Internethauptstadt Frankfurt

Engste Verbindungen

Von Inga Janović
24.09.2018
, 19:28
Nicht nur technisch auf hohem Niveau, sondern auch optisch ansprechend: Glasfaserkabel im neuen De-Cix-Rechenzentrum.
Sich Mainhattan zu nennen mag vermessen sein. Den Titel Hauptstadt des Internets trägt die Stadt zu Recht. Das liegt nicht nur am De-Cix, dem weltgrößten Austauschknoten seiner Art.
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Man muss nicht in Frankfurt gewesen sein, um mit der Stadt in engster Verbindung zu stehen. Dafür genügt es, dem Liebsten morgens ein Selfie aufs Handy zu schicken, die F.A.Z. und die Rhein-Main-Zeitung als E-Paper zu lesen oder sich via Webcam das Wetter am Strand von Rio de Janeiro anzuschauen. Mit großer Sicherheit gehen die so in Gang gesetzten Daten erst einmal durch Frankfurt, bevor sie ihre Adressaten erreichen. Denn die Stadt am Main ist die weltweit wichtigste Kreuzung aller sogenannten Datenautobahnen, die zusammen das Internet bilden. 1200 Internetkabel aus aller Welt laufen hier zusammen, durch die Glasfaserleitungen gehen in Spitzenzeiten pro Sekunde so viele Daten, wie in 150 Spielfilmen stecken.

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De-Cix heißen der Internetknoten und die dahinterstehende Betreiberfirma, sie sind die Keimzelle eines Wirtschaftszweigs, der in Frankfurt rasant wächst. Beinahe im Monatstakt werden in oder vor der Stadt neue Rechenzentren eröffnet. Um die 350 Millionen Euro investieren die Betreiber Jahr für Jahr, um möglichst nah an den Datenkreuzungen streng gesicherte Hallen zu errichten, in denen dann Unternehmen wie Amazon, Microsoft, Facebook, Vodafone und Google, die Banken, aber auch Mittelständler ihre Datenspeicher, genannt Server, unterbringen. Nur so können sie gewährleisten, dass die Suchmaschinen ihre Treffer blitzschnell ausspucken, Börsenkurse ständig aktuell sind und Bilder und Filme sofort auf dem Smartphone verfügbar sind. Insgesamt bringen es die rund 40 großen Rechenzentren auf eine Größe von bald 600.000 Quadratmetern.

Der Branchenführer hat 400 Leute

Der Betrieb dieser „Fabrikhallen von morgen“, wie es De-Cix-Geschäftsführer Harald A. Summa ausdrückt, bedarf nicht allzu vieler Mitarbeiter. Das Unternehmen De-Cix selbst kommt in Frankfurt mit 85 Angestellten aus, Branchenführer E-Shelter, der in Frankfurt 65.000 Quadratmeter Rechenzentrumsfläche anbietet und in Deutschland, Österreich und der Schweiz insgesamt zehn Standorte unterhält, braucht für all das gerade einmal 400 Menschen.

Deutlich größer ist der Bedarf an Energie. Denn das Versenden von E-Mails und Whatsapp-Botschaften, die digitale Zeichnung eines neuen Hochhauses und insbesondere das Berechnen von Kryptowährungen wie Bitcoin verbraucht enorme Mengen Strom. Die Millionen digitaler Aufträge lassen die Leitungen sozusagen heiß laufen, die Datenspeicher und Schnittstellen in den Rechenzentren müssen rund um die Uhr gekühlt werden. Wer auf seinem Tablet spielt oder surft, kann es nicht sehen, sollte es aber wissen: Auch seinetwegen rauchen die Schlote der Kraftwerke. Eine einzige Bitcoin-Überweisung verbraucht so viel Strom wie ein durchschnittlicher Amerikaner in einer Woche.

