Hochschulstandort Friedberg

Wo die Ingenieure wachsen

Von Klaus Nissen, Friedberg
Aktualisiert am 11.09.2020
 - 11:50
Matthias Willems
Friedberg ist ein Standort von Hessens größter Hochschule für angewandte Wissenschaften. Eine Studentenstadt ist es aber nicht.

Um die 6000 Studenten gibt es in Friedberg, aber man sieht sie kaum - sie sitzen nicht in Cafés herum und bevölkern abends nicht die Kneipen. Die jungen Leute lernen in den Hörsälen der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) oder schrauben in weißen Kitteln in diversen Laboren an komplexen Apparaten. Für ein Unternehmen aus Fernwald etwa erforscht eine Gruppe unter Leitung von Professor Alexander Kuznietsov gerade die Spannungen und Temperaturen von Batterien für Elektro-Autos. Diese Informationen sollen in die Ladegeräte gespeist werden. "So können wir durch eine flexible, an den Zustand der Batterie angepasste Nutzungsstrategie die Lebensdauer der Batterie verlängern und die Effizienz des Gesamtsystems verbessern," erläutert Kuznietsov.

Mit fast einer halben Million Euro Forschungsförderung vom Staat baut eine andere Gruppe mit ihrem Professor Andreas Penirschke in Friedberg für das Deutsche Elektronen-Synchroton in Hamburg einen "Ultra Low Charge Bunch Arrival-time Monitor". Das künftige Messinstrument soll Elektronenbewegungen im Bereich von Femtosekunden aufnehmen. Diese Zeiteinheit entspricht dem Billiardstel einer Sekunde. Eine dritte Forschergruppe der THM erprobt in Friedberg unter der Leitung von Professor Udo Jung, wie sich mit 3D-Druckern Metalle per Laserstrahl zu leichten und trotzdem stabilen Bauteilen für Autos oder Flugzeuge verschmelzen lassen. Eine Frankfurter Firma und das Bundesforschungsministerium finanzieren dieses Projekt.

Neuer Raum für die Hochschule

Friedberg ist also eine erfolgreiche, aber auch eine besondere Studentenstadt. 6000 junge Leute sind hier bei der THM immatrikuliert, die mit den Standorten Gießen und Wetzlar zusammen 19000 Studierende zählt. Dass sie in Friedberg weitgehend unsichtbar bleiben, liegt auch an ihrer Verwurzelung in der Region. Die meisten angehenden Maschinenbauer, Mechatroniker, Logistik- und Facility-Manager, die Wirtschafts- und Bahningenieure pendeln aus Frankfurt, Hanau, Bad Nauheim, Offenbach, Wetzlar und kleineren Orten ins günstig liegende Friedberg. Das sorgt für eine gewisse emotionale Distanz zwischen Eingesessenen und Studiosi. “Jahrelang beschwerten sich die Friedberger über falsch parkende Studenten“, erinnert sich der THM-Sprecher Erhard Jakobs. „Inzwischen versteht die Stadt viel besser, wer wir sind und was wir brauchen.“

Die Online-Flatrate: F+
FAZ.NET komplett

Sichern Sie sich alle aktuellen Informationen und Hintergründe zur Präsidentenwahl

Jetzt F+ für nur 1€/Woche lesen

Die größte hessische Hochschule für angewandte Wissenschaften braucht Platz und den bekommt sie in Friedberg. Seit der Gründung im Jahre 1971 wuchs die THM beträchtlich über das Gebäude des ehemaligen Polytechnikums hinaus. 2009 wurde gegenüber ein mehr als 18 Millionen Euro teures Zentrum für die Fachbereiche eröffnet, 2013 folgte ein Seminargebäude, danach ein Laborbau und studentische Arbeitsräume, in die das Land Hessen mehr als sechs Millionen Euro investierte. Die Stadt ließ Studentenwohnungen bauen. Bis Anfang 2022 wird die Mensa für 6,5 Millionen Euro saniert. Zwei Jahre später soll dann ein 14 Millionen Euro teures Technologiezentrum für die Maschinenbauer, Mechatroniker und Materialtechnologen in Betrieb gehen.

Die Hochschule habe gerade in Friedberg eine große Zukunft, glaubt ihr Präsident Matthias Willems. Er formuliert es so: „Im Zusammenwirken mit dem von städtischer Seite eingeschlagenen Kurs, Friedberg als Standort für Gründer und junge Technologieunternehmen attraktiver zu machen, erkennen wir eine Chance, die Wetterauer Kreisstadt als Adresse für das Hinauspendeln aus dem Frankfurter Raum künftig weiter zu etablieren.“ Die Friedberger selbst könnten sich durchaus als Bewohner einer Hochschulstadt verstehen. „Am Profil Friedbergs als einer Stadt der Bildung hat die THM einen hohen Anteil“, meint Willems. Der Hochschul-Präsident und Bernd-Uwe Domes von der Wirtschaftsförderung Wetterau werben für einen „smarten Technologie-Park“, der künftig in Teilen der ehemaligen amerikanischen Kaserne Platz finden soll. Dort könnten Unternehmen Firmen für ihre Projekte das Fachwissen der 66 Friedberger Professoren und die Kreativität der Studierenden nutzen. Zudem wären die Firmen bei der Auswahl ihres Fachkräfte-Nachwuchses auf der sicheren Seite, sagt Domes.

Quelle: F.A.Z. Metropol
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot