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Zuckerrübenanbau

Süße Feldfrüchte mit bitterem Beigeschmack

Von Thorsten Winter
 - 15:53
Aufgetürmt: Am Rande von Äckern in Rhein-Main sind wieder vermehrt Zuckerrüben-Hügel zu sehen.

Der Anblick der Zuckerrüben auf seinen Äckern bereitet Michael Schneller immer noch Freude. „Da hängt viel Herzblut dran“, sagt Schneller. Die Zuckerrübe sei schließlich die „Königin der Feldfrüchte“. Nur hat diese Monarchin schon einmal deutlich mehr Glanz verströmt. Das zeigt sich beim Blick auf die Erzeugerpreise. Zucker kostet an den Warenterminbörsen derzeit etwa 40 Prozent weniger als noch vor drei Jahren. Seit dem Fall der Quotenregelung in der Europäischen Union vor zwei Jahren geht es mit den Erlösen der Rübenbauern abwärts. Vor Oktober 2017 galt in der EU ein Mindestpreis für den süßen Rohstoff und gab es für Deutschland eine Mengenvorgabe für die Zuckerproduktion. Seitdem ist ein für die Landwirte und die verarbeitende Industrie schmerzhafter Lernprozess zu beobachten.

Schon vor dem Ende der Regelung hatten Abnehmer der Rüben die Bauern ermuntert, den Anbau zu forcieren. Dahinter stand die Idee, den Weltmarkt zu beliefern. Das klappt aber schlechter als gedacht, zumal die billige Rohrzuckerkonkurrenz aus Übersee nicht schläft. Das zeigt sich zum Beispiel am Kurs der Aktie des von Rübenbauern aus der Wetterau und Südhessen belieferten Südzucker-Konzerns mit Sitz in Mannheim. Das Papier hat binnen drei Jahren die Hälfte des Wertes eingebüßt. Vor einigen Tagen teilte Südzucker mit, der Verfall der Weltmarktpreise verderbe das Geschäft. Der Betriebsgewinn knickte innerhalb eines Jahres um fast die Hälfte ein, hieß es. Ähnlich verhält es sich mit dem Preis für Zuckerrüben. Erhielten die Landwirte zu Zeiten der Quote nach Angaben des Hessischen Bauernverbands zwischen 40 und 50 Euro je Tonne, so zahlen die Abnehmer nur noch etwa 30 Euro. Das ist „unterirdisch“, sagt ein Sprecher des Verbands. Früher hätten die Bauern mit der Zuckerrübe gute Erlöse erwirtschaftet. Das sei heutzutage leider nicht mehr der Fall. „Wirtschaftlich schwierig“ nennt Bauer Schneller den Rübenanbau in diesen Zeiten.

Dieser Befund schmerzt besonders Landwirte in der Wetterau und im Süden Hessens sowie im Raum Wabern und Hofgeismar in Nordhessen. Dort gebe es jeweils die von der Zuckerrübe bevorzugten tiefgründigen von Löß geprägten Böden, wie der Sprecher des Bauernverbands erläutert. Ein solcher Grund speichere nicht nur das von dieser Feldfrucht reichlich benötigte Wasser gut, er gestatte ihr auch, ihr Wurzelwerk gut auszubilden. Ein Untergrund aus Ton sowie sehr steinige Böden seien weniger geeignet. In Wabern und Hofgeismar kommt noch die Nähe zu einer Südzucker-Fabrik hinzu. Im Rhein-Main-Gebiet werden seit der Schließung der Produktionsstätte in Groß-Gerau vor gut zehn Jahren keine Rüben mehr verarbeitet. Heimische Landwirte liefern ins Werk Offstein im Kreis Alzey-Worms. Für den Abtransport bereit liegen in diesen Tagen noch wenige Rüben. In der auch und gerade durch diese Feldfrucht geprägten Wetterau ist eine Rübenmiete nahe Butzbach unweit der Autobahn 5 augenscheinlich die einzige auf weiter Flur.

Ökologische Vorteile

Das liegt an der milden Witterung, wie der Bauernverbandssprecher sagt. Werde die Rübe auf diese Weise gelagert, atme sie und verliere infolge der Wärme an Zucker. „Deshalb warten viele Bauern noch mit der Ernte.“ Zumal sie zeitlich nahe an der Abfuhr liegen sollte, die Südzucker und Dienstleister organisierten. Zu bedenken sei auch, dass die Rüben nach der langen Trockenheit noch von den jüngsten Niederschlägen profitierten und weiter wüchsen. Auch dies trage zu den im Vergleich zum Dürrejahr 2018 etwas besseren Ernteaussichten bei. Allerdings dürften die Erträge unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre liegen, heißt es beim Verband weiter.

Wie geht es angesichts niedriger Preise weiter mit dem Anbau in Hessen? „Wir hoffen, dass die Preise wieder anziehen, aber am Weltmarkt fehlen weiter die entsprechenden Signale“, sagt der Sprecher der Bauernlobby. Südzucker zielt laut Landwirt Schneller auf einen stabilen Anbau. Das klappt bisher: In diesem Jahr gedeihen Zuckerrüben hessenweit auf etwa 18.100 Hektar – das sind nur rund 1000 weniger als im vergangenen Jahr. 2016, vor der Ausweitung des Anbaus im Vorgriff auf den Fall der Quote, fand sich diese Feldfrucht nur auf 14.200 Hektar, trotz seinerzeit besserer Preise. Der Mannheimer Konzern hat die Landwirte laut Schneller zum stabilen Anbau durchaus geködert. „Wer einen Vertrag für 2019 geschlossen hat, der bekam für die vergangene Ernte eine Prämie“, berichtet der Bauer. Schneller beziffert den Aufschlag auf ein Viertel des Erzeugerpreises. „Da hat auch so mancher weitergemacht, der mittlerweile weniger Spaß an der Rübe hat“, meint er.

Dieses Durchhaltevermögen dürfte mit einer schwarzen Null belohnt werden, wie Schneller erwartet. Richtig Geld verdienen könnten Bauern mit dem süßen Rohstoff nicht. Dessen ungeachtet hat der Anbau auch ökologische Vorteile. Die Rübe erbringe mit wenig Stickstoffdünger hohe Erträge. Und sie hinterlasse wenig Stickstoff im Boden. Dies dient dem Gewässerschutz, weil sich weniger Nitrat bildet. Und ist ein Grund, weshalb Bauern wie Schneller die Zuckerrübe trotz niedriger Preise nicht fallenlassen wie die sprichwörtliche heiße Kartoffel.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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