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Basis in den neunziger Jahren gelegt

Der Energiehunger ist auch deshalb so groß, weil die Daten an mehreren Orten gespeichert werden, um beim Ausfall eines Rechenzentrums jederzeit zur Verfügung zu stehen. Die Betreiber sind inzwischen der größte Kunde des lokalen Energieversorgers Mainova, noch vor dem Frankfurter Flughafen. Ein Fünftel der in der Stadt verbrauchten Energie geht auf das Konto der Rechenzentren.

Der Anfang dieser Erfolgsgeschichte liegt in den neunziger Jahren, als die Bundesregierung den Telekommunikationsmarkt liberalisierte. Schneller als andere Städte erlaubte die Frankfurter Verwaltung den Konkurrenten der Telekom, moderne Glasfaserkabel unter ihren Straßen zu verlegen. So verfügte Frankfurt zur rechten Zeit über die geeignete Infrastruktur, die der Internetknoten brauchte. Vor allem im Gebiet des Osthafens, unweit des neuen, hoch aufragenden Sitzes der Europäischen Zentralbank, und im westlichen Stadtteil Gallus stehen nun die Hallen für die Datenspeicher.

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Störungsfreie Energiezufuhr

Mainova und andere Versorger haben für die größeren unter ihnen sogar eigene Umspannwerke errichtet, um eine störungsfreie Energiezufuhr zu gewährleisten. Das Frankfurter Stromnetz gilt als besonders stabil: Während im bundesweiten Durchschnitt für dreizehn Minuten im Jahr der Strom ausfällt, gehen in Frankfurt laut Mainova maximal sieben Minuten lang die Lichter aus.

Die weltweiten Datenströme dürfte nicht einmal das tangieren, denn die Rechenzentren sind mit doppelten Anschlüssen und kleinen Dieselkraftwerken abgesichert, die im äußersten Falle anspringen sollen. Was passiert, wenn das einmal nicht funktioniert, bekamen die Branche und ihre Kunden in diesem Frühjahr zu spüren: In einem Rechenzentrum des Betreibers Interxion, in dem auch ein Teil der De-Cix-Technik steht, fiel für mehrere Stunden der Strom aus. Internetnutzer in ganz Deutschland bemerkten das: Die Filme ruckelten, Internetseiten gingen langsam oder gleich gar nicht mehr auf.

Zu erkennen, welche Bedeutung der Digitalwirtschaft zukommt, hat auch die Stadtpolitiker etwas Zeit gekostet. Dabei ist rund um den Internetknoten inzwischen ein ganzes „digitales Ökosystem“ entstanden. Das schlägt sich für die Stadt in guten Zahlen nieder: Mehr als ein Drittel der Frankfurter Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro zahlt neben der Industrie und der Finanzbranche die Gruppe der „Sonstigen“ ein. Dieser Anteil ist in nur fünf Jahren um mehr als zwölf Prozentpunkte gestiegen – eben weil auch die Rechenzentren in dieser Rubrik geführt werden. Jedenfalls weisen inzwischen Politiker jeder Couleur gern darauf hin, dass Frankfurt auch die Internethauptstadt ist. Zu Eröffnungen neuer Rechenzentren schaut nun auch der Oberbürgermeister vorbei.

Viel mehr Vorzugsbehandlung gibt es allerdings nicht. In Frankfurt sind die Grundstücke begehrt und teuer, überall müssen sich Industrie und Gewerbe gegen den Druck des Wohnungsbaus behaupten. Neuen und möglichst bezahlbaren Wohnraum zu schaffen steht ganz oben auf der Agenda der Kommunalpolitik. Da fallen die Begehrlichkeiten schnell auch auf Flächen, die bislang für Gewerbebauten vorgesehen sind. De-Cix beispielsweise hat einen Teil seiner Technik gerade mit viel Aufwand und Kosten an einen neuen Standort verlegt – zu groß war die Wahrscheinlichkeit, dass ein etwas betagtes Rechenzentrum im Gallus demnächst dem Wohnungsbau weichen muss.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Janovic, Inga
Inga Janović
Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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