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Familienkonzern Messer

„Wir liefern Lachgas für Kliniken und Stickstoff für Handys“

Von Thorsten Winter
 - 18:55

Geht es der Wirtschaft allgemein gut, florieren die Geschäfte der Hersteller von Industriegasen wie der Messer Group mit Sitz in Bad Soden. Sie hat 2017 so viel Umsatz erwirtschaftet wie niemals zuvor. Der geschäftsführende Gesellschafter Stefan Messer beziffert das Plus gegenüber dem Vorjahr auf acht Prozent. „Wir haben ein sehr gutes Geschäftsjahr hinter uns“, sagt der Familienunternehmer. Schließlich verhält es sich mit Gasen wie mit Computern: Kaum eine Branche kommt ohne sie mehr aus. Stahlkocher blasen Sauerstoff in Hochöfen, um deren Leistung zu steigern. Krankenhäuser brauchen dieses Gas ebenfalls, und zwar rund um die Uhr. Der Mittelständler aus Hessen beliefert Kliniken auch direkt.

Ein großer Markt ist auch der Lebensmittelsektor, der Industriegase zum Kühlen, Frosten oder für den Transport braucht. Durch den Einsatz von Kohlendioxid und Stickstoff bleiben Äpfel, Birnen oder auch Erdbeeren länger frisch, weicht die Tiefkühlpizza nicht unerwünscht auf. Kaffee wird mit Kohlendioxid von Koffein befreit. Gewürzhersteller mahlen Kräuter unter dem Einsatz von kühlendem Stickstoff; die Kälte verhindert, dass leckere Aromen verlorengehen. Die Autobauer nicht zu vergessen: Sie kühlen Lacke auf Kunststoffteilen und härten sie dadurch, um sie kratzerfrei polieren zu können. Und was wäre schließlich für Sprudel-Fans das Mineralwasser ohne spritzige Kohlensäure?

Stahlindustrie als Großkunde

Nun sind die Zeiten vorbei, in denen der Industriegase-Konzern Messer auch die Kohlensäure für die Mineralwasser-Marke San Pellegrino lieferte. Dieses Geschäft hat das hessische Familienunternehmen vor ein paar Jahren abgegeben. Den meisten Umsatz erzielt die Gruppe mit Stefan Messer an der Spitze aber ohnehin mit klassischen Anwendungen im verarbeitenden und produzierenden Gewerbe. In China und Vietnam, auf dem Balkan und in Osteuropa, aber auch in Peru und Deutschland zählt die Unternehmensgruppe eine Reihe von Stahlkochern und Elektronikherstellern, Unternehmen, die Abwässer behandeln, und Autozulieferer, Logistiker sowie Kunden, die medizinische Gase brauchen, zu ihren Abnehmern.

Die Umsatzverteilung nach Branchen zeigt, in wie vielen Wirtschaftszweigen Industriegase stecken. Gut ein Viertel der Erlöse erzielt Messer mit der Metall- und Stahlbranche, jeweils etwas mehr als ein Zehntel mit Chemiebetrieben und Kunststoffherstellern einerseits und Automobilfirmen sowie anderen Metallverarbeitern andererseits. Auf Elektronikunternehmen und die Lebensmittel- und Tabakindustrie entfallen jeweils sechs Prozent und fünf Prozent auf die Medizintechnik. Kleinere Anteile machen Glashersteller und das Segment Wasser/Abwasser/Abfall aus. Etwa ein Viertel der Umsätze macht Messer mit nicht näher beschriebenen sonstigen Abnehmern.

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Nun ist nicht nur in Deutschland und anderen Ländern Europas die Stimmung in Unternehmen und bei Verbrauchern gut. Die Wirtschaft wächst auch in den aufstrebenden Staaten Asiens gut, nicht zuletzt in China. Das alles spürt auch die Messer Group. Im Fernen Osten ist ihr Wachstum im vergangenen Jahr besonders stark ausgefallen. Dort hat die Gruppe schon mehrere Standorte. Zumeist stehen ihre Luftzerlegungsanlagen, die Sauerstoff, Stickstoff und das zum Schweißen benötigte Edelgas Argon herstellen, neben Stahlwerken. Nachdem die Chinesen die Stahlproduktion angesichts großer Überkapazitäten gesenkt hatten, fahren sie nun die Hochöfen wieder hoch, wie Messer sagt. Dessen ungeachtet will der Unternehmer sich in China auch andere Märkte erschließen. „Wir wollen ein bisschen raus aus dem Stahl“, sagt er.

Diesem Ziel dienen eine Zusammenarbeit mit dem Chemiekonzern BASF in dem Riesenreich und die Produktion von Lachgas. Seit Ende 2016 produziert Messer in China diesen auch als Distickstoffmonoxid bekannten Stoff und liefert ihn sowohl an Elektronikhersteller als auch an Kunden aus der Medizin, die Lachgas als Narkosemittel nutzen. „Der Verkauf läuft so gut, dass wir nun erweitern“, sagt Messer. Ausbauen will der Unternehmer auch das Geschäft mit Kohlendioxid in China. Kunden nutzen dieses Gas, um Lebensmittel etwa beim Transport zu kühlen, um Abwässer zu behandeln – oder auch, um für Blubberblasen in Limonaden zu sorgen.

