Modewoche in Frankfurt

„Wir müssen sexyer werden – und das wird mit der Fashion Week passieren“

Von Daniel Schleidt, Falk Heunemann und Manfred Köhler
10.06.2020
, 13:42
Abmarsch nach Frankfurt: Die Berlin Fashion Week vor einem Jahr
Dass die Modemesse künftig in Frankfurt stattfindet, stößt überwiegend auf Zustimmung. Erste Kritik gibt es an den Kosten für die Stadt. Und es kommt nur ein Teil der Modewoche.
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Bankenstadt, Heimat des größten deutschen Flughafens, Verkehrsknotenpunkt: Frankfurt steht für viele Branchen, aber für Mode? Claudio Montanini ist überzeugt: Die Ausrichtung der Fashion Week in Frankfurt kann das Image der Metropole entscheidend zum Positiven verändern. Als Präsident des Marketingclubs ist Montanini, Inhaber einer Kommunikationsagentur, ein Gesicht der Kreativszene in Rhein-Main, die von der Strahlkraft der Fashion Week profitieren soll. „Frankfurt gilt doch immer noch international als wirtschafts- und finanzstarke, aber doch langweilige Stadt“, findet Montanini. Diese Aspekte seien bei der Bewerbung um die Fashion Week auch wichtig gewesen. „Aber wir wollen und müssen doch auch interessanter und sexyer werden – und das wird mit der Fashion Week passieren.“ Montanini sagt, die neue Veranstaltung könne den Schmerz um den Verlust der IAA teilweise kompensieren. „Die Strahlkraft einer solchen Veranstaltung kann man mit Goldbarren nicht aufwiegen.“ Frankfurt sei als einzige wirklich internationale Metropole Deutschlands prädestiniert für die Messe.

Die Nachricht, dass nach dem Abgang der IAA nach München eine neue große Messe nach Frankfurt kommen wird, hat in der regionalen Wirtschaft für Aufsehen gesorgt. „Ich bin angenehm überrascht, damit hätte ich niemals gerechnet“, sagt Olaf Deneberger, Vorstand des Deutschen Designer Clubs, der seinen Sitz in Frankfurt hat. Deneberger ist überzeugt, dass die Stadt das richtige Pflaster für die Veranstaltung sei, schließlich versteckten sich viele Designer, Innenarchitekten und Textilexperten zwischen den alles überragenden Bankentürmen.

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„Umsonst kommt das alles nicht“

Er hält die Fashion Week allerdings auch für ein Riesenprojekt, wie er sagt. „Wenn Frankfurt sich wie angekündigt mit Paris und Mailand vergleichen will, muss investiert werden, umsonst kommt das alles nicht“, glaubt er. Dann brauche es einen Investitionsplan für fünf bis zehn Jahre, um die Veranstaltungen dauerhaft zu etablieren. „Wenn das funktioniert, ist es eine Jahrhundertchance.“ Deneberger meint damit explizit nicht nur Modeschöpfer, sondern weite Teile der Kreativszene. „Von der Fashion Week werden Eventagenturen, Messebauer, Werbeagenturen, aber auch Fotografen oder Choreographen profitieren.“

Für die Stadt gibt es die Fashion Week allerdings nicht kostenlos. Zehn Millionen Euro, bestätigt der Frankfurter Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU), würden die Stadt, das Land Hessen und die Messegesellschaft in den nächsten drei Jahren für die Veranstaltung ausgeben. Diese Investition sei jedoch gerechtfertigt, da der wirtschaftliche Effekt der Fashion Week um die 200 Millionen Euro betrage. Das zumindest hätten Zahlen aus Berlin ergeben, die für Frankfurt „modifiziert“ worden seien. Das Geld fließe nicht direkt an die Veranstalter, sondern werde dafür verwendet, Frankfurt als Modestadt und Stadt der Fashion Week zu bewerben. Die Linke-Fraktion im Römer sieht dies kritisch: „Fest steht, dass mit Millionenzusagen der Standort Frankfurt schmackhaft gemacht wurde“, kritisierte der Finanzpolitiker Michael Müller. Der Betrag hätte stattdessen der kreativen Szene zufließen sollen, argumentiert er.

