Höchster Porzellan-Manufaktur

Hoffen auf das Jahr des Bullen

Von Patricia Andreae
Aktualisiert am 19.09.2020
 - 14:55
Platinstreifen: Prototypen für die F.A.Z.-Sonderedition in der Porzellanmanufaktur
Ausbleibende Touristen durch die Corona-Krise machen der Höchster Porzellan-Manufaktur 1746 zu schaffen. Bei Asiaten steht sie dennoch hoch im Kurs.

Immer wieder taucht Sylke Boss den Pinsel in die Schale mit der beigefarbenen Flüssigkeit und betupft damit die Ränder rund um ein Loch an einem unförmig wirkenden Korpus. Aus einem Kunststoffkasten holt sie ein kleineres Teil und setzt es an. Stück für Stück nimmt eine Tierfigur Gestalt an. Schließlich werden ihr noch die Hörner aufgesetzt und mit einem winzigen Spatel die Haare an der Stirn modelliert. Sylke Boss ist Bossiererin bei der Höchster Porzellan-Manufaktur 1746 – ihre Berufsbezeichnung hat aber nichts mit ihrem Namen zu tun, sondern geht auf einen Fachbegriff aus der Steinbearbeitung zurück.

Der Rohling, den sie hier bearbeitet, ist in seiner Form nicht nur vielen Frankfurtern bekannt. Es ist das Abbild des Bullen aus dem Skulpturenduo „Bulle und Bär“ vor der Frankfurter Börse. Mario Effenberger, zuständig für künstlerische Entwicklung und Vertrieb im Höchster Traditionshaus, hat die Bronzeskulptur Anfang der neunziger Jahre in Abstimmung mit dem Künstler Reinhard Dachlauer in Porzellan nachgebildet.

Seither gehört das Ensemble zur Standardkollektion des Unternehmens, das nach seiner Ausgliederung aus dem Hoechst-Konzern eine wechselhafte Geschichte hatte. Seit der Insolvenz 2018 werden die Geschicke der kleinen, feinen Manufaktur von Taiwan aus gelenkt. Investor Evan Chung hat das Porzellanhaus mit den Werkstätten an der Höchster Palleskestraße finanziell gerettet und dabei unterstützt, in einen edlen Laden in der neuen Altstadt zu investieren. Chung will die Produkte der Porzellankünstler vor allem auch in seiner Heimat und im weiteren asiatischen Raum vertreiben.

Schon eine Herausforderung

Dorthin reisen die Bullen aus dem weißen Gold nun ohne Bären. Denn am 12. Februar 2021 beginnt in der asiatischen Welt das Jahr des Büffels oder Ochsen, und als solcher soll der Frankfurter Bulle, der für starke Märkte steht, den Höchstern gute Geschäfte bescheren. In zwei Größen für rund 400 und 700 Euro wird er angeboten. Nach ersten Gesprächen rechnet Effenberger damit, mehr als 500 Exemplare exportieren zu können. Eine Zahl, die für die zwölf Mitarbeiter umfassende Mannschaft schon eine Herausforderung ist. Aber eben auch ein breiter Silberstreif am Horizont. Ähnlich wie eine exklusive Sonderkollektion von Tannen und Vasen mit Platin-Streifen, die in der Vorweihnachtszeit den Lesern der F.A.Z. angeboten wird.

Die Corona-Krise hat das Geschäft auch dieses Unternehmens hart getroffen. Der neue Laden in der Altstadt musste wochenlang geschlossen bleiben, und die Veranstaltungen in der Manufaktur fielen aus. „Ohne den asiatischen Markt hätten wir etwa die Hälfte an Umsatz verloren“, sagt Effenberger. Dank der Abnehmer im Fachhandel und in der Gastronomie in Fernost werde der Rückgang nur bei etwa 20 bis 25Prozent liegen, schätzt er. Ein wichtiges Standbein sind für die Manufaktur Aufträge der Landesregierung für Varianten des Hessen-Löwen, die zu besonderen Anlässen verschenkt werden. Ebenso Geschenksets für Städte aus der Region und für Unternehmen, die Gaben für Jubilare oder Kunden fertigen lassen.

„Wir machen alles außer Gartenzwergen“, sagt Effenberger schmunzelnd. Neben dem Struwwelpeter-Geschirr gehört so auch der Dürer-Hase nach dem Multiple des Künstlers Ottmar Hörl in verkleinerter Version zu den Verkaufsschlagern – sogar mit Platinüberzug.

Nur aus der Ferne steuern

Trotz allem habe er für den Laden in der Altstadt inzwischen Kurzarbeit angemeldet, berichtet Effenberger. Der Porzellanenthusiast, der sein Handwerk in Meissen gelernt hat und dessen Hauptaufgabe eigentlich die künstlerische Entwicklung ist, hat inzwischen viele Aufgaben der Geschäftsführung übernommen. Denn Unternehmer Evan Chung kann seit Beginn der Corona-Pandemie nur aus der Ferne steuern.

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Zu den künstlerischen Projekten, die Effenberger und Chung besonders große Freude machen, gehört die Zusammenarbeit mit Studenten der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, die schon kurz nach dem Einstieg des Investors auf den Weg gebracht worden war. Ein Jahr lang hatten neun HfG-Studenten aus dem Fachbereich Kunst und Design sich mit der Porzellanherstellung beschäftigt und kleine Kollektionen von Schälchen und Vasen entworfen, die seit Juni präsentiert werden. Zu den Stücken, die dort und im Verkauf im Stammhaus besonders gut ankamen, gehören kleine Schalen, die an Abalone-Muscheln erinnern, und Vasen, die Korallen ähneln, von Felicithas Arndt. Die fragilen Kunstwerke, wie Effenberger sagt, die die Zerbrechlichkeit der Natur spiegelten, seien in Frankfurt ebenso wie in Asien sehr erfolgreich und könnten daher demnächst möglicherweise in Serie gehen. Im Laden werden sie derzeit zu Preisen zwischen 130 und 1200 Euro verkauft.

Mit Kollektionen wie diesen will das Traditionshaus neue Märkte auch für jüngere Leute erschließen. Und bald auch den Digital-Natives den Weg zum Porzellankauf auch im Netz eröffnen. Denn, was kaum möglich erscheint, es gibt zwar eine Internetseite der Manufaktur, aber bisher keinen Webshop – nun hat auch hier die Krise die Digitalisierung angeschoben. Doch auch die klassische Kundschaft soll wieder verstärkt an die Porzellankunst herangeführt werden. So will Effenberger schon im Oktober wieder Führungen für kleine Gruppen mit anschließender Teezeremonie anbieten. Dazu kooperiert sein Unternehmen mit dem Frankfurter Teehaus Ronnefeldt.

An die Tradition der Dekorationsgegenstände aus Porzellan wird mit Porzellanplatten angeknüpft, in die dreidimensionale Figuren eingebracht werden. Die wirken dann so, als brächen sie aus der starren weißen Fläche heraus. Porzellankünstler Steffen Taubhorn sitzt gerade an einem Vogel, der sich mit kräftigem Flügelschlag aus der Erstarrung zu befreien scheint – in diesen Tagen ein passendes Bild für die 1746 gegründete Manufaktur, für die 2021 ein Jubiläum ansteht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Andreae, Patricia (cp.)
Patricia Andreae
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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