In Vietnam die größte Investition

In Vietnam, einem kleinen, aber sehr wachstumsstarken Markt, setzt Messer vor allem und verstärkt auf Stahl. Dort profitieren die Hessen zum einen von der wirtschaftlichen Öffnung des Landes, wie ihr Chef berichtet. Zum anderen komme ihnen der Nachholbedarf zugute. „Die Infrastruktur muss erst aufgebaut werden, das gilt für Häuser, Brücken und Straßen, und dafür wird Stahl benötigt.“ Zudem wolle der vietnamesische Staat Importe von Stahl aus China vermeiden. So plane ein Partnerunternehmen von Messer ein großes Stahlwerk in der Landesmitte – die Hessen gehen mit und stecken um die 90 Millionen Dollar in einen Luftzerleger. „Das ist das größte Projekt überhaupt“, sagt Stefan Messer. Vier andere Luftzerleger betreibt Messer in Vietnam schon und sieht sich als größten Gasehersteller dort an, während die Firma in China mit einem Umsatz von 400 Millionen Euro hinter den Branchenriesen Linde, Praxair und Air Products rangiere.

In Vietnam beliefert Messer außerdem den Elektronikkonzern Samsung mit Stickstoff. Die Südkoreaner brauchen das Gas zur Herstellung spezieller Gläser mit abgerundeten Ecken für Smartphones. 80 000 Beschäftigte zähle die Handy-Produktion dort, 40 000 Mitarbeiter wohnten auf dem Fabrikgelände. „So etwas habe ich überhaupt noch nicht gesehen“, berichtet Messer. Das Geschäft mit Stickstoff laufe gut – „wir sprechen über eine Erweiterung“. Auch in der Asean-Region befindet sich der Familienkonzern auf Wachstumskurs. Eine Projektgesellschaft in Singapur steuert die Aktivität.

Fast so groß wie das China-Geschäft ist jenes in Westeuropa. In dieser Region erlöst Messer 350 Millionen Euro. Etwa 55 Millionen Euro davon entfallen auf den deutschen Markt, auf dem das Unternehmen seit 2007 wieder aktiv ist. Zuvor hatte es drei Jahre Konkurrenzverbot nach dem Rückkauf der Vorgängerfirma Messer Griesheim und dem 2004 aus finanziellen Gründen erfolgten Verkauf des Inlandsgeschäfts an Air Liquide. „Deutschland ist für uns immer noch ein kleiner Markt“, gibt Stefan Messer zu.

In Deutschland ein kleiner Spieler

Größer als Messer sei nach Linde, Air Liquide und den anderen Branchenriesen zum Beispiel Westfalengas. Dann gibt es noch das Sauerstoffwerk Friedrichshafen als Konkurrenten. Zuletzt hat Messer Industriegase am Standort Siegen, wo die Firma die Deutschen Edelstahlwerke versorgt, eine Abfüllanlage aufgebaut, die erweitert wird. Denn die Geschäfte laufen gut. Das Gleiche gilt für den Standort auf einem Gelände von Salzgitter.

Was man mit Industriegasen über die bekannten Anwendungen hinaus noch alles machen kann, das tüfteln Mitarbeiter im sogenannten Technicum in Krefeld aus. Der Fokus liegt auf umweltschonenden Verfahren, wie es heißt. Diesem Ziel diene etwa der Einsatz von Stickstoff statt Helium zur Kühlung von Supraleiter-Kabeln. „Wir wollen in Deutschland wachsen, aber nicht um jeden Preis.“ Allerdings arbeite die Firma an einigen neuen Projekten. Ob er darüber reden wolle? Stefan Messer schüttelt den Kopf und lächelt fein.

Das Unternehmen Der Unternehmer Der Industriegase-Hersteller Messer Group GmbH, einst ein Familienunternehmen aus Frankfurt, sitzt in Bad Soden am Taunus. Messer zählt 5500 Mitarbeiter auf der Welt, mehr als 2000 davon in Asien, etwas weniger in Zentral- und Osteuropa. In Westeuropa kommt Messer auf 1000 Beschäftigte, darunter 250 in der Zentrale. Die Gruppe hat 2017 einen Umsatzrekord von 1,2 Milliarden Euro erreicht. Sie stellt Gase wie Sauerstoff, Stickstoff, Argon und Helium her und liefert sie in alle möglichen Branchen sowie an Krankenhäuser auch für medizinische Zwecke. Stefan Messer ist geschäftsführender Gesellschafter der Messer Group. Zu seiner Unternehmensgruppe gehören außer dem Industriegase-Hersteller Messer auch die MEC-Group mit Produkten zur Schweiß- und Schneidtechnik sowie die Medizintechnik-Firma BIT. Stefan Messer ist am 20. Januar 1955 geboren und hat Industriekaufmann gelernt. Er spricht Englisch, Französisch und Niederländisch. Neben dem Beruf ist er Konsul von Slowenien, Ehrensenator der Universitäten Darmstadt und Frankfurt sowie Vizepräsident der IHK-Frankfurt. Messer mag moderne Kunst.
Quelle: F.A.Z.
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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