISSB) in Frankfurt anzusiedeln. Das Gremium soll global einheitliche Regeln aufstellen, wie Nachhaltigkeitsfaktoren künftig berechnet und in der Geschäftsbilanz ausgewiesen werden sollen.

Dass die verbindlichen Regeln besser schon gestern vorgelegen hätten, darin sind sich die Branchenvertreter einig, ähnlich einstimmig fällt die Einschätzung aus, dass es eine europäische Kapitalmarktunion brauche. Dass der mutmaßlich nächste Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) das Thema als „Chefsache“ bezeichnet, kommt in diesem Kreis gut an. Europa brauche einen breiter aufgestellten Kapitalmarkt, denn „mit Bankkrediten allein lassen sich diese Riesensummen nicht finanzieren“, mahnte Lutz Diederichs, Geschäftsführer von BNP Paribas in Deutschland.

Sein Kollege Salsano fordert für all diese Vorhaben „Tempo, Tempo, Tempo“ und wünscht sich von Deutschland „den Mut, auch mal vorzupreschen“. Zu schnell dürften Gesellschaft wie Gesellschafter allerdings nicht erwarten, dass in den Büchern der Banken alles grün werde: „Es braucht ein gesellschaftliches Bewusstsein, dass wir die Transformationsbegleiter sind und es nicht hilfreich wäre, alle Kunden, die noch nicht nachhaltig wirtschaften, einfach aus dem Portfolio zu werfen“, sagte Riese.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Janovic, Inga
Inga Janović
Redakteurin im Regionalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortliche Redakteurin des Wirtschaftsmagazins Metropol.
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