Frankfurts DGB-Chef Jacks

„Wir machen auch Stammtischkämpfer-Schulungen“

Von Falk Heunemann
30.08.2018
, 07:58
Für den 1. September laden die Gewerkschaften zu „Rock gegen Rechts“ auf den Frankfurter Opernplatz ein. Frankfurts DGB-Chef Philipp Jacks erläutert die Ziele, eigene Fehleinschätzungen – und seine Erwartungen an die Wirtschaftsverbände.

Warum hat der Gewerkschaftsbund ein Veranstaltungsbündnis „Rock gegen Rechts“ organisiert?

Der Gewerkschaftsbund ist entstanden als Lehre aus dem Nationalsozialismus. Dieser konnte nur so stark werden, weil sich die Arbeitnehmer untereinander nicht einig waren. Deshalb wurde eine Einheitsgewerkschaft gegründet, die alle Weltanschauungen vereint. Und deswegen setzen wir uns seit der Gründung gegen Rechtsextremismus und für friedliche Konfliktlösung ein.

Aber wieso jetzt „Rock gegen Rechts“?

Gerade vor dem Hintergrund der aktuelle Geschehnisse in Chemnitz zeigt sich, dass wir einen politischen Klimawandel erleben. Es wird leider wieder gesellschaftsfähig, menschenfeindliche Positionen zu äußern. Daher ist es wichtig zu zeigen, dass eine große Menschenmenge das keinesfalls akzeptiert.

Warum gehen Sie dafür auf den Frankfurter Opernplatz, dort treffen Sie doch ohnehin vor allem Gleichgesinnte?

Wir haben uns für einen zentralen Platz entschieden, zu dem alle leicht hinkommen. Und es ist ein schöner Ort für solch eine Demonstration, gerade unter dem Spruch „Dem Wahren, Schönen, Guten.“ Dass eine Demonstration nicht der richtige Ort für eine Diskussion mit Rechtspopulisten ist, hat leider das vorletzte Wochenende in Wiesbaden gezeigt. Dort haben auf einer Demo gegen die AfD deren Anhänger nicht nur durch ihre Anwesenheit provoziert, sondern auch durch ein Schild, auf dem die NS-Judenverfolgung mit der Kritik an der AfD gleichgesetzt wurde. Ein abscheulicher Vergleich. Unter solchen Bedingungen ist kein sachlicher Austausch möglich.

Weshalb gehen Sie nicht lieber in jene Stadtteile, in denen viele Bürger rechtsextrem gewählt haben?

Da gebe ich Ihnen Recht. Das ist seit langem ein Plan von mir, in solchen Stadtteilen Informationsveranstaltungen auszurichten. Aber dafür braucht man geschulte Referenten, die nicht nur inhaltlich, sondern auch rhetorisch extrem fit sind. Es ist nicht leicht, sich der Konfrontation mit plumpen und geschlossenen Weltbildern zu stellen. Und man muss sich gut überlegen, wie man die Veranstaltungen steuert und Eskalationen verhindert, damit man nicht Referenten und Gäste in Gefahr bringt

Nun hat es solch eine Veranstaltung 20Jahre lang nicht gegeben.

Nötig und sinnvoll wäre sie eigentlich immer, aber es ist ein riesiger Organisationsaufwand, den ich auch selbst etwas unterschätzt habe. Wenn ich den Aufwand sehe, kann ich verstehen, warum es nur alle 20 Jahre dazu kommt.

Was konkret haben Sie an Aufwand unterschätzt?

Das fängt damit an, dass bereits ein Jahr im Voraus alle großen Bands ausgebucht sind. Ich bin froh über die Auswahl, die wir jetzt haben...

... wie Sängerin Fee, die Band Gastone und Balkanpop-Musiker Shantel...

...dass es alles Frankfurter sind, finde ich sehr schön, aber ursprünglich wollten wir bekanntere Bands gewinnen. Daneben gibt es eben sehr viele organisatorische Kleinigkeiten, die Zeit kosten, vom Strom für die Gastronomie bis hin zu Absprachen mit dem Ordnungsamt.

Da ging es darum, ob es sich noch um eine politische Veranstaltung handelt, oder nicht eher ein Fest?

Über diese Frage gab es durchaus längere Auseinandersetzungen. Im Gesetz steht, dass der politische Charakter erkennbar sein muss, und das ist meines Erachtens zweifelsfrei gegeben, wenn es überall große Transparente gibt, Stände von Organisationen, und viele Redebeiträge. Wir haben das schließlich mit Hilfe des Ordnungsdezernenten Markus Frank (CDU) klären können.

Aber an wen richtet sich eigentlich dieses Politkonzert, und was wollen Sie bei der Zielgruppe damit erreichen?

Das Problem heutzutage ist doch, dass man mit rationalen Argumenten viele Menschen nicht mehr erreicht – vielleicht, weil die Welt und die Demokratie oft zu komplex oder zu intransparent sind. Wir wollen daher ein emotional-politisches Zeichen für Toleranz und gegen Ausgrenzung setzen.

Sollten auch die Unternehmerverbände häufiger zu sozialen Themen Stellung beziehen?

Alle zivilgesellschaftlichen Akteure sollten den Mut haben, sich politisch zu äußern für eine Welt, in der alle Menschen Platz haben. Die Verbände und Organisationen machen das allerdings schon, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen. Der Arbeitgeberverband zeichnet sich dadurch aus, dass er mit den Gewerkschaften Kompromisse aushandelt und so für sozialen Frieden sorgt. Und die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände hat das jüngst erst vorbildlich getan, in der Debatte um das neue Wohngebiet. Dort geht es auch für Firmen um eine soziale Frage, weil sie keine Arbeitnehmer mehr finden, die in der Region bezahlbare Wohnungen finden.

Was unternimmt denn der DGB intern?

Einiges. Nur ein Beispiel: Wir bieten Seminare an, darunter die „Stammtischkämpferschulungen“, in denen man lernt, die Argumente der Rechten zu entkräften und zu zeigen, wie weit entfernt sie von der Realität sind. Aber natürlich sind auch Gewerkschaften selbst ein Spiegel der Gesellschaft und wir haben auch bei uns ein paar Rechtsextreme und Rechtspopulisten. Wir argumentieren mit ihnen, um ihre Haltung zu ändern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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