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Ein großartiges Signal

Nach Ansicht von Ulrich Caspar bringt die Fashion Week internationalen Glanz nach Frankfurt. „Das ist ein ganz wichtiges Signal für den Messeplatz und eine wunderbare Ergänzung der bestehenden starken Branchenthemen der Messe“, äußerte der Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Wichtig sei eine Vielzahl von begleitenden Aktivitäten, für die ein großer Teil des Tourismusbeitrages, den die Wirtschaft zahle, eingesetzt werden solle. Zustimmung kommt auch vom Präsidenten der Handwerkskammer Frankfurt/Rhein-Main, Bernd Ehinger. Aufgrund ihrer Lage sei die Metropole Frankfurt als Standort für die Fashion Week ideal. Der Umzug von Berlin sei ein großartiges Signal an die Handwerker im Ballungsraum Frankfurt, die mit dem Messegeschäft befasst seien. Darüber hinaus werde das Handwerk ein integraler Bestandteil der Fashion Week sein, denn viele internationale Designer setzten auf das Knowhow des Maßschneider-Handwerks, das ohnedies ein Hidden Champion der Region sei: Im Kammerbezirk gebe es derzeit 300 derartige Betriebe. Roland Thießen, Geschäftsführer und stellvertretender Obermeister der Maßschneider-Innung Rhein-Main, sagte, die Fashion-Week sei ein Sprungbrett für junge Kollegen. Das gelte sowohl im Design wie auch in der technischen Qualifikation, schließlich sei die Ausbildung zum Maßschneider „die Grundlage aller textilen Wertschöpfung“.

Die Berliner Presse hat am Dienstag mit Bedauern auf den Wegzug der Modemesse reagiert. Im „Tagesspiegel“ ist von einem „Schlag für den Modestandort Berlin“ die Rede, die Hauptstadt habe es versäumt, die kreative Szene in der Stadt auf solide Beine zu stellen, daher sei der Umzug konsequent. Mit Blick auf die Pressekonferenz am Montag in Frankfurt, an der unter anderen Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) teilnahmen, schreibt die Kommentatorin: „So viel geturtelt hat in Berlin nie ein Politiker mit dem Thema“, in der Hauptstadt sei es eher so gewesen, „dass sich die Mode freuen durfte, mitmachen zu dürfen“.

Die „Berliner Morgenpost“ spricht von einem Rückschlag, die „Berliner Zeitung“ merkt an, „so oder so hat der Ruf der einst so gewichtigen Modewoche in Berlin in den vergangenen Jahren gelitten“. Zitiert wird der Geschäftsführer der Tourismusgesellschaft „Visit Berlin“ mit den Worten, Frankfurt und Hessen hätten den Mode-Machern ein Angebot gemacht, das man nicht ablehnen könne. Nachdem die Automobilmesse IAA nach München umgezogen sei, habe man am Main offenbar einen Ersatz beschaffen müssen nach dem Motto „Koste es, was es wolle“, so Burkhard Kieker in der „Berliner Zeitung“.

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Allerdings wird nicht die komplette Berlin Fashion Week, die aus mehreren eigenständigen Messen und Modeschauen besteht, nach Frankfurt kommen. Während die Messen Premium und Neonyt des Veranstalters Premium Group an den Main verlegt werden, wird ein Teil der Modewoche der Hauptstadt treu bleiben, wie die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Die Grünen) am Dienstag sagte: „Die Berlin Fashion Week findet weiterhin statt.“ Gemeint ist die Mercedes-Benz Fashion Week, die bisher Teil der Modewoche in der Hauptstadt war und zuletzt 11.000 Besucher gezählt hatte, gut ein Siebtel der 70.000 Besucher der gesamten Modewoche. Ebenfalls in Berlin bleiben will die About You Fashion Week des Internethändlers About You, die auf 7000 Gäste kam. Um diese Messen herum soll es laut Senatorin Pop „zusätzliche Formate“ geben.

Quelle: F.A.Z.
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Daniel Schleidt
Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.
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Ressortleiter der Rhein-Main-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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