Kritik von Landwirten

Zu viele Bauernregeln

Von Patricia Andreae
11.09.2020
, 15:13
Frankfurter Landwirte kritisieren die Auflagen für Tierhaltung und Klimaschutz sowie den Preisdruck. Viele befinden sich in einer Zwickmühle.

Auf die Verbraucher kommt es an. Das war die Quintessenz einer Online-Debatte in Frankfurt mit Karsten Schmal, Präsident des Hessischen Bauernverbands, und Robert Hermanowski vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau unter dem Titel „Landwirtschaft – quo vadis“ auf Einladung der Polytechnischen Gesellschaft. Wo der Weg hinführt, ließ sich in dem anderthalbstündigen Dialog zwar nicht klären. Klar wurde aber, dass die Lage der Landwirte schwierig ist, was vor allem Schmal herausstellte. Die Stimmung in seinem Berufsstand sei schlecht, stellte der Verbandschef fest. Die Bauern litten unter den immer strikter werdenden Auflagen vom Gewässer- über den Klima bis zum Tierschutz ebenso wie unter dem Preisdruck.

So ergebe sich beispielsweise eine Zwickmühle, wenn man seine Kühe einerseits in gut durchlüfteten Laufställen halte und andererseits deren klimaschädliche Ausdünstungen nicht in den Himmel steigen lassen solle, erläuterte der Verbandschef, der selbst einen Milchviehbetrieb mit 200 Tieren hat. Dabei tue die Landwirtschaft schon jetzt viel für den Naturschutz durch den Erhalt von Kulturlanschaft. Sie nutze auch vielfach wissenschaftlich fundierte Methoden, um beispielsweise Insekten und das Grundwasser zu schützen. Dafür fehle es an Wertschätzung von Politik und Gesellschaft.

Immer weniger Viehhalter

Viele Neuregelungen machten für Betriebe die Schweinehaltung unattraktiv. Dazu zählt etwa der höhere Raumbedarf für die Muttersauen und geplante Vorschrifte für die Ferkelkastration und das Kupieren der Schwänze. Darum habe sich die Zahl der Zuchtsauen in den vergangenen Jahren um fast die Hälfte verringert. „Inzwischen haben wir nur noch 30.000 Zuchtsauen in Hessen“, sagte Schmal. Neue Regelungen machten hohe Investitionen notwendig, die aber lohnten sich nur auf lange Sicht. Die Politik müsse hier langfristige Planungssicherheit schaffen, sagte Schmal. Ihm bereitet es Sorge, dass sich in Hessen die Zahl der Viehhalter immer weiter verringere. Schon jetzt produziere man im Land zu wenig, um sich selbst zu versorgen.

Sorgen machen Schmal aber auch die Importe von Milch und Fleisch aus Nachbarländern wie Polen und den Niederlanden ebenso wie aus Übersee, wo mit anderen Lohn- und Umweltbedingungen bei der Erzeugung gearbeitet werde: „Das führt dazu, dass das Fleisch aus Südamerika gekauft wird und das Weiderind aus dem Odenwald liegen bleibt.“ Denn am Ende entscheide doch allzu oft der Preis, was im Einkaufskorb lande. Da sei sogar noch eine Verschlimmerung zu befürchten, wenn Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit zunähmen. Darum wünscht Schmal sich, dass auf den Packungen klar zu sehen sei, woher das Fleisch oder auch die Milch im Joghurt stamme.

Die bisweilen gespaltene Haltung bei den Konsumenten sieht auch Hermanowski als Problem. Es sei zwar gut, dass Tierwohl und Naturschutz inzwischen auf breites Interesse in der Gesellschaft stießen. Bei Lebensmitteln werde dann aber doch oft zum Billigangebot gegriffen. Darum sieht er die Politik gefragt, „Leitplanken“ einzuziehen, Regeln für nachhaltige Tierhaltung festzulegen und eine entsprechende Finanzierung zu regeln. Beim Auto hätten sich Verbraucher schließlich auch daran gewöhnt, dass es zum TÜV müsse und man einen Gurt anlege.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Andreae, Patricia (cp.)
Patricia Andreae
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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